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Buch

Joachim Mertes in Buch verstorben

Volker Boch

Joachim Mertes ist tot. Der langjährige Präsident des rheinland-pfälzischen Landtags verstarb in seinem Heimatort Buch am Montagmorgen im Alter von 68 Jahren nach schwerer Krankheit.

Die Bucher Kinder waren Joachim Mertes ans Herz gewachsen. Für den Kindergarten hat er sich während seines politischen Wirkens immer wieder stark gemacht. Als Mertes sein Amt als Ortsbürgermeister an seinen Nachfolger Tobias Vogt übergab, schenkten ihm die Kinder Rosen.
Die Bucher Kinder waren Joachim Mertes ans Herz gewachsen. Für den Kindergarten hat er sich während seines politischen Wirkens immer wieder stark gemacht. Als Mertes sein Amt als Ortsbürgermeister an seinen Nachfolger Tobias Vogt übergab, schenkten ihm die Kinder Rosen.
Foto: Werner Dupuis

Der alte und der neue Bucher Ortsbürgermeister, umringt von den Kindern des Dorfes.
Der alte und der neue Bucher Ortsbürgermeister, umringt von den Kindern des Dorfes.
Foto: Werner Dupuis

Der Rhein-Hunsrück-Kreis verliert einen führenden Kopf, der das politische Leben in der Region und in Rheinland-Pfalz entscheidend geprägt hat. „Von den politischen Persönlichkeiten, die die Region in den vergangenen Jahren hervorgebracht hat, war er eine der prägendsten“, sagte Landrat Marlon Bröhr in einer ersten Reaktion, „Joachim Mertes war eine Persönlichkeit par excellence.“

Zum 60. Geburtstag kam nahezu die gesamte Politprominenz aus Mainz nach Buch.
Zum 60. Geburtstag kam nahezu die gesamte Politprominenz aus Mainz nach Buch.
Foto: Werner Dupuis

Noch vor wenigen Tagen hatten Landrat Bröhr und Mertes miteinander gesprochen. „Ich bin sehr betroffen“, sagte Bröhr. Wie den übrigen Mitgliedern des Kreistages, der am Montagnachmittag zusammenkam, war dem Landrat tiefe Betroffenheit anzumerken. Bereits im Januar dieses Jahres hatte sich Bröhr mit den Kreisgremien dafür ausgesprochen, dem verdienten Kollegen Mertes den Ehrenschild des Kreises zu verleihen. Dazu ist es aufgrund der schweren Krebserkrankung nicht mehr gekommen. Mertes hatte die Kreispolitik über viele Jahre mit teils spitz formulierten, oft gewichtigen und mitunter auch finalen Worten maßgeblich mitgeprägt.

Ministerpräsidentin Malu Dreyer überreicht Joachim Mertes, dem Erneuerer des Mainzer Landtags, ein Bild des ehrwürdigen Gebäudes.
Ministerpräsidentin Malu Dreyer überreicht Joachim Mertes, dem Erneuerer des Mainzer Landtags, ein Bild des ehrwürdigen Gebäudes.
Foto: Werner Dupuis

Politische Wegbegleiter reagierten am Montag dankbar, dass sie noch kürzlich mit dem Bucher telefonieren oder ihn besuchen konnten. „Joachim war ein persönlicher Freund“, sagte Kreisbeigeordneter Dietmar Tuldi, „ich bin sehr betroffen.“ Auch, weil er den „Achim“ immer als Kämpfer für die Sache erlebt hatte, als einen in Buch tief verwurzelten Menschen, der weit über die Region hinaus Spuren hinterlassen hat, doch immer wusste, wo seine Heimat war.

Als symbolische Würdigung seiner vielfältigen Verdienste wurde Joachim Mertes der „Ordre Nationale du Mérite“ verliehen. Der französische Botschafter Maurice Gourdault-Montagne überreichte dem Landtagspräsidenten die hohe Auszeichnung am 11. März 2014 im Mainzer Landtag.
Als symbolische Würdigung seiner vielfältigen Verdienste wurde Joachim Mertes der „Ordre Nationale du Mérite“ verliehen. Der französische Botschafter Maurice Gourdault-Montagne überreichte dem Landtagspräsidenten die hohe Auszeichnung am 11. März 2014 im Mainzer Landtag.
Foto: Werner Dupuis

Mehr als drei Jahrzehnte prägte Mertes das Wirken der SPD auf Landesebene. Von 2006 bis 2016 bekleidete er als Landtagspräsident in Mainz das höchste Amt seiner politischen Karriere. Mertes lebte und liebte dieses Amt. Sein Nachfolger als Parlamentspräsident, Hendrik Hering, würdigt den Sozialdemokraten: „Joachim Mertes war ein leidenschaftlicher Vollblutpolitiker, ein selbstbewusster Abgeordneter und Präsident des Landtags sowie ein wortgewaltiger Redner.“

Mit ihrem Präsidenten gehen auch seine engsten Mitarbeiter in Ruhestand: Sekretärin Angelika Gotthardt und Fahrer Helmut Zimmer.
Mit ihrem Präsidenten gehen auch seine engsten Mitarbeiter in Ruhestand: Sekretärin Angelika Gotthardt und Fahrer Helmut Zimmer.
Foto: Werner Dupuis

Mertes gehörte dem Landtag von 1983 bis 2016 an. „Er war ein kritischer Kopf, der sich nicht davor gescheut hat, eine klare Kante zu zeigen. Das Parlament war für ihn ein lebendiger Ort der Begegnung“, sagte Ministerpräsidentin Malu Dreyer. „Wie für kaum einen anderen waren für ihn Heimatverbundenheit und Weltoffenheit, der Einsatz für die Menschen in seinem Land und in Europa von zentraler Bedeutung“, ergänzte Hering. „Wir trauern um einen großartigen Menschen und Politiker.“

Monsieur le Président.
Monsieur le Président.
Foto: Werner Dupuis

Die tiefe Heimatverbundenheit von Joachim Mertes kam nicht nur durch sein mehr als vier Jahrzehnte währendes Wirken im Kreistag zum Ausdruck, sondern vor allem in seiner Funktion als Bucher Bürgermeister. 35 Jahre war Mertes Mitglied des Gemeinderats, 25 Jahre diente er Buch als Bürgermeister. Hier hatte er seine Liebe und seine Heimat gefunden, ohne jede Frage zog es ihn immer dorthin zurück, wo er seine innere Ruhe fand: nach Buch.

Engagierter Streiter für die Sache

Diese Verwurzelung beeindruckte Mertes' Begleiter fortwährend, denn sein Agieren war geprägt von Verbindlichkeit. So erlebte auch Hans-Josef Bracht den Politiker, mit dem sich in mancher Angelegenheit hart, aber fair ringen ließ. „Wir waren in vielen Fragen unterschiedlicher Meinung, aber unser Verhältnis war sehr vertrauensvoll“, sagte Bracht, der unter anderem zehn Jahre lang Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU-Fraktion im Landtag war, als Mertes Landtagspräsident war. Bracht wusste, dass ein Wort bei Mertes galt und dieser sich für die Region einsetzte. „Man konnte sich immer aufeinander verlassen“, sagte der CDU-Kreischef und Landtagsvizepräsident. „Ich bin bestürzt und sehr traurig über den jetzt doch überraschenden Tod meines langjährigen Kollegen. Ich danke Joachim Mertes für dieses kollegiale Miteinander.“

Ein langjähriger Begleiter war Landrat a.D. Bertram Fleck, der ein enges persönliches Verhältnis zu Mertes pflegte, viele Sachthemen parteiübergreifend mit ihm besprach und Mertes zum 60. Geburtstag wie folgt beschrieb: „Er hat ein viel weicheres Herz, als er nach außen darstellt. Er ist nicht besonders zurückhaltend, Dinge aufzugreifen, er arbeitet pragmatisch und ergebnisorientiert.“

Buch war für Joachim Mertes mehr als eine Wahlheimat

Am 18. April 1949 wurde Joachim Mertes in Trier geboren. Doch der gelernte Bäcker und spätere Berufssoldat fand früh seine tiefe Liebe im und zum Hunsrück. Buch wurde viel mehr als eine Wahlheimat für den Politiker, der den Ort und dessen Menschen während seiner gesamten Karriere niemals aus dem Blick verlor.

„Für ihn war das Amt des Bürgermeisters eine Herzensangelegenheit“, sagt Tobias Vogt, der Mertes im Amt als Ortsbürgermeister nachfolgte und sich schon vor seiner Wahl im Jahr 2014 darüber freute, dass Mertes der erste Bucher war, der sich als Unterstützer Vogts eintrug. „Obwohl er ja nicht aus Buch stammte, war es seine Heimat, die ihm sehr wichtig war“, erklärt Vogt, der den schwer erkrankten Mertes noch am Samstag besucht hat. „Wir hatten ein gutes Verhältnis“, beschreibt er das offene Miteinander, das nicht von den unterschiedlichen Farben der Parteibücher geprägt war.

Sie einte ihr Wunsch, Buch nach vorn zu bringen. Bei Mertes' Verabschiedung blickte Vogt Ende November 2014 auf die wichtigsten Projekte in der Ära seines Vorgängers zurück: Ausbau der Dorfstraße, Neubau einer Umgehung, 950-Jahrfeier, Sanierung des Gemeindehauses und die konsequente Investition in die Dorferneuerung. Mertes stellte zudem die Weichen dafür, dass Buch aus der Pacht von drei Windrädern seine Finanzen konsolidierte. Nicht zu vergessen die aufwendige Sanierung der mittelalterlichen Burgruine Balduinseck. Diese war nach dem Kindergarten das zweite Lieblingsprojekt des Politikers.

Und die Bucher mochten ihren „Achim“: Zur Feier seines 60. Geburtstags am 18. April 2009 war neben der Politprominenz aus Mainz die Dorfbevölkerung ins Gemeindehaus gekommen. Die Blaskapelle Klingendes Hunsrückland Buch spielte, und es wurde ein Fest, bei dem sich die beiden, manchmal fremd erscheinenden Ebenen, Land und Gemeinde, ganz nahe kamen. Der damalige Ministerpräsident Kurt Beck nannte Mertes den „Inbegriff eines Vertreters und Repräsentanten der Bürgerschaft“.

Als Mertes drei Jahre zuvor, am 18. Mai 2006, zum Landtagspräsidenten gewählt worden war, hatte die Bucher Bürgerschaft in Mainz Spalier gestanden: Die Bucher schwenkten Fähnchen, die das Bucher Wappen schmückten und sprachen „ihrem“ Präsidenten Glückwünsche aus. Mertes bedankte sich „für die freundliche Geste“ und griff diesen Besuch gleich in seiner ersten Rede als Parlamentschef auf. „Mir hilft die Bucher Luft , die gibt mir Stärke.“ vb/tor

Von unseren Redakteuren Volker Boch und Thomas Torkler

Thomas Torkler zum Tod von Joachim Mertes

Vergangenheit, an die ich gern zurückdenke

Seine Ämter alle aufzuzählen, wäre an dieser Stelle die eine Sache. Doch das ist es nicht, was in Erinnerung bleibt. Sogar Journalisten wissen nicht immer alles und sind dankbar für jemanden, der einem in großem Vertrauen komplizierte politische Zusammenhänge näherbringt und Dinge erläutert – ohne sofort die parteipolitische Brille aufzusetzen. „Ach, Herr Torkler“, tönte es dann markant aus dem Telefonhörer. Es folgte meist ein äußerst informatives, häufig auch humorvolles Gespräch über die Dinge der großen und kleinen Politik. Unzählige Pressetermine durfte ich mit ihm erleben und mich auf seine meist kurzen und knackigen Redebeiträge, eingebettet zwischen häufig gähnend langweiligen Grußworten, freuen – sogar auch einmal an einem Samstagmorgen um 8.30 Uhr. Da schauten sich zwei wenig elanvoll dreinblickende Herren leicht fröstelnd auf einem Marktplatz an, warteten auf den Beginn der Veranstaltung, und noch bevor der Journalist dem Politiker gegenüber eine Bemerkung zum frühen Termin machen konnte, hatte dieser schon den Braten gerochen: „C'est la guerre“ (das ist der Krieg), meinte der Frankreich-Freund angesichts der frühen Morgenstunde nur lapidar. Und häufig reichte nur ein kleines Augenzwinkern über die Köpfe der Gäste hinweg – man verstand sich und hatte Verständnis füreinander. Das ging sogar so weit, dass – ebenfalls an einem Samstag – unsere Zeitung Wind davon bekommen hatte, dass Joachim Mertes zum Landtagspräsidenten gekürt werden sollte. Diese Nachricht musste natürlich noch aktuell in die Montagsausgabe. Nach einem Anruf standen wir zur Mittagszeit in Buch auf der Matte. Der leidenschaftliche Koch hatte Spaghetti Carbonara auf dem Herd. „Ihr esst natürlich mit, ich hab' ein bisschen mehr gemacht, als Ihr Euch angekündigt habt“, lautete seine Anweisung. So interviewte es sich äußerst entspannt.

Aber es konnte auch weniger entspannt zugehen. Da erlebte der Journalist auch schon mal vor der Redaktionskonferenz einen wütend tobenden Streiter am anderen Ende der Telefonleitung. Auch das werde ich vermissen.

Am meisten jedoch werden mir seine fröhliche Art und seine Menschlichkeit fehlen. Auch wenn es hin und wieder ins Private ging, unsere Kontakte waren naturgemäß beruflicher Natur. Vermisst habe ich diese schon während der Zeit seiner schweren Krankheit. Nun ist es traurige Gewissheit, dass sie Vergangenheit sind. Vergangenheit, an die ich mit Freude zurückdenke.

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