40.000
Aus unserem Archiv
Diez/Balduinstein

Jungen auf Burg Balduinstein missbraucht

Was hat sich über Jahre hinter den Mauern von Burg Balduinstein abgespielt?Abgründe tun sich auf.

Ein dunkler Schatten liegt über Burg Balduinstein.
Ein dunkler Schatten liegt über Burg Balduinstein.

Das Schöffengericht Diez hat einen 54-jährigen Mann aus Köln wegen sexuellem Missbrauch von Schutzbefohlenen zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten verurteilt. Der Angeklagte, ein Mitglied der in Balduinstein gegründeten Autonomen Wandervögel und in der Bewegung „Caligula" genannt, hatte gestanden, sich mehrfach an einem Jungen vergangen zu haben. Verurteilt wurde er schließlich für drei Fälle zwischen Oktober 2004 und 2006. In der Anklageschrift waren 27 Übergriffe benannt, davon 24 Fälle des Kindesmissbrauchs, die sich aber nicht nachweisen ließen, weil die Aussagen der beiden betroffenen Opfer hinsichtlich des Tatzeitpunkts zu diffus waren. Es blieb unklar, ob der sogenannte Lieblingspimpf des Mannes unter 13 Jahre alt war, als der Angeklagte sich an ihm verging. Deshalb gelten diese Taten juristisch als verjährt.

Möglicherweise profitieren von diesem Umstand weitere Täter. Bei der Staatsanwaltschaft in Koblenz sind vier Ermittlungsverfahren gegen Männer aus dem Dunstkreis der Wandervögel anhängig. Einer der Verdächtigen ist Mitglied des Freien Bildungswerkes Balduinstein, dem die Ruine mit dem Gelände drum herum seit den 70er-Jahren gehört und das auch Träger der Begegnungsstätte für Gruppen der Bündischen Jugend aus der ganzen Bundesrepublik ist.

Bereits im vergangenen Jahr war ein damals 37-jähriger Mann vom Landgericht Saarbrücken wegen Missbrauchsfällen zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Auch er soll sich auf Burg Balduinstein an Jungen vergriffen haben. Der Mann gehörte zunächst einer Pfadfindergruppe im Saarland an, distanzierte sich dann aber von dem Verband und gründete schließlich 2005 zunächst die Balduinsteiner Wandervögel, die sich ein Jahr später dann in Autonome Wandervögel umbenannten. Zu den Gründungsmitgliedern zählten auch der heute 54-Jährige und seine Opfer.

Die Gruppe aus dem Saarland war schon seit dem Jahreswechsel 2002/2003 immer wieder zu Gast in Balduinstein. Dort lernten die Jungen ihren Peiniger kennen, der sich seit den 90er-Jahren als Mitglied des Bildungswerks für den Erhalt der Burgruine engagierte, sich auch in der Organisation der Jugendarbeit einsetzte und beispielsweise Videoworkshops anbot. Einer der beiden Jungen, zu diesem Zeitpunkt noch 13 Jahre alt, schätzte und mochte den Mann besonders. Die beiden kamen sich näher. Wann schließlich der erste Übergriff folgte, ließ sich nicht zweifelsfrei klären.

Nach der Beweislage war ein Vorfall während einer Fahrt zu einem Törn auf der Adria im Oktober 2004 der Auftakt der Missbrauchsfälle. Dort hat der Mann sich nach eigenen Angaben bei einem Zwischenstopp in einer Hütte in Österreich nachts zwischen die zwei Jungen gelegt, beiden ans Geschlechtsteil gegriffen und sie aufgefordert, auch ihn am Penis anzufassen. Zu weiteren Missbrauchsfällen am Hauptopfer kam es auf der Burg. Meist lief das so ab, dass der Junge dem Mann in dessen Domizil im sogenannten Turmzimmer folgte und er sich zu ihm ins Bett legte. Der Angeklagte konnte aber nicht sagen, wie häufig es dazu gekommen ist.

Nach Angaben des anderen Jungen, der in Österreich Opfer des 54-Jährigen wurde, war es in Balduinstein so üblich, dass sich Erwachsene einen Lieblingspimpf aussuchten, dem sie auch Geschenke machten. Der jeweilige Junge habe dann im Zimmer des Erwachsenen statt in Gruppenräumen geschlafen. Die Angaben des heute 23 Jahre alten Hauptopfers blieben diffus. Er war sich sicher, dass „Caligula" sich ihm schon vor dem Adria-Törn in sexueller Absicht genähert hat, konnte das zeitlich aber überhaupt nicht eingrenzen, was letztlich dazu führte, dass der Staatsanwalt selbst den Antrag stellte, die 24 angeklagten Fälle des Kindesmissbrauchs einzustellen.

„Das Problem in diesen Fällen ist immer das gleiche, das Urteil kann dem widerfahrenen Unrecht nicht gerecht werden", sagte Richterin Alexandra Müller-Reinhard, denn die psychischen Folgen seien solchen Taten immanent. Dem Angeklagten trug sie als Bewährungsauflage drei Beratungsgespräche bei der psychiatrischen Ambulanz in Trier auf, um dessen weitere Therapiebedürftigkeit abzuklären. Der 54-Jährige hatte sich nach eigenen Angaben bereits vor Jahren in psychiatrische Behandlung begeben. Der Angeklagte zahlt seinen beiden Opfern zudem Schmerzensgeld in Höhe von 3000 beziehungsweise 1500 Euro.

Die Vertreterin des Hauptopfers, der als Nebenkläger auftrat, warf in ihrem Plädoyer noch einmal ein Schlaglicht auf die Situation auf Burg Balduinstein: „Da wurde auf einen Pool von Jungen zugegriffen, mit denen Sachen gemacht wurden, die ganz schreckliche Folgen haben. Ich hoffe, dass das System völlig aufgeklärt wird und die Täter bestraft werden."

Von diesen distanziert sich das Freie Bildungswerk Balduinstein. „Wir nehmen mit Bestürzung zur Kenntnis, dass Kinder und Jugendliche auf unserer Burg sexuell missbraucht worden sind", heißt es auf der Homepage. Dies sei umso entsetzlicher, als die Taten nicht von Außenstehenden begangen wurden, sondern dass Anklage gegen zwei ehemalige Mitglieder des Vereins erhoben worden sei. Und weiter: „Wir bitten daher ausdrücklich diejenigen Kinder und Jugendlichen, die auf unserer Burg Opfer sexueller Übergriffe geworden sind, um Entschuldigung!" Hans Georg Egenolf

Diez
Meistgelesene Artikel
Anzeige
Anzeige
Online regional
Markus Eschenauer Markus Eschenauer (me)
Online regional
Tel. 02602/160474
E-Mail
Anzeige
Regionalwetter
Samstag

0°C - 10°C
Sonntag

2°C - 8°C
Montag

0°C - 7°C
Dienstag

0°C - 6°C
News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
epaper-startseite