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    Weilmünster

    Viel mehr als einfach nur Blasmusik

    Wenn am Mittwochabend Blasmusikmelodien durch das Industriegebiet auf der Muckenkaut in Weilmünster klingen, wundert das nur wenige: Denn dann probt die "Dicke Backe Attacke" - aktuell für die Europameisterschaft.

    Tritt bei der Europameisterschaft der böhmisch-mährischen Blasmusik im Mai in Österreich an: die "Dicke Backe Attacke" aus Weilmünster.  Foto: Keller
    Tritt bei der Europameisterschaft der böhmisch-mährischen Blasmusik im Mai in Österreich an: die "Dicke Backe Attacke" aus Weilmünster.
    Foto: Keller

    Von Christian Keller

    Will sich mit Dirigent und Landesmusikdirektor a. D. Karl Berg (links) an der Spitze mit 25 Blasmusikkapellen aus ganz Europa messen: die "Dicke Backe Attacke" aus Weilmünster.
    Will sich mit Dirigent und Landesmusikdirektor a. D. Karl Berg (links) an der Spitze mit 25 Blasmusikkapellen aus ganz Europa messen: die "Dicke Backe Attacke" aus Weilmünster.
    Foto: privat

    Mittwochabend, 19 Uhr im Industriegebiet: Feierabend. Die Maschinen stehen still und auch sonst ist um diese Uhrzeit nicht viel los im Industriegebiet. Würden nicht Tuba, Klarinette und Schlagzeug aus dem Obergeschoss einer heimischen Baufirma über den Hof schallen. In einem nicht genutzten Sozialraum für Mitarbeiter hat die heimische Blaskapelle "Dicke Backe Attacke" ihr Domizil. Schallabsorbierende Wände stehen in dem großen Raum, im Halbkreis Stühle, davor Notenständer und auch eine ausrangierte Theke.

    Oliver Schneider gibt am Schlagzeug den Takt vor und dann legt sie los, die "Dicke Backe Attacke". Elf Instrumente rufen mit Titeln wie "Mährische Freunde" oder "Wir Musikanten" schlagartig Festzeltstimmung beim Zuhörer hervor. Den Musikern ist der Spaß, den sie beim Spielen haben, anzusehen.

    Was sie alle eint, ist die Liebe und Leidenschaft zur böhmisch-mährischen Blasmusik. "Viele kennen natürlich die Klassiker wie Ernst Mosch, die mährische Blasmusik hat aber einfach noch mehr Zack", sagt Schlagzeuger Oliver Schneider. Für ihn und seine Mitstreiter ist das Ganze aber mehr als nur ein Hobby. "Wir identifizieren uns damit und sind einfach mit dem Herzen dabei", erklärt er.

    Angefangen hat alles 1999 mit einer Spaßkapelle mit sechs Personen, die eigentlich nur einmal auf einem 18. Geburtstag ein paar Stücke spielen wollte. Das klappte so gut und machte so viel Spaß, dass zunächst einmal alle vier Monate, dann alle zwei Monate und irgendwann immer regelmäßiger geprobt wurde. Zu zwei Flügelhörnern, zwei Tenorhörnern und Schlagzeug gesellten sich schnell weitere Instrumente. "Wir haben schnell gemerkt, dass eine Tuba fehlt - Dieter sorgt seitdem für den richtigen Bass", erinnert sich Dennis Fischer, Gründungsmitglied und Geschäftsführer der Kapelle. In 17 Jahren habe es natürlich immer eine gewisse Fluktuation gegeben: Mitglieder seien weggezogen, neue Musiker hinzugekommen und auch die Unterstützung durch einen Keyboarder habe man mal ausprobiert, dann aber wieder verworfen.

    Seit 2006 sorgt Sänger Gregor Büdenbender dafür, dass die "Dicke Backe" auch gesanglich zu hören ist. Denn bei den klassischen böhmisch-mährischen Melodien bleibt es nicht. Ob das "Peter Gunn Theme" aus dem Film Blues Brothers, "Mamma Maria" von Ricchi e Poveri aus den frühen 80ern oder die eigens komponierte "Dicke Backe Attacke"-Hymne ist, die Kapelle hält stets einige musikalische Überraschungen für ihr Publikum bereit. Und das ist so bunt gemischt wie die Kapelle selbst. Mit Mitte Fünfzig ist Sänger Gregor bereits das älteste Mitglied der Formation, die jüngsten Musiker sind mit Vanessa Paul und Patrick Hofmann gerade Anfang 20.

    Die "Dicke Backe" hat in den vergangenen 17 Jahren Eindruck gemacht, kann sie sich derzeit doch nicht über Buchungsanfragen beschweren, im Gegenteil: "Wir müssen etlichen Anfragen eine Abfuhr erteilen", erklärt Dennis Fischer, denn eines sei für die Musiker auch klar: Wenn "Dicke Backe Attacke", dann auch komplett und nicht in einer abgespeckten Version. Auf ungefähr zwölf Auftritte bringt es die Kapelle daher pro Jahr. Natürlich komme es auch mal vor, dass Musiker kurzfristig ausfallen, das könne man mit befreundeten Musikern kompensieren, aber der Grundgedanke, dass alle zusammenspielen, sei entscheidend, erklärt Oliver Schneider. Nicht nur beim heimischen Publikum hat sich die Formation einen Ruf erspielt, auch der ehemalige Landesmusikdirektor Karl Berg wurde auf die dynamische Truppe aufmerksam. "Auf einem Konzert in Laubuseschbach haben wir Karl kennengelernt und er war von Anfang an Feuer und Flamme und hat Potenzial in unserer Truppe gesehen", erzählt Dieter Nickel, der für den nötigen Bass an der Tuba sorgt. 2015 reifte dann der Plan, mit der Unterstützung von Karl Berg als Dirigent, die Europameisterschaft der böhmisch-mährischen Blasmusik in Brand-Nagelberg in Österreich in Angriff zu nehmen. Dort werden vom 13. bis 15. Mai die besten Blaskapellen Europas ermittelt.

    "Wir wollen mit der Teilnahme aber nicht nur uns präsentieren, sondern vor allem auch Weilmünster und unsere ganze Region", macht Oliver Schneider deutlich. In der "B"-Oberstufe - die zweithöchste Ebene künstlerischer Anforderungen - wird sich die "Dicke Backe Attacke" mit anderen Kapellen beispielsweise aus Belgien, Ungarn oder Tschechien messen. Natürlich stehe wie sonst auch vor allem der Spaß an der Blasmusik und der Austausch mit anderen Musikern im Vordergrund, erklären die Mitglieder. Eine reine Spaßveranstaltung ist die Meisterschaft aber dennoch nicht.

    Vier Juroren bewerten während der Meisterschaft unter anderem Stimmung und Intonation, Ton- und Klangqualität, Rhythmik und Metrik sowie sieben weitere Kriterien. Insgesamt werden fünf Stücke verlangt, von denen sich die Musiker einen Teil selbst aussuchen durften. Gesungen wird bei der EM nicht, aber natürlich kommt Sänger Gregor Büdenbender als Unterstützer mit nach Österreich und spätestens beim öffentlichen Auftritt nach der EM wird er vor Tausenden Blasmusikfans aus ganz Europa sicher auch die eigens komponierte "Dicke Backe Attacke"-Hymne schmettern.

    Um die Mitglieder etwas anzuspornen, stellte Landesmusikdirektor a. D. Karl Berg zumindest eine Bedingung, um sie für die EM zu trainieren und zu dirigieren: "Wir spielen nicht in der Mittel-, sondern in der anspruchsvolleren Oberstufe." Darauf haben sich die Mitglieder der "Dicke Backe Attacke", um ihren musikalischen Leiter Kai Philipps, eingelassen und jetzt heißt es: üben, üben, üben. Vielleicht klingt also demnächst doch mehr als einmal wöchentlich Blasmusik durch das Gewerbegebiet oberhalb von Weilmünster.

    Diez
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