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    Weilmünster

    Unfall mit Gärsubstrat: Wie viel Leben ist noch in der Weil?

    Einige Tage nach einer Havarie, bei der Hunderttausende Liter von Gärsubstrat in Dernbach, Bleidenbach und Weil geflossen sind, ist das Wasser der Weil wieder farb- und geruchlos. Wie stark die Tierwelt dort geschädigt wurde, soll eine Untersuchung zeigen.

    Gut 100 Meter unterhalb des Weilmünsterer Wohnmobilstellplatzes „Am Froschgraben“ mündet der Bleidenbach (rechts) in die Weil. Ab diesem Punkt bis zur gut 23 Kilometer entfernten Mündung in die Lahn an der Guntersau ist die Weil von den Folgen der Leckage bei Laubuseschbach betroffen.
    Gut 100 Meter unterhalb des Weilmünsterer Wohnmobilstellplatzes „Am Froschgraben“ mündet der Bleidenbach (rechts) in die Weil. Ab diesem Punkt bis zur gut 23 Kilometer entfernten Mündung in die Lahn an der Guntersau ist die Weil von den Folgen der Leckage bei Laubuseschbach betroffen.

    Die Umweltkatastrophe begann in der Nacht zum Donnerstag vergangener Woche in der Biogasanlage eines landwirtschaftlichen Betriebes bei Laubuseschbach. Ein Leck in einem 600.000 Liter fassenden Behälter hat etwa 500.000 Liter Gärsubstrat austreten lassen.

    Es sieht aus wie Naturidylle pur: So wie hier bei Lützendorf präsentiert sich die Weil nach der Havarie wieder mit klarem, geruchlosem Wasser. Wie viel Leben im Fluss noch übrig geblieben ist, nachdem Hunderttausende Liter Gärsubstrat aus einer Biogasanlage über den Bleidenbach in die Weil geflossen sind, soll nun eine Untersuchung feststellen.  Fotos: Jürgen Vetter
    Es sieht aus wie Naturidylle pur: So wie hier bei Lützendorf präsentiert sich die Weil nach der Havarie wieder mit klarem, geruchlosem Wasser. Wie viel Leben im Fluss noch übrig geblieben ist, nachdem Hunderttausende Liter Gärsubstrat aus einer Biogasanlage über den Bleidenbach in die Weil geflossen sind, soll nun eine Untersuchung feststellen. Fotos: Jürgen Vetter

    Ein Sprecher des Regierungspräsidiums in Gießen erläuterte im Gespräch die bisherigen Erkenntnisse zur Ursache: „An einem Behälter der Biogasanlage, dem sogenannten Nachgärer, befindet sich im unteren Bereich eine Öffnung der Behälterwand, durch welche die Rohre für die Behälterheizung hindurchgeführt sind. Diese Rohre sitzen in einer elastischen Dichtung (Ringraumdichtung), die bei dem havarierten Behälter vollständig aus ihrem Sitz herausgedrückt worden ist. Dadurch konnte das Gärsubstrat ins Freie fließen. Die Ursache für das Herausdrücken dieser Ringraumdichtung ist bislang unklar.“ Was dann geschah, hatte fatale Auswirkungen auf unzählige Lebewesen, von mikroskopisch kleinen Wasserbewohnern über Insektenlarven und Bachmuscheln bis hin zu den Fischen.

    Gärsubstrat ist ein Stoff, der die Biogasanlage bereits durchlaufen hat. Die in die Anlage eingebrachten Materialien sind also im Gegensatz zur Gülle schon von Mikroorganismen umgesetzt worden. Dabei wurde dem Substrat jeglicher Sauerstoff entzogen. Gelangt das stickstoff- und ammoniakreiche Gemisch in großer Menge in einen Bachlauf, dann entzieht es dem Wasser dort den Sauerstoff – alle auf Sauerstoff angewiesenen Wasserlebewesen ersticken, wenn nicht schnell genug Frischwasser nachläuft.

    „Natürlich sind große Umweltschäden entstanden“, bestätigte der Erste Kreisbeigeordnete Helmut Jung (SPD) und ergänzte: „Im Dernbach und im Bleidenbach sieht es schlecht aus. Die zwei Bäche sind biologisch hinüber.“ Beide Gewässer würden sich wahrscheinlich wieder erholen, doch das brauche Jahre, schätzt Jung. Mitarbeiter einer Fachfirma hatten mit aufwendigen Spülungen versucht, möglichst große Teile des Gärsubstrats aus dem Bleidenbach und dem kleinen, eineinhalb Kilometer langen Dernbach zu entfernen, der als ein Quellbach des Bleidenbachs gilt. Die Untere Wasserbehörde gab am Dienstagnachmittag bekannt, das Spezialunternehmen habe das Bett des Bleidenbachs bis Laubuseschbach gesäubert, die Arbeiten könnten zügig beendet werden.

    Deutlich besser fällt die Schadenseinschätzung des Ersten Kreisbeigeordneten aus, wenn es um die Weil geht, die ab der Einmündung des Bleidenbachs in Weilmünster bis zur etwa 23 Flusskilometer entfernten Guntersau betroffen ist, wo sie in die Lahn mündet. Die Weil habe gerade jetzt einen so hohen Durchfluss, dass die einfließenden Gärsubstratmengen relativ schnell verdünnt wurden. Das sorge für eine stärkere Durchmischung, die wiederum die Auswirkungen auf die Wasserlebewesen abschwäche. Helmut Jung sagte, aktuell lasse sich der in der Weil entstandene Schaden „noch nicht quantifizieren“. In Absprache mit dem Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) hätten Mitarbeiter der Unteren Wasserbehörde beim Landkreis Limburg-Weilburg jetzt begonnen, die Fauna der Weil von Weilmünster bis zur Guntersau zu untersuchen. Nur wenn man eine solche Erhebung habe und mit dem Ergebnis einer früheren Untersuchung vergleiche, könne man seriös sagen, wie groß der entstandene Schaden wirklich ist. Am Dienstag habe er allererste Daten der in dieser Woche begonnenen Untersuchung erhalten. „Diese ersten Ergebnisse stimmen uns hoffnungsvoll, dass nicht alles Leben in der Weil zerstört wurde“, berichtete Jung. In den Proben vom Flussgrund seien einige lebende Organismen nachgewiesen worden.

    Winfried Klein ist da nicht so optimistisch: „In der Weil ist definitiv alles tot“, sagte der Vorsitzende der Interessengemeinschaft Lahn und Gewässerwart des Fischerei-Sportvereins Oberlahn auf Nachfrage. Klein berichtete, dass er am Wochenende sogar auf der Lahn deutliche Auswirkungen des Unfalls feststellen konnte: „Die ganze Lahn war bis nach Runkel runter noch voll mit Schaum.“ Das Fazit des Runkelers fällt drastisch aus: „Das war ein Super-GAU für die Gewässer.“ Die Kreis-Wasserbehörde spricht von einzelnen verendeten Fischen, die sie im betroffenen Bereich von Weil und Bleidenbach gefunden hat. Klein geht jedoch davon aus, dass dort alle Fische getötet wurden.

    Und Gewässerwart Klein richtet den Blick auch noch in eine andere Richtung: Während jeder Eigentümer eines Hauses mit Ölheizung dafür sorgen müsse, dass deren Öltanks eine zusätzliche Rückhaltefunktion wie ein Becken haben, sei dies bei Biogasanlagen bisher noch nicht so gehandhabt worden. Nach seinen Informationen verfügt keine dieser Anlagen in der Region über eine Sicherheitseinrichtung, die den Austritt von Gärsubstrat verhindert, wenn der Behälter ein Leck hat.

    Von Jürgen Vetter

    8000 kleine Lachse haben großes Glück

    Glück im Unglück: Die Interessengemeinschaft (IG) Lahn hat derzeit in Aumenau knapp 8000 kleine Lachse auf das Aussetzen in der Weil vorbereitet. Die Jungfische sind jetzt acht bis zehn Zentimeter groß , erzählt der IG-Lahn-Vorsitzende Winfried Klein, der auch als Gewässerwart des Fischerei-Sportvereins Oberlahn tätig ist. Dass die Tiere noch nicht in der Weil ausgesetzt worden sind, sei nur dem Umstand zu verdanken, dass man noch keine Transportmöglichkeit für die Fische organisieren konnte.

    Winfried Klein und viele andere Ehrenamtliche haben unzählige Arbeitsstunden investiert in ein Wiederansiedlungsprojekt, bei dem seit Anfang der 90er -ahre immer wieder Junglachse in die Weil und die Dill gesetzt wurden.

    In Verbindung mit Renaturierungsmaßnahmen hat dieses Projekt dafür gesorgt, dass vor einigen Jahren die ersten in der Weil ausgesetzten Jungfische nach jahrelanger Wanderung durch die Meere zurückgekehrt sind, um zu laichen.

    Die 8000 Jungfische, die der Umweltkatastrophe in der Weil entronnen sind, sollen nun weit oberhalb der Einmündung des Bleidenbachs in Weilroder Gemarkung in die Weil eingesetzt werden, kündigt Klein an.

    Diez
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