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Limburg-WeilburgSuchtberater: Vollrausch ist nicht normal

„Mehr Komasäufer im Landkreis Limburg-Weilburg“, meldet die Krankenkasse DAK. Tatsächlich landeten 2015 mehr Jugendliche mit Alkoholvergiftung in der Klinik als 2014. Doch rechtfertigen die geringen Fallzahlen die Schlagzeile der DAK?

Der Griff zur Flasche ist für viele Jugendliche normal, Alkohol gehört zu Feiern wie selbstverständlich dazu. Das ist problematisch, wie die steigende Zahl von Alkoholvergiftungen im Kreis Limburg-Weilburg belegt. Erwachsene erweisen sich allerdings auch oft als schlechte Vorbilder.  Foto: dpa
Der Griff zur Flasche ist für viele Jugendliche normal, Alkohol gehört zu Feiern wie selbstverständlich dazu. Das ist problematisch, wie die steigende Zahl von Alkoholvergiftungen im Kreis Limburg-Weilburg belegt. Erwachsene erweisen sich allerdings auch oft als schlechte Vorbilder.
Foto: dpa

Zwölf Mal diagnostizierten Ärzte 2015 im Kreis eine Alkoholvergiftung bei Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren. Ein Jahr zuvor gab es nur sieben Fälle, 2013 nur vier. Während die Zahlen in Hessen von 640 im Jahr 2013 auf 532 im Jahr 2015 gesunken sind, steigen sie im Kreis – wenn auch auf niedrigem Niveau. Dabei landeten 2015 drei Mal so viele Mädchen in der Klinik wie Jungen.

Die Hälfte der Jugendlichen 2015 war zudem jünger als 16 Jahre und durfte damit per Gesetz gar keinen Alkohol kaufen oder konsumieren. Wer aber glaubt, dass Jugendliche mit steigendem Alter vernünftiger werden, der irrt. Bei den 18- bis 21-Jährigen kommen 2015 noch einmal acht Fälle hinzu. In dieser Altersgruppe dominieren allerdings die Jungen: Sieben von acht Patienten waren männlich. Auch hier waren die Zahlen in den beiden Jahren davor niedriger.

Erhoben hat diese Zahlen das Statistische Landesamt. Für die Statistiker sind die geringen Fallzahlen zu bedeutungslos für eine Veröffentlichung. Für Alexander Schönsiegel von der Fachstelle Suchtprävention des Kreises und seine Kollegin Sonja Schneider hingegen zählt jeder Fall. Über das Projekt „Halt – Hart am Limit“ bieten sie Jugendlichen, die mit einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus gelandet sind, noch vor Ort sogenannte Brückengespräche an. „Ich würde nicht sagen, dass ein solcher Vollrausch normal ist für die Pubertät“, sagt Schönsiegel. Betroffene Eltern müssten trotzdem nicht fürchten, dass direkt „der Abgrund einer Sucht“ anklopfe.

Die Erklärungen für eine Alkoholvergiftung bei Jugendlichen sind erst mal simpel. Sie unterschätzen die Wirkung des Alkohols, die zeitverzögert einsetzt. Zusätzlich fehlt ihnen ein Leberenzym, das den Alkohol abbaut. Auch die Überzahl von Mädchen kann sich Sonja Schneider erklären. „Ich denke, das liegt an der Wahl der Getränke.“ Mädchen griffen meist zu süßen Mixgetränken, die zwar kaum nach Alkohol schmeckten, aber hochprozentigen Schnaps enthielten.

Schwerer als die Diagnose der Ursachen fällt der Umgang mit solchen Vorfällen. Eltern, die ihr Kind in der Klinik abholen müssen, schämen sich meist. Über den Vorfall wird dann nicht gesprochen. „Außerdem passiert das in der Regel am Freitagabend. Bis Sonntag ist dann meist alles wieder okay. Die wenigsten suchen dann am Montag noch mal eine Beratungsstelle auf. Die Schwelle ist zu hoch“, sagt Schneider.

Meist sei aber im Umgang mit dem Thema Alkohol schon im Vorfeld etwas schiefgelaufen. Die Sozialpädagogen der Suchtprävention raten Eltern: die Kinder mit dem Thema nicht allein lassen, im Gespräch bleiben und Regeln aufstellen. Den Rahmen liefert das Jugendschutzgesetz. „Eltern, die ihre Jugendlichen bis drei Uhr nachts auf der Kirmes feiern lassen, machen sich strafbar“, betont Schönsiegel. Angst und Sorge hingegen seien schlechte Berater, auch die Vermittlung von theoretischem Wissen über Alkohol helfe in der Regel nicht. „Dass Kinder sich in der Pubertät zurückziehen und andere Freunde haben, ist normal. Aber wer frühzeitig Rituale pflegt wie ein gemeinsames Abendessen, bei dem sich die Familie austauscht, wird davon auch durch die Pubertät getragen“, ist Schneider überzeugt. Nur so bekämen Eltern noch mit, was im Leben ihrer Kinder passiere.

Und dann ist da noch die wichtige Sache mit dem Vorbild. Eltern sollten sich daher fragen: Wie gehe ich mit Alkohol um, zu welchen Anlässen trinken wir? Und mit den Kindern darüber sprechen. Doch wie schwierig es offenbar für Erwachsene ist, im Umgang mit Alkohol Vorbild zu sein, lässt die Statistik ahnen. Den zwölf Jugendlichen, die 2015 mit einer Alkoholvergiftung in der Klinik behandelt wurden, stehen 57 Erwachsene im Alter von 26 Jahren und älter gegenüber.

Von Kathrin Jansen

Anlaufstelle berät anonym

Die Fachstelle für Suchtprävention, Konrad-Kurzbold-Straße 3 in Limburg, ist Anlaufstelle für Eltern und Jugendliche gleichermaßen. Beraten wird anonym. Die Mitarbeiter sind zur Verschwiegenheit verpflichtet.

Rat finden nicht nur Eltern, sondern auch Jugendliche, die sich Gedanken um den Alkoholkonsum ihrer Eltern machen. Erreichbar ist die Fachstelle unter 06431/221 63 30 oder www.judro-limburg.de

Diez
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