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    Limburg/Herborn

    Mordete Angeklagter aus Hass auf Polizei?

    Heiligabend am Herborner Bahnhof: Zwei Polizisten kontrollieren einen Dillenburger, der ohne Ticket unterwegs war. Der Passagier sticht auf die Beamten ein, einer stirbt, der andere wird schwer verletzt. War ein Tatmotiv der Hass auf Polizisten?

    Patrick S. (links) sitzt auf der Anklagebank im Verhandlungssaal des Landgerichts in Limburg, neben ihm sein Verteidiger Torsten Fuchs. Der 27-jährige S. muss sich wegen Mordes an einem Polizeibeamten verantworten.  Foto: dpa
    Patrick S. (links) sitzt auf der Anklagebank im Verhandlungssaal des Landgerichts in Limburg, neben ihm sein Verteidiger Torsten Fuchs. Der 27-jährige S. muss sich wegen Mordes an einem Polizeibeamten verantworten.
    Foto: dpa

    Von Jörgen Linker

    Der 27-jährige Dillenburger sitzt auf der Anklagebank im Schwurgerichtssaal des Limburger Landgerichts. Kurz geschorene Haare, schwarzes Poloshirt, darüber ein schwarzes Nadelstreifenjackett. Er zeigt sich den Fotografen und Fernsehkameras, verdeckt sein Gesicht nicht. Die Hände legt er auf seine Oberschenkel. Wer über die Anklagebank auf seine rechte Hand blickt, sieht dort auf vier Fingern die Buchstaben "ACAB" tätowiert. Die Buchstaben sind eine Abkürzung für den englischen Satz "All cops are bastards". Auf Deutsch: Alle Polizisten sind Bastarde.

    Der 27-Jährige ist vor dem Limburger Landgericht wegen Mordes und versuchten Mordes angeklagt. Er soll an Heiligabend am Herborner Bahnhof einen 46-jährigen Polizisten erstochen und dessen Kollegen mit dem Messer schwer verletzt haben. Die Beamten der Herborner Polizeistation waren früh morgens zu einer vermeintlichen Routinekontrolle zum Bahnhof gerufen worden.

    Prozessauftakt am Mittwoch. Staatsanwalt Dominik Mies schildert das Tatgeschehen aufgrund der bisherigen Ermittlungen: Der 27-jährige Dillenburger sei an Heiligabend in einem Zug zwischen Wetzlar und Herborn unterwegs gewesen. Ein Zugbegleiter habe die Tickets kontrolliert und den Dillenburger als Schwarzfahrer entlarvt, die Personalien habe der Schwarzfahrer nicht angeben wollen. Daraufhin habe der Zugbegleiter den Zugführer informiert, der habe wiederum die Polizeistation in Herborn verständigt.

    Der Zug hielt am Herborner Bahnhof auf Gleis 2, zwei Polizeibeamte kamen zur Kontrolle. Der Zugbegleiter habe auf den Dillenburger gedeutet, und der 46-jährige Polizist sei auf den Schwarzfahrer zugegangen. Mies: "Bevor ihn der Beamte kontrollieren konnte, zog er ein Springmesser aus seiner linken Jackentasche." Fünfmal habe er zunächst auf den Polizisten eingestochen, in den Hals und den Nacken. Dann viermal dem anderen Beamten in den Rücken. Den Polizisten sei es nicht gelungen, dem Dillenburger die Waffe zu entreißen. So habe er noch weitere Male auf den 46-jährigen Beamten eingestochen. Mit letzter Kraft habe der seine Dienstwaffe gezückt und zwei Schüsse auf den Angreifer abgegeben, er habe ihn in der Hüfte und im Oberschenkel getroffen.

    Der Staatsanwalt berichtet: Daraufhin habe der Dillenburger von seinen Opfern abgelassen. Der 46-jährige Polizist sei nach dem letzten Schuss zusammengebrochen - Gerichtsmediziner hätten später festgestellt, dass er um 7.51 Uhr am Tatort verstorben sei. Und sein schwer verletzter Kollege habe dem Messerstecher zugerufen: "Was hast Du getan? Er ist Vater von vier Kindern." Die Antwort des Dillenburgers sei gewesen: "Selber schuld, ihr Arschlöcher."

    Für den Staatsanwalt ist klar: Der Dillenburger stand noch wegen einer anderen Straftat unter Bewährung, er habe befürchtet, die Schwarzfahrt hätte ihn nun ins Gefängnis bringen können. Kurzum: Er habe die Schwarzfahrt vertuschen wollen. Diese Motivation macht nach dem Gesetz aus einer Tötung einen Mord.

    Der Vorsitzende Richter, Dr. Andreas Janisch, bringt ein weiteres Mordmerkmal ins Spiel: niedrige Beweggründe. Der Angeklagte könne aus Feindseligkeit gegenüber Polizeibeamten gehandelt haben. Auch Staatsanwalt Mies sagt: "Die Art der Tatausführung lässt vermuten, dass der Angeklagte auch aus Hass auf Polizisten handelte."

    Mord oder Totschlag? - Das ist eine der entscheidenden Fragen in diesem Prozess. Mord wird mit lebenslanger Freiheitsstrafe geahndet. Nach 15 Jahren Gefängnis steht dann eine erste Haftprüfung an. Im Durchschnitt sitzen "Lebenslange" rund 20 Jahre ein.

    Das führt zur nächsten entscheidenden Frage in diesem Prozess: Stellt das Gericht eine "besondere Schwere der Schuld" fest? Beispielsweise bei fehlender Reue, einer besonders brutalen oder grausamen Tat oder bei besonders verwerflichen Tatmotiven kann ein Gericht dies feststellen. Folge: Eine automatische Haftprüfung nach 15 Jahren entfällt. Es führt dazu, dass "Lebenslange" laut einer Statistik im Schnitt zwischen 23 und 25 Jahren im Gefängnis sind.

    Eine dritte entscheidende Frage: Muss der Angeklagte nach der Haftstrafe in eine Sicherungsverwahrung? Das heißt: Zum Schutz der Allgemeinheit werden gefährliche Straftäter "verwahrt"; diese Gefährlichkeit wird dann in regelmäßigen Abständen geprüft. Für den Staatsanwalt kommt in diesem Fall eine anschließende Sicherungsverwahrung in Betracht.

    Am Donnerstag wird der Prozess ab 9 Uhr fortgesetzt. Der Angeklagte will sich dann zur Tat äußern. Sein Anwalt hat eine Aussage angekündigt. Der Strafverteidiger will sie vorlesen. Es soll die einzige Aussage bleiben. Anschließend wolle der Angeklagte keine weiteren Fragen mehr beantworten.

    Nach Angaben des Gerichts waren auch die Eltern des Dillenburgers als Zeugen geladen, sie hätten Auskunft über die persönlichen Verhältnisse des Angeklagten geben sollen. Allerdings hätten sie von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch gemacht.

    Am Donnerstag sollen zudem der überlebende Polizist, Zugbegleiter, Zugführer sowie Fahrgäste aus dem Zug als Zeugen gehört werden. Der an Heiligabend schwer verletzte Polizeibeamte sowie Hinterbliebene - der Vater, die Lebensgefährtin und der älteste Sohn des getöteten Polizisten - treten in diesem Prozess als Nebenkläger auf.

    Für den Prozess sind insgesamt acht Verhandlungstage angesetzt. Das Urteil wird am 22. Juli erwartet.

     

    Gedenktafel für Polizisten

    Am Donnerstag um 14 Uhr soll am Herborner Bahnhof eine Gedenktafel für den an Heiligabend dort getöteten Polizisten angebracht werden. Das teilte die Polizei mit. Vertreter der Stadt Herborn sowie der Polizei hatten sich darauf verständigt. Die Plakette soll am Bahnhofsgebäude (zu den Gleisen hin) befestigt werden. Bezahlt werde sie vom Herborner Verein „Pro Polizei“.

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