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    Lautzenhausen: „Jed Schauer war en Puff“

    Edgar Reitz war an allem schuld. Zum Abschluss ihres Studiums suchte die Kulturwissenschaftlerin Anja S. das passende Thema.

    Die „Lautzer“ Originale ließen bei der Buchvorstellung im „Buena Vista“ die verruchten Zeiten des Hunsrückdorfes wieder aufleben (von links): Ex-Picnic-Koch Franz Thömmes, Gerichtsvollzieher Hans-Eckhard Gallo, Tänzerin Josephine, Dominik-Geschäftsführer Ossi, Autorin Anja S. und Dominik-Geschäftsführer Heimo.
    Die „Lautzer“ Originale ließen bei der Buchvorstellung im „Buena Vista“ die verruchten Zeiten des Hunsrückdorfes wieder aufleben (von links): Ex-Picnic-Koch Franz Thömmes, Gerichtsvollzieher Hans-Eckhard Gallo, Tänzerin Josephine, Dominik-Geschäftsführer Ossi, Autorin Anja S. und Dominik-Geschäftsführer Heimo.
    Foto: Werner Dupuis

    Ihr vom „Heimat-Bazillus“ infizierter Professor wusste Rat. In seinen „Bildern aus den Hunsrückdörfern“ machte Reitz einen Abstecher in das verrufene Dorf Lautzenhausen. „Schreib darüber Deine Magisterarbeit“, empfahl der Professor. Die Hunsrückerin folgte dem Rat und verfasste nach ihrem Examen auch gleich noch ein lesenswertes Buch.
    „Jed Schauer war en Puff“ – so lautet der Titel dieses besonderen Stücks Heimatliteratur. Die Autorin ist bei ihrer Recherche tief die Materie eingestiegen. Sie sprach mit Lautzenhausener Dorfbewohnern, Zeitzeugen, Akteuren und Gästen der Kneipen und Spelunken. Sie stöberte zudem in Archiven und studierte eine Vielzahl von Quellen. Entstanden ist ein knapp 200 Seiten dickes Buch, das nichts verschweigt und von einer vergangenen Epoche berichtet.
    60 Bars und Kneipen gab es zwischen 1952, als mit dem Bau des Militärflughafens Hahn begonnen wurde, und 1996, als nach dem Abzug der Amerikaner die Umwandlung der Airbase zum zivilen Airport für Ferienflieger und Frachtflugzeuge begann. Das Nachtleben in Lautzenhausen war legendär. Zumindest jeder männliche Hunsrücker kannte eine schlüpfrige Geschichte – auch wenn sie nur seiner Fantasie entsprang. Es ab 110 Konzessionen und jede Menge Geschäftsführer. Mit den „Veronikas“ – so hießen im Amtsdeutsch die leichten Mädchen – prägten sie das Bild des Dorfes. Vier Mark war in den Anfangsjahren ein Dollar wert. Da war es lukrativer, die Scheune zum Etablissement umzubauen, als weiterhin Kühe zu melken.

    „Wo früher Huhn und Hahn gegackert, wird heute Rock'n' Roll gewackelt. Was früher mal ein Saustall war, ist heute wieder ein Bar, und somit was es früher war“. So hieß es in der Gründerzeit. Natürlich wurde nicht jede Scheune umgebaut. Aber noch heute hält sich dieses Klischees hartnäckig. Lautzenhausen hatte sein ganz besonderes Flair: Zwischen den grellen Leuchtreklamen dampften weiter die Misthausen. In der Hoffnung, die schnelle Mark zu verdienen, verdingten sich in den 1960er-Jahren immer mehr Frauen als Animier- und Bardamen in dem Hunsrückdorf. Offiziell hießen sie Serviererinnen. Zum Schutz der Sittlichkeit war es den Damen von Amts wegen untersagt, sich in ungeziemender Bekleidung in den Schankräumen aufzuhalten. 1964 zählte das Einwohnermeldeamt fast doppelt soviel Frauen wie Männer in Lauzenhausen.
    In den 1970er-Jahren wurde die Gangart etwas härter. Beim Striptease zeigten sich die Tänzerinnen lasziver, die Pornofilme wurden vulgärer. Die Separées für den „besonderen Service“ wurden ausgebaut. Besonders an den Wochenenden ging es heiß her: Kegelclubs, Sport- oder Gesangvereine, Belegschaften und komplette Gemeinderäte machten ihren Jahresausflugs in dem sündigen Dorf. Wenn die Kneipen und Kirmeszelte rund herum Feierabend machten, ging es hier erst richtig los. Ein Stubbi kostete 10, der Cocktail 15 Mark. Den Piccolo gab's für 20 und die halbe Flasche Schampus für 100 Mark – die ganze Flasche war für 200 Mark zu haben. Eine Flasche Sekt war der Mindesteintritt zum Separée. Inklusive Umsatzbeteiligung verdienten die Mädchen zwischen 3000 und 6000 Mark im Monat. Spitzenverdienerinnen kamen auf 10.000 Mark.

    In den 1980er-Jahren kam das Ende. Die Bars wandelten sich mehr und mehr zu Bordellen. Prostituierte aus Osteuropa bestimmten immer mehr in der Szene. Razzien wegen des Verdachts auf Menschenhandel waren die Folge. Im Zuge der Ermittlungen wurden Betriebe geschlossen. Barbetreiber setzten sich ins Ausland ab. Besitzer und Namen der Betriebe wechselten ständig. Der Abzug der Amis in den 90er-Jahren bedeutete das endgültige Aus. Anja S. hat in ihrem Buch auch den „Verziehlcher und Stickelcher“ einen Raum gewidmet. In vielen Gesprächen schildern sie ihre Erinnerungen. Der langjährige Ortsbürgermeister Wolfgang Jakobi und sein Nachfolger Siegward Bongard gehören dazu. Aus dem Nähkästchen plauderte Franz Thömmes, der Koch, Geschäftsführer und Mann für alle Fälle. Der charmante Österreicher und Geschäftsführer Heimo war fürs Feine, sein Kollege Ossi fürs Grobe zuständig. Spannend zu lesen ist ein Exkurs mit Gerichtsvollzieher Hans-Eckhard Gallo.
    Kontakt hatte die Autorin mit Mike Schnapp, der lange Jahre der unumschränkte Boss in Lautzenhausen war und heute in Israel lebt. Josephine „die Wildsau aus Dänemark“, setzte viele Jahre mit ihrer Erotikshow Maßstäbe auf der Bühne von „Lautze“. Heute lebt sie in Süddeutschland. Bei der Präsentation des Buches im „Buena Vista“ war sie der Star. Rund 200 Gäste waren gekommen. Szenen des Wiedersehens gab es bei Stammgästen und Ehemaligen. Eine strahlende Josephine verbarg ihr Alter unter den wallenden blond gefärbten Haaren und ihrem atemberaubenden Dekolleté. „Ich habe sehr, sehr scharf gearbeitet, immer gepaart mit Ästhetik, Akrobatik und viel Humor“, erinnerte sie sich. Dabei sei es nie billig und ordinär gewesen. „Das war die schönste Zeit meines Lebens“, sagt sie stolz und es scheint, als würde sie am liebsten morgen wieder in Lautzenhausen mit ihrer legendären Schlangennummer auftreten.

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