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Limburg-Weilburg

Wenn Bäume wie Streichhölzer brechen

Gewitter mit lokalem Starkregen und Hagel, Stürme mit Orkanstärke, ja sogar Tornados – die Naturgewalten scheinen in jüngster Vergangenheit vermehrt aufzutreten. Wird das Wetter tatsächlich extremer und unberechenbarer?

Von Dorothee Henche

Bernold Feuerstein aus Villmar beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Unwettern. Er sammelt die Daten und versucht, die Wetterphänomene einzuordnen. Im Mai und Juni sind im Raum Villmar, Selters und Brechen mehrfach Niederschläge mit Starkregen aufgetreten. "Dabei handelt es sich um eine seltene Wetterlage, aber keine, die es nicht schon mal gegeben hätte", erklärt Feuerstein. Allerdings mehren sich die Anzeichen, dass sich Wetterextreme häufen. Seine Erkenntnisse bezieht er nicht nur aus seinen eigenen Aufzeichnungen, sondern auch aus Datensammlungen, die im Internet verfügbar sind.

Eine davon ist die Datenbank der European Severe Storms Laboratory (ESSL). Die Unwetterforschungsorganisation sammelt Unwetterdaten, prüft sie und stellt sie Wissenschaftlern und Laien zur Verfügung. Schätzungsweise 100 000 Einträge gibt es mittlerweile, die sich ausschließlich mit lokalen Unwettern beschäftigen.

Eine andere meteorologische Organisation ist Skywarn Deutschland, ein ehrenamtlich arbeitender Verein, dessen meteorologisch geschulte Spotter (zu Deutsch: Beobachter), Unwetter beobachten und melden. Damit helfen sie, Unwetterwarnungen der Wetterdienste zu präzisieren und leisten einen wichtigen Beitrag zur rechtzeitigen Warnung der Bevölkerung.

Wie so etwas funktionieren kann, macht Bernold Feuerstein an verschiedenen Beispielen aus der Vergangenheit deutlich. Carsten Igelbrink, der ebenfalls an Wetterphänomenen interessiert ist, hatte in Limburg am 12. Juni dieses Jahres eine sogenannte Trichterwolke entdeckt und fotografiert. Dieses Foto ist sowohl in der RLZ als auch in sozialen Netzwerken veröffentlicht worden. "Eine Trichterwolke ist ein akutes Tornadowarnsignal, denn der Luftwirbel kann am Boden Schäden anrichten, ohne dass der Wolkentrichter bis ganz herunterreicht", erklärt Feuerstein. Er hält es für sinnvoll, frühzeitig Warnungen auszusprechen und auf die Sprache der Natur zu hören, denn er weiß: "Unwetter kündigen sich an, es gibt meist deutlich erkennbare Anzeichen dafür."

Allerdings gehören Tornados zu den am schwersten vorhersagbaren Wetterphänomenen, mit denen sich Feuerstein beschäftigt. Als besonders eindrückliches Ereignis noch in guter Erinnerung ist ihm ein Superzellengewitter, das am 20. August 1992 den Raum Niederbrechen und Villmar traf.

Er beschreibt es so: "Heftige Fallböen mit bis zu 180 km/h walzten zwischen den beiden Orten auf mehreren Kilometern Breite die Maisfelder platt, brachen Bäume wie Streichhölzer, ließen Strohrundballen durch die Gegend rollen und richteten Schäden an Gebäuden an. Im Villmarer Wald östlich des Galgenberges zeugte eine schmale Schneise wie Mikado durcheinanderliegender Fichten davon, dass hier offenbar auch ein Tornado gewütet hatte."

Im Jahr 2000 referierte er bei einem Tornado-Workshop des Deutschen Wetterdienstes zu diesem Thema und ist daher oft erster Ansprechpartner bei außergewöhnlichen Wetterereignissen. Am 12. Mai 2015 erhielt er an seinem Arbeitsplatz in Heidelberg einen Anruf der Villmarer Försterin, die ihn über Tornadoschäden in Seelbach informierte.

"Ich bin fast vom Stuhl gefallen, als ich die Superzelle auf dem Radar gesehen habe", sagt Feuerstein. Hinzu kam ein Foto von Carsten Igelbrink, das eine Mauerwolke über Limburg kurz vor dem Tornado zeigte. Mit dem Begriff Mauerwolke beschreibt der Fachmann bedrohlich tief hängende Wolken unter dem rotierenden Aufwind der Gewitterzelle mit Tornadopotenzial. Ein paar Tage später fuhr Feuerstein in das betroffene Waldgebiet und fotografierte die Schäden. Die Daten des Tornados, der in Sichtweite an Villmar vorbeizog, sind in der Datenbank des ESSL erfasst. Diese füllt sich zusehends. "Es ist ausgesprochen wichtig, die Unwettergeschichte unserer Region zu dokumentieren", betont Feuerstein. Nur so lassen sich scheinbar unvorhersehbare Wetterereignisse besser berechnen.

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