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    Missionsdienst in Kamerun führte über Limburg: 125 Jahre Pallottiner

    Von Dieter Fluck

    Limburg. Vor 125 Jahren kamen die Pallottiner nach Limburg. Die apostolische Klostergemeinschaft des Gründers Vinzenz Pallotti (1795 bis 1850) eröffnete Mitte August 1892 im Walderdorffer Hof, einem ehemaligen Adelssitz in der Altstadt, ihre erste Niederlassung in Deutschland. Das ist der Anlass einer großen Feier, die am Samstag, 28. Oktober, in der Pallottiner-Pfarrkirche St. Marien begangen wird.

    Nachdem die Pallottiner 1890 „die Missionierung der Heiden“ in der damals deutschen Kolonie Kamerun übernommen hatten, benötigten sie ein Missionshaus, in dem sie ihrem Auftrag folgend, Brüder und Patres für ihren Dienst ausbilden konnten. Die katholische Gemeinschaft erfreute sich eines erstaunlich großen Zulaufs, sodass die Räume des Walderdorffer Hofes schon nach kurzer Zeit den Anforderungen nicht mehr genügten.

    Schon bald begannen sie an der Gabelung zwischen Frankfurter und Wiesbadener Straße mit dem Bau eines neuen Missionshauses, das 1898 eingeweiht wurde. Es entstanden Werk- und Ausbildungsstätten für die Brüder in der Landwirtschaft und in Gärtnerei, Schreinerei, Elektrowerkstatt und in einer Druckerei für ihr Schrifttum.

    Zwischen den beiden Weltkriegen bestand eine Theologische Hochschule. Nach dem Zweiten Krieg wurde das Bischof-Vieter-Kolleg eröffnet, das in den 26 Jahren seiner Existenz über 150 Priester hervorbrachte. Sogar einen eigenen Friedhof, auf dem sie noch heute ihre Verstorbenen bestatten, haben die Pallottiner angelegt. Der Lahn-Verlag und ein Schallplattenstudio für religiöse Lieder nahmen ihre Arbeit auf, um nur einige der Einrichtungen zu nennen.

    Aus der Limburger Zentrale der Pallottiner wurden über 600 deutsche Missionare nach Kamerun, Australien, Südafrika, Chile, Argentinien und Kanada entsandt. Doch auch die Pallottiner blieben von Kriegen und der nationalsozialistischen Herrschaft nicht verschont. Nicht nur, dass sie im Ersten Weltkrieg ihre erfolgreiche Arbeit in Kamerun beenden mussten. Im zweiten Krieg wurde in dem von der Gestapo besetzten Missionshaus ein Hilfskrankenhaus eingerichtet. 56 Pallottiner wurden in Gefängnissen und Konzentrationslagern eingesperrt. Drei Patres und zwei Brüder mussten dort für ihre aufrechte Gesinnung ihr Leben lassen; 14 Patres, 50 Brüder und 53 Theologiestudenten kamen in den Kriegswirren um.

    Wie wäre es heute um die Seelsorge in einigen Gemeinden des Bistums Limburg bestellt, gäbe es das geistliche Zentrum der Pallottiner nicht? Aber auch bei ihnen herrscht im deutschsprachigen Raum ein gravierender Nachwuchsmangel. Inzwischen kommen die alten Missionare aus diesen Ländern zurück nach Deutschland und finden im Missionshaus Betreuung und Pflege, die sie im Alter brauchen.

    Der Wandel der Zeit hat das System umgekehrt. Heutzutage kommen vermehrt junge Patres aus Indien und Kamerun, die von den Pallottinern in Gottesdiensten und Seelsorge eingesetzt werden und den Priestermangel abmildern. Vor zwei Jahren hat das Limburger Missionshaus eine neue Aufgabe übernommen: Es ist jetzt erste Heimat und Ausbildungsstätte für junge Priester aus Indien, die sich auf den Dienst in einer deutschen Pfarrei vorbereiten. Dort vertiefen sie ihre Kenntnisse in der deutschen Sprache und absolvieren Kurse, um die Geschichte, Sitten und Bräuche wie auch die gesellschaftliche und kirchliche Situation in Deutschland kennenzulernen.

    Ein weiter Weg und ein grundlegender Wandel, der sich in 125 Jahren von den Anfängen im Walderdorffer Hof, über die größte Niederlassung der Gemeinschaft mit 260 Priestern und 110 Brüdern in den 1970er-Jahren, bis heute vollzogen hat. Die Pallottiner haben sich notgedrungen den neuen Gegebenheiten anpassen müssen, den Führungsstab ihrer Norddeutschen Provinz nach 115 Jahren in der Domstadt aufgegeben und die Zentrale nach Friedberg in Bayern verlegt. Dort wurde Anfang 2007 die Norddeutsche Provinz mit der Süddeutschen Provinz sowie der Region Österreich zu einer Zentrale für den deutschsprachigen Raum zusammengeschlossen.

    Was war das einst eine schwierige Geburt, die Pallottiner in Limburg anzusiedeln. Es war die Zeit des Kulturkampfes, in dem Staat und Kirche um Macht und Einfluss stritten, was 1875 in Preußen zu dem sogenannten Klostergesetz führte. Es sah vor, dass geistliche Orden der katholischen Kirche sowie ordensähnliche Kongregationen (wie die Pallottiner) vom preußischen Staatsgebiet ausgeschlossen und die Errichtung neuer Niederlassungen untersagt wurden. Davon ausgenommen waren Orden, die sich ausschließlich der Krankenpflege widmeten.

    Den Pallottinern, die 1890 die Missionierung der ehemals deutschen Kolonie Kamerun übernommen hatten, wurde nach einigen Anläufen und einem Wechsel an der Spitze des Kultusministeriums eine Ausnahmegenehmigung erteilt, um „die Ausbildung von Missionaren für den Dienst im Auslande zu ermöglichen“.

    Montabaur, Hadamar und Limburg kamen für die Niederlassung in Betracht, da sie über Gymnasien verfügten. Limburg bekam den Vorzug wegen des Eisenbahnknotens. Noch mehr empfahl sich die Kreisstadt durch den Sitz des Bischofs und des Domkapitels, die dem Ansinnen sehr aufgeschlossen gegenüberstanden. Bischof Karl Klein gab bereitwillig seine Zustimmung.

    Auf der Suche nach einem geeigneten Objekt richtete sich der Blick auf den leer stehenden Walderdorffer Hof, für dessen Anmietung an den Grafen Walderdorff jährlich 1000 Mark zu zahlen waren. Eine Besichtigung offenbarte die Eignung, das altehrwürdige Gemäuer in ein Kloster zu verwandeln. Der aus Bayern stammende Hochwürdige Max Kugelmann, erster Leiter der Niederlassung, befand, dass der Saal im Erdgeschoss als Kapelle eingerichtet und ein zweiter großer Raum als Speisesaal genutzt werden könne. Auch die Küche war für einen größeren Haushalt geräumig genug. Im ersten Stockwerk befanden sich neben größeren Wohnzimmern auch drei größere Räume, die sich als Studienzimmer anboten. Drei Schlafzimmer im Dachgeschoss rundeten das Raumprogramm ab. Schriften im Limburger Diözesanarchiv ist ferner zu entnehmen, dass der einzige Hausrat aus vier Zimmeröfen und einem Kochherd bestand: weder sei ein Tisch, ein Stuhl oder gar ein Bett vorhanden gewesen. Wie sich Kugelmann und sein priesterlicher Gehilfe, der 29-jährige Pater Stinnesbeck, in den ersten Wochen ernährt haben, ist dem Chronisten rätselhaft, der anmerkt: „Sollten sie hier die Probe für ihre Brauchbarkeit in Kamerun ablegen, so haben sie diese mit Glanz bestanden.“

    Es steht von einem Bruder Wilhelm geschrieben, „der sein Schneiderhandwerk zu Ehren brachte“. Seine erste Leistung habe aus einer Reihe Strohsäcke bestanden, die er auf einer geliehenen Maschine zusammennähte. „Auf der Straße erregte das bis dahin unbekannte Habit (die Ordenstracht) der „Ballodiner“ (so die Limburger Mundart) Aufsehen.

    Neugierde machte sich breit, die Menschen trugen mit Spenden zur Erstausstattung bei. Überliefert ist ein Ratschlag des damaligen Domkapitulars Hilpisch: „Wenn sie Bettwäsche brauchen, gehen sie am besten zu Kurtenbach. Ich glaube, sie werden dort sehr billig einkaufen.“ Das Limburger Textilunternehmen war für seine wohlwollende Unterstützung der Ordensgemeinschaften bekannt.

    Schon kurze Zeit nach dem Einzug fanden sich die ersten Postulanten im Walderdorffer Hof ein: gläubige Männer, die um ihre Aufnahme in die Gemeinschaft ersuchten, um das Leben dort kennenzulernen. Nach einem Monat hatten rund 20 fleißige Brüder und Studierende ihre Werkstätten selbst eingerichtet; eine Schreinerei, Schlosserei und eine Bäckerei im Erdgeschoss, darüber eine Schneiderei und eine Schusterwerkstatt.

    Ende 1892 lebten bereits 45 Personen in den alten Mauern. Der Chronist schildert eine große Begeisterung und weiter wörtlich: „Die Gründung des Missionshauses in Limburg war für die deutschen Katholiken ein Ereignis, wovon viele Zeitungen Notiz nahmen.“ Am 1. Januar 1956 zählten Provinzialat und Missionshaus 40 Patres, 80 Laienbrüder, 20 Novizenbrüder, 32 Brüderaspiranten sowie 139 Schüler.

    In Limburg musste die Gemeinschaft in den zurückliegenden Jahren ihrem fehlenden Nachwuchs zunehmend Tribut zollen. Nicht nur, dass sie nacheinander ihre weithin bekannten Werkstätten schließen sowie Forderungen des Brandschutzes wie Sanierungsmaßnahmen erfüllen mussten.

    Eine Zäsur bedeutete 2011 die schmerzhafte, aber notwenige Entscheidung, die alten Anlagen zurückzubauen und das überdimensionierte Gelände für eine neue Nutzung zu vermarkten. Auf dem sogenannten Pallottiner-Gelände „In den Klostergärten“ entsteht zurzeit ein neues Stadtquartier für Dienstleistungen, Wohnen, Geschäfte und Pflege.

    In der ganzen Welt präsent

    Heute sind rund 400 Pallottiner der Herz-Jesu-Provinz in Deutschland, Österreich und den von Deutschland aus betreuten Niederlassungen in Kroatien, Spanien und Südafrika von der Mission beseelt, die Gemeinschaft und Liebe Gottes zu leben und in die Welt zu tragen. In Deutschland und Österreich unterhalten die Pallottiner an mehr als 50 Orten Einrichtungen wie Schulen, Jugendhilfestätten, Exerzitien- und Jugendhäuser, kümmern sich um alte und kranke Menschen. Sie betreuen Pfarreien (seit 1943 ihre Heimatpfarrei St.

    Marien) und üben die Seelsorge auf dem Frankfurter Flughafen aus, organisieren Pilgerfahrten und betreiben eine Hochschule für Theologie und Pflegewissenschaft in Vallendar bei Koblenz. Insgesamt sind die Pallottiner auf allen Kontinenten vertreten und zählen rund 2500 Mitglieder.

    Bischof leitet Dankamt

    Die Gemeinschaft der Pallottiner feiert am Samstag, 28. Oktober, die Geburtsstunde ihres Missionshauses im deutschsprachigen Raum mit einem Dankamt, das um 10 Uhr in der Pallottinerkirche St. Marien beginnt.

    Hauptzelebrant ist der Limburger Bischof Dr. Georg Bätzing. Der Kirchenchor St. Marien und das Orchester führen eine Messe von Anton Dvorák auf. Um 11.30 Uhr schließt sich ein Empfang im Pater-Richard-Henkes-Saal an. Dort werden die Gäste von der Provinzoberin der Limburger Pallottinerinnen, Schwester Helga Weidemann, und dem Provinzial der Männergemeinschaft, Pater Helmut Scharler, begrüßt. Prof. Dr. Paul Rheinbay von den Pallottinern in Vallendar gewährt einen Blick auf pallottinisch-kirchliche Möglichkeiten unter dem Motto: „Ohne uns wär’s halb so schön!?“

    Diez
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