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    St. Goar

    Diebstähle, Drogen und Körperverletzung: Junger Straftäter aus der Region Mittelrhein erhält letzte Chance

    Normalerweise wäre die nächste Station für den jungen Mann das Jugendgefängnis gewesen. Weil er aber eine Ausbildungsstelle vorweisen kann, erhielt er vor dem Jugendschöffengericht eine letzte Chance – mit strengen Auflagen. Der 20-Jährige, der am Mittelrhein lebt, musste sich am Donnerstagvormittag am Amtsgericht in St. Goar verantworten. Die Staatsanwaltschaft warf ihm räuberischen Diebstahl, zweifache Köperverletzung, zweifachen Diebstahl und Drogenbesitz vor.

    Die Statue Justizia
    Die Statue Justizia.
    Foto: Peter Steffen/Archiv - dpa

    Was erschwerend hinzu kommt: Der junge Mann ist kein unbeschriebenes Blatt, sein Vorstrafenregister lang. Seit 2013 wurde er sechsmal verurteilt, weil er diverse Diebstähle begangen, Drogen gekauft und eine Falschaussage getätigt hatte. Mehrfach wurde er gerichtlich verwarnt, musste Sozialstunden leisten und hat schon zwei Wochen hinter Gitter im Jugendarrest verbracht.

    Im April erwischte ihn dann ein Mitarbeiter des Rewe-Markts in Emmelshausen dabei, wie er drei Dosen Tabak stehlen wollte. Der Angeklagte floh, ließ aber seinen Rucksack in der Nähe des Tatorts zurück, den eine Rewe-Mitarbeiterin mit in eines der Büros nahm und dort auspackte. Der Angeklagte aber kehrte in den Supermarkt zurück, weil er seinen Rucksack wiederhaben wollte, in dem sich unter anderem auch 0,3 Gramm Marihuana befanden.

    Es kam zu einer Rangelei, bei der zwei Mitarbeiterinnen Kratzer und Hautabschürfungen erlitten. Der Angeklagte floh schließlich mit seinem Rucksack ohne die gestohlenen Tabakdosen. Aufgrund von Videoaufnahmen konnte er später identifiziert werden.

    Im vergangenen Februar riss der damals 19-Jährige außerdem gemeinsam mit einem unbekannten Begleiter eine Lampe vor dem Hotel Rheinfels in St. Goar aus der Verankerung und ließ sie mitgehen. Außerdem ließ er sich abends im Bauhof einschließen, wo er Sozialstunden ableistete, und stahl 20 Euro aus der Kaffeekasse.

    Als der Richter Klaus Behrendt ihn nach diesen Taten fragte, zeigte sich der Angeklagte sofort geständig: „Das stimmt, es tut mir unglaublich leid“, versicherte er. Es sei eine schwere Zeit für ihn gewesen, seine Mutter habe ihn rausgeworfen, er habe kein eigenes Einkommen gehabt und viel Alkohol getrunken.

    Er bereue seine Taten, entschuldigte sich mehrere Male und konnte glaubhaft versichern, dass er zum 1. September eine Ausbildung in einem Handwerksberuf begonnen hat. Für seine Tätigkeit als Lehrling erhalte er zwar keinen Lohn, dafür aber eine kostenlose Unterkunft. Seit Anfang August bekomme er zudem 200 Euro Kindergeld und 400 Euro Unterhalt. Von der Handwerkskammer wird seine Ausbildung aber nicht anerkannt, weil ihm sein Lehrmeister, der selbst schon über 80 Jahre alt ist, kein Gehalt zahlen kann. „Ich kann fünf Jahre dort arbeiten und eine externe Gesellenprüfung bei der Handwerkskammer ablegen“, beteuerte der Angeklagte aber vor dem Schöffengericht. Bei seinen jüngsten Taten sei er außerdem betrunken gewesen, habe zuvor eine halbe Flasche Jägermeister geleert. Er habe auch nicht die Absicht gehabt, sich im Bauhof einschließen zu lassen, sondern sei betrunken eingeschlafen und erst wieder aufgewacht, als alle Mitarbeiter fort waren.

    Das allerdings nahm ihm Staatsanwältin Heike Kempf nicht ab und bestand darauf, Zeugen zu hören. Die vier Rewe-Mitarbeiter verneinten, dass der Angeklagte nach Alkohol gerochen habe oder getorkelt sei. „Alle Taten waren völlig zielgerichtet“, betonte die Staatsanwältin dann auch in ihrem Plädoyer und forderte neun Monate Jugendstrafe ohne Bewährung. „Der junge Mann hier hat Chancen ohne Ende bekommen“, sagte sie. Sie sprach von einem jugendlichen Intensivtäter, der jetzt handgreiflich wird, und bescheinigte ihm keine positive Sozialprognose: „Irgendwann wird er mir auch zu gefährlich.“

    Das Schöffengericht verurteilte ihn letztendlich sogar zu einer Jugendstrafe von einem Jahr. Die Entscheidung, ob die Strafe zur Bewährung ausgesetzt wird, wird aber für ein halbes Jahr zurückgestellt. Vorbewährung nennt sich diese Form, die nur im Jugendstrafrecht möglich ist. In dieser Zeit erhält der Angeklagte einen Bewährungshelfer, muss sich auf eigene Kosten drei Drogenscreenings unterziehen, neben der Ausbildung die übrigen 66 Sozialstunden ableisten, sich Drogen- und Alkoholberatungsgesprächen stellen, den entstandenen Schaden wiedergutmachen und darf seine Ausbildung ohne Zustimmung seines Bewährungshelfers nicht abbrechen.

    Richter Klaus Behrendt betonte im Hinblick auf die Ausbildung: „Das ist eine neue Perspektive, und die wollen wir Ihnen nicht nehmen.“ Er ließ aber auch keine Zweifel aufkommen, als es um die Kehrseite der Medaille ging: „Wir wollen mit dieser Entscheidung auch Druck auf Sie ausüben. Wenn das hier schiefgeht, droht ein Jahr Gefängnis.“ Es sei die allerletzte Chance. „Sie alleine haben es in der Hand“, so der Richter.

    Von unserer Redakteurin
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