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Katzenelnbogen

Zurück auf die Schulbank mit 38: Flüchtling nutzt neue Berufschance

Dagmar Schweickert

Natürlich stellt er die Kiste, die er eben noch zur Seite wuchten wollte, sofort hin, als die Kundin ihn fragt, wo sie Butterschmalz findet. Für Ocaquverdigev Zaur ist es selbstverständlich, immer höflich zu sein, hilfsbereit, „fast schon demütig“, wie sein Chef Bernhard Prinz sagt.

Mit seinen 38 Jahren ist Zaur ein außergewöhnlicher Auszubildender. Sein Chef Bernhard Prinz freut sich, dem engagierten Mann die Chance für einen beruflichen Neuanfang gegeben zu haben.  Foto: Dagmar Schweickert
Mit seinen 38 Jahren ist Zaur ein außergewöhnlicher Auszubildender. Sein Chef Bernhard Prinz freut sich, dem engagierten Mann die Chance für einen beruflichen Neuanfang gegeben zu haben.
Foto: Dagmar Schweickert

„Stell dich gerade hin, nicht wie ein Duckmäuser, zeig dich ruhig“, herrscht er ihn augenzwinkernd an. Prinz hat dem Flüchtling eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann ermöglicht und ist mehr als zufrieden mit seinem außergewöhnlichen Lehrling: Der ist 38 Jahre alt, ist in seiner Heimat elf Jahre zur Schule gegangen. Vier Jahre lang hat Ocaquverdigev Zaur in Aserbaidschan an der Universität Wirtschaft studiert, sein Studium abgeschlossen. Vor etwas mehr als zwei Jahren ist er nach Deutschland gekommen, hat Eltern und zwei Brüder samt Familien zurückgelassen.

Über Bielefeld und Trier ist er in den Einrich gekommen, wohnt nun in Herold, wo er sich willkommen und wohlfühlt. „Ich singe bei den Brunnensängern, das macht viel Spaß“, erzählt er in schon sehr gutem Deutsch. Sein Betreuer hatte vor zwei Jahren bei Bernhard Prinz, der den Rewe-Markt in Katzenelnbogen leitet, angefragt, ob er Beschäftigung für den sympathischen Mann habe.

„Ich habe ihm die Chance gerne gegeben“, erinnert sich der 66-jährige Marktleiter. Zaur packte Tiefkühlkost aus, füllte Regale auf, war fleißig, hilfsbereit und: „Er lernt erstaunlich schnell, besucht Kurse, tut viel, um sich zu integrieren. Er konnte anfangs schon Deutsch, aber wir mussten doch oft radebrechen, um uns zu verstehen. Inzwischen hat er wirklich viel dazugelernt.“

Prinz hat eine klare Meinung zur Flüchtlingsthematik: „Die Leute dürfen nicht alle zusammenwohnen, sie müssen auf dem Land verteilt werden und sollten die Chance bekommen, zu arbeiten. Das ist die beste und schnellste Art, sich zu integrieren: Die Flüchtlinge müssen sich im entsprechenden Umfeld bewegen, dann werden sie sozusagen gezwungen, Deutsch zu lernen“, betont er. Prinz findet auch für die Stimmung in Deutschland klare Worte: „Hier herrscht mittlerweile oft eine regelrechte Islamphobie. Aber man muss und sollte seine Ängste überwinden.“

Er selber habe keine Bedenken gehabt, Zaur einzustellen. „Er hat bei mir am 1. August eine dreijährige Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann begonnen.“ Prinz appelliert an andere Arbeitgeber: „Viele Unternehmen suchen händeringend Arbeitskräfte. Ich finde, man sollte den Menschen eine Chance geben. Sie müssen dann sehen, ob sie sie nutzen.“

Er empfiehlt ganz klar, es zu versuchen: „Wir haben immerhin eine Probezeit von drei Monaten, man geht also kein Risiko ein.“ Prinz hält es für ganz wichtig, offen auf die Menschen zuzugehen. „Ich habe viel Lebenserfahrung, keine Angst und keine Vorurteile. Misstrauen ist die Saat fürs Böse“, betont er.

Im Rewe-Markt Katzenelnbogen ist Zaur neben zwei deutschen Auszubildenden nun der Dritte im Bunde und macht sich gut. „Natürlich haben wir die ganz komplexen Module ein wenig nach hinten verschoben. Aber im Bereich EDV und allem, was er mit seinen bisherigen, schon sehr guten sprachlichen Kenntnissen bereits lernen kann, gibt es keine Probleme“, berichtet der Chef.

Zaur sei ein echter Glücksgriff: „Ich habe schon lange kein Berichtsheft mehr gesehen, das so ordentlich geführt war, er ist wirklich vorbildlich“, lobt er den 38-jährigen Azubi. Zaur zeige viel Eigeninitiative, sei ausgesprochen höflich. „Die Kunden mögen ihn alle“, so der Marktleiter.

Zaur besucht die Berufsschule an der Diezer NAOS. Dort ist er mit Abstand der älteste Schüler, aber fühlt sich sehr wohl: „Alle sind nett, helfen mir. Wenn ich eine Frage habe, ist das kein Problem“, strahlt er. Bernhard Prinz erzählt: „Kürzlich kam er von der Schule und war so stolz: In Mathematik kam er an die Tafel und hat natürlich geglänzt.“

Zaur ist ebenfalls sehr glücklich: „Hier ist nichts schwer, alle Leute haben mir geholfen, ich fühle mich gut hier.“ Alles läuft bilderbuchmäßig – nur ein Problem haben Prinz und Zaur doch: „Der ÖPNV zwischen Herold und Katzenelnbogen geht noch, aber wenn er zur Schule nach Diez muss und dann keine Busse fahren, müssen wir immer etwas organisieren“, erzählt der Chef. Betreuer, Nachbarn oder Prinz selber fahren den Azubi oft.

„Das Ehrenamt macht vieles möglich, aber der Staat verlässt sich auch zu oft und zu sehr nur darauf“, kritisiert Prinz. Zaur jedenfalls legt schon jetzt etwas zur Seite von seinem Azubigehalt, um den deutschen Führerschein zu machen und sich irgendwann ein kleines eigenes Auto kaufen zu können. „Das wäre schön“, sagt er und lächelt, während er dann doch schon wieder schüchtern die Augen niederschlägt.

Von unserer Redakteurin Dagmar Schweickert

Diez
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