40.000
  • Startseite
  • » Region
  • » Aus den Lokalredaktionen
  • » RLZ Diez
  • » Ortstermin am Tatort: Prozess am Bahnhof
  • Aus unserem Archiv
    Limburg

    Ortstermin am Tatort: Prozess am Bahnhof

    Nachdem der Prozess um den gewaltsamen Tod eines Herborner Polizisten schon in die Klärung von Details übergegangen war, wird es noch mal spannend: Es soll einen Ortstermin geben, und ein möglicher Belastungszeuge steht vor seiner Vernehmung.

    Die Buchstaben ACAB (All cops are bastards - Alle Polizisten sind Bastarde) hat der Angeklagte auf seine Finger tätowiert. Trieb der Hass auf die Polizei ihn zu seiner Tat an, die einen Beamten das Leben kostete?  Foto: dpa
    Die Buchstaben ACAB (All cops are bastards - Alle Polizisten sind Bastarde) hat der Angeklagte auf seine Finger tätowiert. Trieb der Hass auf die Polizei ihn zu seiner Tat an, die einen Beamten das Leben kostete?
    Foto: dpa

    Von Malte Glotz

    Beides geht auf Anträge von Nebenklage und Staatsanwaltschaft zurück: Schon am vorherigen Verhandlungstag hatte der Nebenklagevertreter darum gebeten, sich vor Ort einen Eindruck zu machen. Dem hat die Schwurgerichtskammer unter Vorsitz von Richter Andreas Janisch stattgegeben. Vor Ort sollen Fragen geklärt werden wie etwa die Brechung des Lichtes in der Scheibe des Zuges bei Dunkelheit. Was nach einer theoretischen Frage klingt, hat seinen Grund in der unterschiedlichen Interpretation der in den Prozess eingebrachten Videos aus dem Regionalzug: Die Staatsanwaltschaft wie die Nebenklage sehen darauf den Angeklagten, der nach dem Halten des Zuges Ausschau nach den hinzugerufenen Polizisten hält. Die Verteidigung, darauf hinweisend, dass der junge Mann von der Polizei nichts habe wissen können, sieht den Mann sich selbst in der Scheibe betrachtend.

    Die Nebenklage hatte gar Gutachten beantragt, wie sich die Lichtbrechung exakt verhalte. Eine Entscheidung über diesen Antrag stellte der Vorsitzende Richter Andreas Janisch hinten an: "Wenn wir das vor Ort gesehen haben, muss es uns kein Sachverständiger mehr erklären", sagte er. Auch die Verteidigung kündigte an, je nach Ergebnis des Ortstermins weitere Anträge zu stellen.

    In Herborn soll etwa auch die genaue Entfernung jener Zugtür, in der der Angeklagte stand, zum Treppenaufgang ermittelt werden, aus dem die Beamten zu dem Zug liefen. Einer von ihnen wurde in dem Kampf mit dem 27-Jährigen durch Messerstiche so schwer verletzt, dass er noch am Tatort starb. Der Zweite wäre laut Gutachten ohne medizinische Hilfe ebenfalls seinen Verletzungen erlegen - wie wohl auch der angeschossene Angeklagte.

    Diese und andere Details sollen am Abend des 26. September am Herborner Bahnhof geklärt werden. Der Termin findet in der Dunkelheit am abgesicherten Bahnhof statt, um die Lichtverhältnisse zum Tatzeitpunkt - Heiligabend um kurz nach 7 Uhr in der Frühe - möglichst korrekt wiederzugeben. "Die Hessische Landesbahn zeigt sich sehr kooperativ", sagte Janisch: So stellt das Unternehmen einen entsprechenden Zug zu Verfügung.

    Zudem wird bereits am Montagmorgen ein neuer Zeuge gehört, der derzeit in der Justizvollzugsanstalt Frankfurt I einsitzt, das hatte Staatsanwalt Dominik Mies beantragt. Der 22-jährige Häftling soll über angebliche Aussagen des Angeklagten mit Bezug zur Tat von Heiligabend berichten.

    Laut Antrag von Mies hat der junge Mann in der Pause einer Beschuldigtenvernehmung - er soll einen schweren Raub begangen haben - gegenüber den Beamten geäußert, er kenne "den Messerstecher aus Herborn".

    Die beiden Männer saßen demnach Anfang des Jahres eine Zeit lang in der gleichen Justizvollzugsanstalt ein. Bei einem gemeinsamen Hofgang mit dem Angeklagten will der künftige Zeuge gehört haben, dass sein Mitgefangener lautstark mit seiner Tat geprahlt hat. Dabei soll er auch gesagt haben, dass er die Polizisten bei ihrem Herantreten an den Zug als solche erkannt habe. Das steht in deutlichem Widerspruch zu seiner vom Verteidiger verlesenen Einlassung: Dort war die Rede davon, dass er die Beamten eben nicht als Polizisten erkannt habe und dass er sich in Gefahr wähnte, einen Angriff einer Rockerbande fürchtete, von der er sich abgewandt hatte. Schließlich will der Zeuge aus der Frankfurter JVA auch gehört haben, dass der Angeklagte seine Tat nicht bereue.

    Staatsanwalt Mies wies in seinem Antrag darauf hin, dass die Aussage des künftigen Zeugen sich durchaus strafverschärfend für den Angeklagten auswirken könne. Die Einlassungen des 27-Jährigen seien "nichts als eine reine Schutzbehauptung". Sollte sich der Zeuge so äußern, wie Mies es in seinem Antrag formuliert, würde dies zudem auch zumindest ein neues Licht werfen auf die Aussage einer Schwangeren. Die hatte behauptet, der Angeklagte habe ihr im Voraus der Tat von seinem Vorhaben berichtet - das hat aber bislang kein weiterer Zeuge bestätigt.

    Die Verteidigung lehnte den Antrag ab. Anwalt Torsten Fuchs sagte: "Irgendwann in längeren Verfahren tauchen immer diese Knastzeugen auf." In den Urteilen spielten diese dann meist keine Rolle mehr. Ihre Aussagekraft sei gering. Und auf die Motive seines Mandanten lasse die Aussage sicherlich keine Schlüsse zu. Janisch ließ den jungen Mann dennoch vorladen. Ebenso die Staatsanwältin und den Kommissar, die bei der Vernehmung beteiligt waren.

    Am Freitag wurde, auf Antrag der Verteidigung, nochmals der Schaffner gehört. Ihm wurden Ausschnitte der Videos aus dem Zug gezeigt, er sollte sich etwa erneut zu dem zweiminütigen Gespräch zwischen ihm und dem Angeklagten äußern. Erwartete neue Details gab es aber nicht.

    Keine einzige Wunde ist geheilt: Ein Kommentar von Malte Glotz zum UrteilWegen Mordes an einem Polizisten in Herborn: 28-Jähriger muss lebenslang in HaftProzess am Landgericht: Tod des Kollegen bleibt traumatisch für PolizistenPolizistenmordprozess: Vom Angeklagten kommt kein Wort des BedauernsPolizistenmordprozess: Die vierten Plädoyers stehen anweitere Links
    Diez
    Meistgelesene Artikel
    Online regional
    Markus Eschenauer

    Regio-CvD Online

    Markus Eschenauer

    Mail | 02602/160 474

    Anzeige
    Regionalwetter
    Mittwoch

    10°C - 22°C
    Donnerstag

    12°C - 22°C
    Freitag

    12°C - 19°C
    Samstag

    11°C - 18°C
    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    epaper-startseite
    Anzeige