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Hadamar

Teil des Systems: Ärzte waren Erfüllungsgehilfen der Nazis

In der Reihe „Hadamarer Gespräche“ legen Wissenschaftler im Limburger Rathaus ihrer Zuhörerschaft verschiedene Umstände dar, die zum Erstarken des Nationalsozialismus führten und die unsäglichen Massenmorde ermöglicht haben (die RLZ berichtete mehrfach). Eine ganz wichtige Funktion kam im System des nationalsozialistischen Staates den deutschen Ärzten zu. Darüber informiert eine Sonderausstellung, die neuerdings in der Gedenkstätte Hadamar zu sehen ist.

Regine Gabriel, pädagogische Mitarbeiterin der Gedenkstätte Hadamar, und der Initiator der Studie über die Ärzte im NS-Regime, Dr. Siegmund Drexler, vor der Plakatausstellung der Landesärztekammer Hessen in Hadamar.  Foto: Dieter Fluck
Regine Gabriel, pädagogische Mitarbeiterin der Gedenkstätte Hadamar, und der Initiator der Studie über die Ärzte im NS-Regime, Dr. Siegmund Drexler, vor der Plakatausstellung der Landesärztekammer Hessen in Hadamar.
Foto: Dieter Fluck

Die Plakatpräsentation führt dem Betrachter die Geschichte der Landesärztekammer Hessen in den Jahren 1876 bis 1956 vor Augen und befasst sich unter anderem mit der Zeit des Nationalsozialismus. Die Beleuchtung dieser Epoche basiert auf einer Studie, die im Auftrag der hessischen Landesärztekammer von der Universität Marburg erarbeitet wurde. Dabei geht es nicht vorrangig um einzelne Täter, wie sie zu Mördern auch in der Tötungsanstalt Hadamar wurden. Auf mehreren Plakattafeln wird anschaulich gemacht, wie hessische Ärzte zum Funktionieren des nationalsozialistischen Staates beigetragen und als Teil des Systems die verbrecherischen Machenschaften des NS-Regimes ermöglicht haben. Sie waren Erfüllungsgehilfen: teils aus Überzeugung, teils aber auch aus zweckmäßiger Anpassung.

Der Frankfurter Arzt Dr. Siegmund Drexler, Initiator und Beirat des Forschungsprojekts, machte bei der Einführung in die Materie deutlich, dass die Ärzte weder Befehlsempfänger noch Verführte waren. Vielmehr habe sich die Ärztekammer dem NS-Staat angeboten. Belege für interne Diskussionen oder offen vorgetragene Bedenken hätten die Forscher nicht gefunden. Drexler: „Die Medizin war ein Fundament des nationalsozialistischen Staates.“

Die Studie leistet einen Beitrag zur Aufklärung des dunkelsten Kapitels deutscher Medizingeschichte. Sie habe gezeigt, dass die Standesorganisation der hessischen Ärzte von Anfang an Teil des NS-Staates war und die Kammer unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 zentrales Instrument der NS-Gesundheits- und Rassenpolitik wurde. Die Nazis hätten nicht nur vom Renommee der Ärzte profitiert; ihre Rassenideologie habe durch die Einbeziehung der Mediziner auch einen wissenschaftlichen Anstrich bekommen. Als Funktionselite haben sie eine wichtige Rolle bei der Durchsetzung der NS-Ideologie eingenommen.

Die Bereitschaft der Ärzte zur Mitwirkung belegt unter anderem die Tatsache, dass 53,2 Prozent (mit Anwärtern sogar 63,6 Prozent) aller hessischen Ärzte Mitglieder der NSDAP waren und jeder vierte der SA angehörte. Für die beiden Gaue Hessen-Nassau und Kurhessen sei belegt, dass 4603 Ärzte der NSDAP angehörten, erklärte Dr. Siegmund Drexler.

Es hatten Tagungen und Fortbildungen der Ärztekammer und Kundgebungen des NS-Ärztebundes stattgefunden. Die so ideologisch geprägten Ärzte sahen nicht mehr den Menschen im Vordergrund, sondern die Volksgesundheit. Auch wenn das Töten nicht durch die Ärzte selbst erfolgte, so standen doch viele Mediziner kompromisslos hinter dem Konzept der Eugenik, der Erbgesundheitslehre. Sie ermöglichten die „Rassenhygiene“ als neue Leitideologie, eine ausgeprägte Leistungsmedizin und die „Gesundheitsführung“. Diese Konzepte führten zu tausendfachen Zwangssterilisationen, skrupellosen Menschenversuchen und Krankenmorden. Ärzte haben in der NS-Zeit Tod und Leiden von Menschen herbeigeführt, angeordnet oder gnadenlos verwaltet.

70 Jahre nach Kriegsende war Hessen die erste Landesärztekammer in Deutschland, die eine solche Studie in Auftrag gegeben hatte, und stellte sich damit ihrer Geschichte. Das Ärzteblatt berichtete wiederholt darüber. In der Studie ging es laut Drexler vorrangig darum, die Strukturen offenzulegen und zu ergründen, warum gerade so viele Ärzte die Ideologie der Nationalsozialisten teilten. Es gelte, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen.

Überraschend und bestürzend ist letztlich die Erkenntnis aus der Studie, wie viele der damaligen Versager in den Spruchkammerverfahren im Zuge der Entnazifizierung nach 1945 als Mitläufer oder Minderbelastete eingestuft wurden und in hervorgehobenen Positionen weiter praktizieren durften. Schließlich habe sich die Ärzteschaft nach dem Krieg erst viel zu spät zu der Schuld der Ärzte im Nationalsozialismus bekannt.

Hintergründig geht es bei diesem Thema freilich auch darum, den Bezug zur Gegenwart herzustellen; denn auch heutzutage steht die Medizin vor großen ethischen Herausforderungen. Beispielhaft seien die Diskussion über Sterbehilfe und die Studien an nicht einwilligungsfähigen Menschen, zum Beispiel Demenzkranken, genannt.

Von Dieter Fluck

Öffnungszeiten

Die Sonderausstellung „Die hessische Landesärztekammer im Nationalsozialismus“ ist bis zum 30. April in der Gedenkstätte Hadamar zu sehen.

Öffnungszeiten sind dienstags bis donnerstags von 9 bis 16 Uhr, freitags bis 13 Uhr sowie an jedem ersten und dritten Sonntag im Monat von 14 bis 17 Uhr.

Diez
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