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Simmern

Dietmar Weber erreicht sein Ziel: Gegen Träume ist Krebs chancenlos

Selbst in den düstersten Momenten bietet das Leben Anlass zu großer Fröhlichkeit. Voller Freude will Dietmar Weber an diesem Freitagmorgen auf dem Simmerner Schlossplatz ein letztes Mal ins Ziel laufen. Das hat sich der 59-Jährige aus Krastel fest vorgenommen. Einmal noch den Hunsrück-Marathon ins Ziel bringen. Nach einem jahrelangen Kampf gegen den Blutplasmakrebs, vielen Monaten in der Uniklinik Mainz und der Gewissheit, dass die Medizin nichts mehr ausrichten kann gegen diese bestialische Erkrankung.

Dutzende Freunde, Verwandte und Arbeitskollegen kamen nach Simmern, um Dietmar Weber zu begleiten. Foto: Werner Dupuis​
Dutzende Freunde, Verwandte und Arbeitskollegen kamen nach Simmern, um Dietmar Weber zu begleiten.
Foto: Werner Dupuis​

Dutzende Freunde stehen auf dem Schlossplatz Spalier

Gemeinsam zum sportlichen Ziel: Der schwerst kranke Dietmar Weber und die Kollegen seines Arbeitgebers absolvierten einen besonderen Zieleinlauf.  Foto: Werner Dupuis
Gemeinsam zum sportlichen Ziel: Der schwerst kranke Dietmar Weber und die Kollegen seines Arbeitgebers absolvierten einen besonderen Zieleinlauf.
Foto: Werner Dupuis

Trotz all der Sorgen, Ängste, und Dunkelheiten des Leidens, die mit seiner Erkrankung verbunden sind, strahlt Weber an diesem Vormittag. Als er gemeinsam mit seiner Frau Birgit und Pfarrer Norbert Deutsch kurz vor 11 Uhr in Simmern aus dem Auto steigt, stehen Dutzende Freunde, Kollegen und Wegbegleiter bereit. Nach und nach haben sie sich auf dem Schlossplatz zuvor gesammelt, eine große Traube von Menschen: Mitarbeiter des Fertighausunternehmens DFH, für das Weber viele Jahre gearbeitet hat, Nachbarn und Familie. Es ist eine tags zuvor organisierte Gemeinschaft, die sich neben den Stühlen eines Eiscafés und vor den Türen des Standesamtes zusammengefunden hat. Während die Menschen Besorgungen nachgehen und sich an diesem Vormittag trauen lassen, möchte Weber in Simmern gemeinsam mit seinen Freunden etwas ganz Besonderes erledigen: sich einen Traum erfüllen.

Eine Ehrung voller Respekt und Anerkennung: Ottmar Berg (links) überreicht Dietmar Weber sein Marathon-Zieleinlauf-Shirt.   Foto: Werner Dupuis
Eine Ehrung voller Respekt und Anerkennung: Ottmar Berg (links) überreicht Dietmar Weber sein Marathon-Zieleinlauf-Shirt.
Foto: Werner Dupuis

In den vergangenen Tagen, als deutlich geworden war, dass der Kampf gegen den Krebs nicht zu gewinnen sein würde, haben sich Pfarrer Norbert Deutsch und Dietmar Weber über Wünsche und Ziele unterhalten. „Ich habe schon viele Läufe mitgemacht“, sagt Weber. Die Rhein-Hunsrück-Laufserie, Halbmarathons, Wettbewerbe in seiner Heimatregion und auch darüber hinaus. „Im Jahr 2009 war ich bei 18 Läufen dabei.“ Trotz einer langjährigen Diabetes-Erkrankung, die für viele Grund genug wäre, überhaupt keinen Sport zu machen. Trotz seiner Vorgeschichte eines schweren Motorradunfalls im Alter von 18 Jahren, den er überstanden hatte. „Ich habe immer gekämpft“, sagt Dietmar Weber mit einem überzeugten Lächeln im Blick. Als ihn Pfarrer Norbert Deutsch fragt, welchen Traum er hat, erinnert sich der 59-Jährige daran, dass er seinen letzten Start beim Hunsrück-Marathon nicht zu Ende gebracht hat. Ein paar Meter des Halbmarathonlaufs fehlten damals wegen einer Unterzuckerung.

Anschließend ging es ungeplant im rassigen Sportwagen nach Haus.  Karl Dhein aus Dudenroth erklärte sich spontan dazu bereit, Dietmar Weber in seinem Ford Mustang nach Krastel zu fahren. Foto: Werner Dupuis
Anschließend ging es ungeplant im rassigen Sportwagen nach Haus. Karl Dhein aus Dudenroth erklärte sich spontan dazu bereit, Dietmar Weber in seinem Ford Mustang nach Krastel zu fahren.
Foto: Werner Dupuis

Aus dem Gespräch heraus entwickelt sich die Idee, diesen verpassten Zieleinlauf des Hunsrück-Marathons nachzuholen. Kurzfristig organisieren Familie, Pfarrer und Freunde den Lauf, der ein eindrucksvoller Beleg wird. Gegen die Traurigkeit. Für die Freude.

Unter dem Applaus seiner Begleiter startet Dietmar Weber in Simmern auf „seine“ Strecke, die seinen Lieben ein Stück der Traurigkeit nimmt. Trotz der schweren Erkrankung setzt er alle Energie darauf, das einst nicht erreichte Ziel jetzt zu schaffen. In einer Situation, die nicht mehr umkehrbar ist. Aber er will kämpfen, voller Freude, Mut und Stolz.

„Es darf gelacht werden“, ruft Weber den Menschen auf dem Schlossplatz zu. An diesem Tag, der für ihn etwas ganz Besonderes ist auf einem schweren Weg. Erst gratuliert er seiner Nichte Janina zum 31. Geburtstag, herzt die kleine Enkeltochter und begrüßt jeden Arbeitskollegen persönlich. Ein besonderer Dank gilt Ottmar Berg, der als Organisator des Hunsrück-Marathons sofort zugesagt hat, diesen Lauf zu begleiten. Berg hat die Startnummer 58 organisiert, Dietmar Webers Geburtsjahrgang, sowie Absperrgitter, Finishermedaille und Finishershirt. Dietmar Weber hat ein handgeschriebenes Plakat dabei, das er nach dem Lauf in die Höhe hält. Es ist seiner Frau gewidmet: „Danke, Birgit, Danke!“

Beleg für die Kraft der Liebe und des Miteinanders

Es ist ein Lauf, der die Kraft der Liebe und des Miteinanders untermauert. Dazu passt, dass – ohne jede Inszenierung – nach dem Zieleinlauf ein dunkler Ford Mustang am Schlossplatz parkt. Der Wagen gehört Karl Dhein aus Dudenroth, der in Simmern kurz etwas erledigen muss. Als er aus der Gruppe heraus gefragt wird, ob er sich vorstellen könnte, einen Beifahrer mitzunehmen, sagt er sofort zu.

Dietmar Weber hat schließlich einen zweiten Traum: Einmal in einem dieser rassigen US-Sportwagen zu fahren. Karl Dhein ist spontan dabei: „Dann fahren wir mal nach Krastel!“, sagt er und lässt den 448 PS starken Boliden mit fauchendem Motorklang an. Nach einem Lauf, der belegt, dass es für Träume niemals zu spät ist.

Volker Boch

Boppard Simmern
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