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    Gönner betrogen: Tränen der Reue bei Angeklagtem

    Zehn Monate muss ein notorischer Betrüger ins Gefängnis. Er hatte einen Freund schändlich hintergangen.

    Foto: picture alliance / dpa

    Der 46-Jährige auf der Anklagebank des Diezer Amtsgerichts schien sich regelrecht zu winden. Es war ihm sichtlich peinlich, dem Mann gegenüberzusitzen, dessen Freundschaft, Großzügigkeit und Gutgläubigkeit er durch erfundene Geschichten ausgenutzt und den er nach des Angeklagten eigenen Worten „von vorn bis hinten belogen“ hatte. Während das Opfer seiner Betrügereien als Zeuge aussagte, rannen dem Angeklagten Tränen übers Gesicht, Amtsgerichtsdirektor Eckhard Krahn unterbrach die Verhandlung zweimal, um dem Mann Gelegenheit zu geben, sich zu beruhigen.

    Als sich Betrüger und Betrogener kennenlernten, war ersterer Insasse der JVA Diez. Als begeisterter Boulespieler hatte der Mann im offenen Vollzug Kontakt zu einem Verein im nahen Hessen aufgenommen und besuchte dort regelmäßig das Training. Der Diezer, den der 46-Jährige zwischen Oktober 2014 und Januar 2015 um 5300 Euro betrügen sollte, hatte ihn in einer Fahrgemeinschaft mitgenommen, sie hatten auch gemeinsam trainiert und sich so kennengelernt. Rasch bot der 65-Jährige aus Diez dem Freigänger an, die Wochenenden in seinem Gästezimmer zu verbringen.

    „Meine Lebensgefährtin war kurz zuvor verstorben, ich war froh über die Gesellschaft“, sagte der Rentner. Die Geschichten, die ihm der Angeklagte auftischte, um Geld von ihm zu erschwindeln, habe er sich gar nicht genau gemerkt. „Ich wollte ihm glauben, wollte ihm vertrauen. Ich wollte einen Freund“, sagte der Mann. Die Worte setzten dem Angeklagten so zu, dass er nach Luft rang und um Unterbrechung bat, die Krahn gewährte.

    Mehrfach einschlägig vorbestraft

    Möglicherweise hatte der Rentner sogar einen Freund gefunden: Der Angeklagte nutzte das Zusammentreffen, um sich eindringlich beim Opfer seiner Betrügereien zu entschuldigen: „Es tut mir unsagbar leid“, wiederholte er mehrfach und sagt: „Ich hab dich richtig gern gehabt, ich mag dich immer noch. Ich wollte, dass du das mal weißt.“ Doch die Sympathie für den 65-Jährigen hielt den Angeklagten, der bereits siebenfach wegen Betrugs - teils banden- und gewerbsmäßig - vorbestraft war, nicht davon ab, ihn mit rührseligen Geschichten um eine Menge Geld zu bringen.

    Mal sollte die Frau des 46-Jährigen von Geldeintreibern bedroht worden sein, mal musste er seiner Anwältin Kosten auslegen, damit diese einen Deal mit dem Staatsanwalt aushandeln konnte, mal sollte ein Insolvenzverwalter abgespeist werden. Immer behauptete der Angeklagte, er habe aus einem Bankbetrug Geld auf Auslandskonten, auf das er bloß gerade nicht zugreifen könne. Spätestens Weihnachten könne er es zurückzahlen. So schaffte es der Mann, gelegentlich aufkommende Zweifel seines Gönners immer wieder zu zerstreuen. Dass dieser durchaus auch gewillt war, dem vermeintlichen Freund zu glauben, zeigt sich daran, dass er ihm auch noch Geld lieh, nachdem der verabredete Rückzahlungszeitpunkt lang verstrichen war.

    Vertrauensverhältnis ausgenutzt

    Der Betrug gipfelte in einer vorgeblichen Verabredung mit der Anwältin, die der Angeklagte angeblich mit dem Geld zum Rentner bestellt hatte. Im Beisein seines Opfers „telefonierte“ der Angeklagte mit seiner Anwältin, erfuhr von deren „Verspätung“, weil sie sich „verfahren“ habe, und letztlich von ihrem „Zuckerschock“, weshalb sie ins Krankenhaus habe eingeliefert werden müssen. Endlich wurde dem Rentner klar, dass er hinters Licht geführt werden sollte. Am nächsten Werktag nahm er selbst Kontakt zur Anwältin auf - „um ihr gute Besserung zu wünschen“, wie er selbstironisch sagte. Die Anwältin wusste von der erfundenen Geldübergabe nichts.

    Bereits bei seiner Vernehmung noch in der JVA, aus der er Anfang Juni entlassen wurde, hatte der 46-Jährige zugegeben, sich von dem Rentner Geld geliehen und es nicht zurückgezahlt zu haben. Vor Gericht erklärte er, er habe den Mann aus Geldnot angesprochen. Ausgegeben habe er das Geld für Kleidung und andere Anschaffungen, aber auch für Besuche bei Prostituierten.

    Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft plädierte für eine Freiheitsstrafe von zwölf Monaten: Zwar sei der Angeklagte geständig und bereue offensichtlich seine Tat, doch mit mehreren einschlägigen Vorstrafen und der Tat aus dem Strafvollzug heraus könne sie keine positive Sozialprognose abgeben. Den Faktor, den der Verteidiger zur Entlastung anführte - dass der Angeklagte erstmals kein anonymes Opfer, sondern einen guten Bekannten betrogen habe - wertete Richter Eckhard Krahn in seiner Urteilsbegründung zulasten des 46-Jährigen: Er habe ein besonderes Vertrauensverhältnis ausgenutzt, das sei ein Negativum, betonte Krahn. So verurteilte er den Mann zu zehn Monaten Haft ohne Bewährung. Katrin Maue-Klaeser

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