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Limburg

Heribert Reitz: Karriere vom Postinspektor zum Doppelminister

Er war zwölf Jahre hessischer Staatsminister und der einflussreichste Politiker im Kreis Limburg-Weilburg. Am Sonntag ist Heribert Reitz einer kurzen schweren Krankheit erlegen. Reitz, der 87 Jahre alt wurde, hatte sich von einem im Januar erlittenen Schlaganfall nicht mehr erholt. Er starb nur zehn Tage nach seiner Ehefrau Herta. An ihrer Beerdigung am vergangenen Freitag hatte er schon nicht mehr teilnehmen können.

Heribert Reitz ist ein Offheimer Bub, der dort am 1. Juni 1930 als Sohn eines Straßenbauarbeiters das Licht der Welt erblickte. Nach dem Abitur 1951 trat er in den gehobenen Dienst der Bundespost ein, die er nach 20 Jahren als Oberinspektor verließ. Schuld daran war seine politische Karriere, die 1960 in der Gemeindevertretung seines Heimatortes begann, dem er bis zu seinem Tod die Treue gehalten hat. Die politische Heimat von Heribert Reitz war von Anfang an die SPD, für deren Ziele er ein Leben lang mit großem Engagement gefochten hat, oft mit scharfer Zunge, aber ohne ideologische Scheuklappen.

Der politische Aufstieg des einstigen Postbeamten war rasant. 1962 wurde er erstmals in den hessischen Landtag gewählt, dem er knapp drei Jahrzehnte angehörte. Dank seiner hohen Sachkenntnis und rhetorischen Fähigkeiten wurde er 1968 im Haushaltsausschuss mit dem Vorsitz betraut und führte danach von 1970 bis 1972 die SPD-Fraktion. Die Delegierten wählten Reitz 1976 zum stellvertretenden Vorsitzenden des SPD-Bezirks Hessen-Süd, womit er gleichzeitig dem Landesvorstand angehörte. Später war er Aufsichtsratsvorsitzender der Frankfurter Flughafen AG. Nach der Wahl von Rudi Arndt zum Oberbürgermeister der Stadt Frankfurt wurde Reitz am 11. April 1972 als hessischer Finanzminister in die von Ministerpräsident Albert Oswald geführte Landesregierung berufen. Er blieb auch in der Folgeregierung des Ministerpräsidenten Holger Börner von 1976 bis 1984 im Amt.

Nach dem Bruch der sozial-liberalen Koalition übernahm der Offheimer am 28. September 1982 zusätzlich die kommissarische Leitung des Ministeriums für Wirtschaft und Technik. Da Reitz eine Zusammenarbeit mit den Grünen um Joschka Fischer strikt ablehnte, die er damals nach eigener Einschätzung für nicht regierungsfähig hielt, schied er am 3. Juli 1984 auf eigenen Wunsch aus der Regierung aus. Heribert Reitz hat in all den Jahren seiner landespolitischen Laufbahn nie den Kontakt zur Basis verloren; denn er blieb immer in der Kommunalpolitik seines Dorfes, später der Stadt Limburg und des Landkreises verankert. 1968, mithin vor einem halben Jahrhundert, wurde er erstmals in den Kreistag Limburg-Weilburg gewählt und im Zuge der Gebietsreform 1974 Stadtverordneter in Limburg bis 1997 sowie Mitglied des neu entstandenen Kreistags Limburg-Weilburg. Zeitzeugen bleiben seine geschliffenen Rededuelle mit politischen Gegnern im Sitzungssaal des Rathauses in bester Erinnerung.

Heribert Reitz war ein Weichensteller: in der parteipolitischen Arbeit als Pragmatiker zwischen den Flügeln ebenso wie in seinem Wahlkreis vor Ort. Durch seinen Einfluss, seine hohe Kompetenz auf Regierungsebene und seinen energischen Einsatz hat er in seiner Heimat Projekte ermöglicht, die ohne ihn undenkbar gewesen wären. Beispielhaft seien der nach einem Großbrand Anfang der 70er-Jahre erfolgte Wiederaufbau der Stadthalle „Alte Reitschule“ und der Bau des Schlosshotels in Weilburg genannt, ebenso die nach der Gebietsreform entstandene große Zahl an Dorfgemeinschafts- und Bürgerhäusern. Heribert Reitz hat in Wiesbaden Türen geöffnet. Die Bauvorhaben ungezählter Vereine hat er mit Zuwendungen aus dem Landesetat forciert oder erst ermöglicht. Mit Reitz verliert die Region einen verlässlichen Politiker. Dort, wo er sich angesagt hatte, stand der leidenschaftliche Pfeifenraucher stets pünktlich auf der Matte. Zumeist mit einer Mappe unterm Arm, überraschte er seine Gesprächspartner mit detailgetreuem Wissen, nicht selten gespickt mit messerscharfen und Humor gewürzten Kommentaren. Auch politische Gegner konnten mit ihm sachlich ins Gespräch kommen. Was er partout nicht leiden konnte, war Rummel um seine Person. Den Ausgleich für seinen anstrengenden Job fand der Volldampfpolitiker an seinem Fischteich in der Elzer Mordschau. Einmal vom Schreiber dieser Zeilen befragt, warum er sich dieses Hobby ausgesucht habe, antwortete Reitz in der ihm eigenen Art in Anspielung auf seine parlamentarische Arbeit: „Fische geben keine Widerreden.“ Noch lange nach seinem Rückzug aus der aktiven Politik stand „der alte Fuchs aus Offheim“, der mit wachem Verstand die Bundes- und Landespolitik bis auf die kommunale Ebene verfolgte, Parteifreunden als Ratgeber zur Seite. Als äußeres Zeichen der Anerkennung und des Dankes verlieh ihm Bundespräsident Karl Carstens 1980 das Große Verdienstkreuz, im Jahr 2000 wurde Reitz mit dem Hessischen Verdienstorden ausgezeichnet. Neben seinem Sohn Toni und einem Enkel trauern Angehörigen, Freunde und zahlreiche Menschen um einen großen Sohn der Region.

Das Requiem für Heribert Reitz ist am Montag, 19. März, um 10.15 Uhr im Limburger Dom.

Von unserem Mitarbeiter
Dieter Fluck

Bouffier würdigt Reitz

Der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier hat mit Betroffenheit auf den Tod von Heribert Reitz reagiert. „Heribert Reitz hat über Jahrzehnte das politische Geschehen in Hessen mitbestimmt.

Als langjähriger Landtagsabgeordneter und Minister hat er die Geschicke unseres Landes mitgelenkt und es in eine gute Zukunft geführt.“

Diez
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