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    Bewegende Worte eines Bucher Asylsuchenden: Eine Chance zum Aufbruch ins Ungewisse

    Es sind vor allem die Worte des Buchers Mohamed Sangou, die von der festlichen Übergabe der Sprachkurs-Zertifikate im Sitzungssaal des Kreishauses in Erinnerung bleiben. "Ich bin dankbar, dass ich eine Chance bekomme", sagt Sangou, "ich lerne hier jeden Tag Neues."

    Herzliche Glückwünsche: Landrat Marlon Bröhr gratulierte den Kursteilnehmern persönlich zu ihrem Erfolg.
    Herzliche Glückwünsche: Landrat Marlon Bröhr gratulierte den Kursteilnehmern persönlich zu ihrem Erfolg.
    Foto: Werner Dupuis

    Der junge Mann ist vor gut zwei Jahren in der kleinen Hunsrückgemeinde angekommen nach einer dramatischen Flucht aus seinem afrikanischen Heimatland.

    Sangou ist ein junger Mann, den der Reporter schon vor vielen Monaten in Buch kennengelernt hat. Damals, als es um ganz alltägliche Fragen ging: wie das Fahrrad die fehlende Mobilität in der kleinen Hunsrückgemeinde ersetzen konnte, wie diese so schwierige Sprache auch nur annähernd zu verstehen ist. Sangou war einer von mehreren Flüchtlingen, die in Buch angekommen waren und vom ehemaligen Kastellauner Lehrer Christof Pies engagiert unterstützt wurden. Dem Reporter ist von diesen Besuchen in Buch vor allem jene ansteckende Fröhlichkeit in Erinnerung, die der junge Afrikaner verströmte, eine positive, optimistische Atmosphäre in einer Zeit voller Fragen.

    Mohamed Sangou beschreibt die Situation vieler Flüchtlinge.
    Mohamed Sangou beschreibt die Situation vieler Flüchtlinge.
    Foto: Werner Dupuis

    Nun steht Mohamed Sangou vor der Gruppe vorwiegend junger Männer aus verschiedenen Herkunftsländern, vor den Mitarbeitern von Verwaltung und Bildungsträgern, vor Ehrenamtlichen, Landrat Marlon Bröhr und Simmerns VG-Bürgermeister Michael Boos. Sie sind alle hier, um einen wichtigen Tag zu feiern, der in diesem Saal initiiert worden ist. Der Kreisausschuss hat sich hier vor gut einem Jahr dazu entschieden, Mittel für eigene Sprachkurse freizugeben, um eine Versorgungslücke zu schließen, die eklatante Probleme bei der Integration bedeutete. 60 000 Euro hat der Kreis bereit gestellt, eine Summe, die am Ende nicht komplett abgerufen wurde, die aber so viel ermöglichte.

    Wer Mohamed Sangou zuhört, kann sich ein klein wenig ausmalen, wie positiv und wie hart die vergangenen Monate gleichzeitig gewesen sein müssen. Bei ihm und vielen anderen Flüchtlingen läuft das Asylverfahren zäh und zehrt seit Langem an den Nerven. Für diesen Tag des Feierns aber hat der Afrikaner eine kurze Rede vorbereitet und erzählt in einem beeindruckenden Deutsch, wie er die vergangene Zeit erlebt hat.

    Sangou beschreibt die Sorgen um seine Freunde und Verwandten in der Heimat, die Ungewissheit, ob er im Hunsrück bleiben darf, die Frage, ob und wo er in seinem Leben eine Zukunft haben kann. Es sind Worte, die alle Anwesenden nachdenklich machen. Die Flüchtlingsfrage ist eben nichts, was sich in Dokumenten und Fallzahlen erfassen lässt, sondern in solchen Situationen.

    Es gab auch viele sehr individuelle Begegnungen der Freude wie das Aufeinandertreffen von Dozentin Nicola Morgenroth mit ihrem Schüler Gholan Hussein Rezai.
    Es gab auch viele sehr individuelle Begegnungen der Freude wie das Aufeinandertreffen von Dozentin Nicola Morgenroth mit ihrem Schüler Gholan Hussein Rezai.
    Foto: Werner Dupuis

    So sehr die Menschen im Sitzungssaal des Kreises an diesem Morgen grundsätzlich um die schwierigen Biografien und Schicksale wissen und von den dramatischen Nöten der Menschen immer wieder erfahren, so tief schneiden Sangous Worte ein. "Das Leben weit weg von meiner Heimat ist nicht leicht", sagt der junge Mann, "auch weiß ich nicht, wie es für mich in Deutschland weitergeht. Darf ich hier bleiben? Schaffe ich die Ausbildung? Bei all diesen Gedanken fällt mir das Lernen nicht leicht."

    Mohamed Sangou hat trotz aller Hindernisse den Sprachkurs mit Erfolg abgeschlossen, ein Praktikum absolviert und hervorragend Deutsch gelernt. Seit September macht er eine Ausbildung zum Gebäudetechniker bei einem Handwerksunternehmen in Buch. Sein Beispiel zeigt, dass es bei all den offenen Fragen und mitunter großen Sorgen zum Thema Integration genügend Gründe gibt, stolz zu sein.

    Die Teilnehmer des Sprachkurses sind stolz darauf, die Herausforderung gemeistert zu haben.
    Die Teilnehmer des Sprachkurses sind stolz darauf, die Herausforderung gemeistert zu haben.
    Foto: Werner Dupuis

    Der Applaus für Sangous Rede im Sitzungssaal ist ein eindrucksvoller Beleg für eine Entwicklung, die sich auch für einen erfahrenen Beschreiber nur schwer in Worte fassen lässt. "Ich bin dankbar, dass ich eine Chance bekomme", sagt Sangou. Er hat diese Chance im Hunsrück wahrgenommen und in wenigen Monaten sehr viel gelernt. Zum Abschluss seiner Ansprache erklärt er: "Ich habe auch Schwieriges gelernt. Zum Beispiel weiß ich: Wenn jemand ,Grumbeere‘ sagt, meint er die Kartoffel."

    Das Leben ist gerade in den kleinen Dingen oft knifflig, und genauso sind es die vermeintlich kleinen Lösungen, die Großes ermöglichen.

    Volker Boch

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