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Limburg/Diez

Geisterfahrt eines Häftlings endete nahe Limburg tödlich: Haben drei JVA-Beamte eine Mitschuld?

Zwei Autos mit Totalschaden, eine junge Frau (21) tot, ein Geisterfahrer (47) wegen Mord lebenslang hinter Gittern: Das war die Bilanz des nächtlichen Horrorunfalls auf der Bundesstraße 49 nahe Limburg im Januar 2015. Jetzt, knapp zwei Jahre später, stehen drei Justizbeamte wegen fahrlässiger Tötung vor dem Landgericht Limburg: die Vizechefin (48) der Justizvollzugsanstalt (JVA) Wittlich, dem größten Gefängnis in Rheinland-Pfalz, außerdem zwei leitende Mitarbeiter (28, 43) der JVA Wittlich und Diez.

Vor dem Landgericht in Limburg hat am Dienstag unter großem Interesse der Medien der Prozess gegen drei Justizbeamte aus Diez und Wittlich begonnen. Die Anklage lautet auf fahrlässige Tötung. Die beiden Männer und eine Frau sollen einem Häftling zu Unrecht Freigang gewährt haben.  Foto: dpa
Vor dem Landgericht in Limburg hat am Dienstag unter großem Interesse der Medien der Prozess gegen drei Justizbeamte aus Diez und Wittlich begonnen. Die Anklage lautet auf fahrlässige Tötung. Die beiden Männer und eine Frau sollen einem Häftling zu Unrecht Freigang gewährt haben.
Foto: dpa

Der Staatsanwalt macht den drei Beamten schwere Vorwürfe: Sie hätten den Horrorunfall vorhersehen können und den Tod der jungen Frau bei Beachtung ihrer Dienst- und Sorgfaltspflichten vermeiden können. Sie hätten den Todesfahrer nicht durch eine unvertretbare Entscheidung vorzeitig aus der Haft in Wittlich entlassen und in Diez zum Freigänger machen dürfen. Und der Staatsanwalt mutmaßt sogar: Die Vizechefin der JVA Wittlich habe den Mann auch deshalb aus der Haft entlassen, weil ihre JVA überbelegt war. Die drei Angeklagten weisen alle Vorwürfe zurück. Der Vorsitzende Richter seufzte: „Die Sache ist rechtlich schwierig!“

Der Westerwälder Geisterfahrer, der zuletzt im Kreis Neuwied wohnte, hatte nie einen Führerschein, ist 22-mal wegen Fahren ohne Führerschein vorbestraft und saß bereits gut 15 Jahre in Haft. 2013 trat er eine mehrjährige Haftstrafe an – unter anderem weil er sich nahe Koblenz auf der A 48 mit bis zu Tempo 230 eine Verfolgung mit sieben Polizeiautos geliefert hatte. Zwei Monate nach Haftantritt wurde er durch Mitwirken der drei Angeklagten zum Freigänger und von der JVA Wittlich in die JVA Diez verlegt. Am 28. Januar 2015 raste er bei Limburg auf der B 49 die 21-jährige Rebecca R. tot. Am Unfallort erinnert heute ein Holzkreuz an sie.

Mord auf der Bundesstraße 49:  Nahe Limburg steht heute ein Holzkreuz, das an die getötete Rebecca R. (21) erinnert.  Archivfoto: Wagner
Mord auf der Bundesstraße 49: Nahe Limburg steht heute ein Holzkreuz, das an die getötete Rebecca R. (21) erinnert. Archiv
Foto: Wagner

Was an jenem Januartag geschah, rekonstruierte die Justiz so: Der spätere Geisterfahrer verlässt um 5.43 Uhr die JVA Diez und fährt mit einem Bekannten zur Arbeit. Um 16.35 Uhr kommt er zurück in die JVA, geht zum Parkplatz eines Rewe-Marktes, steigt in seinen VW Passat mit falschen Kfz-Schildern und fährt zu seiner Frau im Kreis Neuwied. Gegen 18.30 Uhr fährt er über die A 3 zurück und wird von der Polizei an der Ausfahrt Limburg-Nord zum Anhalten aufgefordert.

Nach der tödlichen Frontalkollision auf der Bundesstraße 49 nahe Limburg: Der schwarze Lancia einer Frau (21) liegt am 28. Januar 2015 völlig zerquetscht auf der Fahrbahn...
Nach der tödlichen Frontalkollision auf der Bundesstraße 49 nahe Limburg: Der schwarze Lancia einer Frau (21) liegt am 28. Januar 2015 völlig zerquetscht auf der Fahrbahn...
Foto: picture alliance

Er rast aber die Abfahrt der A 3 hinunter, befährt die Auffahrt der B 49 auf die A 3 in falscher Richtung – und beschleunigt auf Tempo 120. Es kommt zu Beinaheunfällen – und nach zwei Kilometern zur Frontalkollision. Der Mann rast um 19.09 Uhr in einen Lancia Ypsilon. Dessen Fahrerin stirbt wenig später in einer Klinik.

...daneben der ebenso zerstörte rote VW Passat des Geisterfahrers (47). Jetzt läuft zu dem Horrorunfall ein neuer Prozess.
...daneben der ebenso zerstörte rote VW Passat des Geisterfahrers (47). Jetzt läuft zu dem Horrorunfall ein neuer Prozess.
Foto: picture alliance

Ende 2015 musste sich der Geisterfahrer in Saal 129 am Landgericht Limburg verantworten – dort läuft jetzt auch der Prozess gegen die drei Gefängnismitarbeiter. Das Gericht verurteilte den Mann wegen Mord zu lebenslanger Haft. Er wollte demnach nicht töten, sondern vor der Polizei fliehen. Aber er hatte einen „bedingten Tötungsvorsatz“, da er im Gegensatz zu gewöhnlichen Geisterfahrern absichtlich in den Gegenverkehr fuhr und den Tod von Menschen bewusst riskierte. Er mordete erstens aus „niedrigen Bewegründen“, da er seinen Freigängerstatus nicht verlieren wollte. Zweitens mit einem „gemeingefährlichen Mittel“, da er mit dem Auto eine Massenkarambolage hätte verursachen können.

So kam es zum tödlichen Unfall.
So kam es zum tödlichen Unfall.

Schon damals übte das Gericht scharfe Kritik: Weil die Gefängnisse in Wittlich und Diez es zuließen, dass der Mann am Tattag Freigänger war. Und weil ihn die Polizei am Tattag während der Geisterfahrt mit Blaulicht verfolgte. Dies sei unverhältnismäßig gewesen, da von ihm keine akute Gefahr ausging – er habe zum Beispiel nicht mit einem Gewehr um sich gefeuert.

Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten vor: Sie haben nicht sorgfältig genug geprüft, welche Gefahr von dem notorischen Verkehrsrambo ausging, bevor sie ihn zum Freigänger machten. Sie haben entsprechende Entscheidungen teils einfach unkritisch übernommen, ohne sie selbst zu überprüfen. Und sie haben nicht kontrolliert, ob der spätere Geisterfahrer während seiner Zeit als Freigänger erneut ein Auto fährt.

Anwalt Olaf Langhanki, der den Mitarbeiter der JVA Diez vertritt, argumentiert: Sein Mandant habe die Entscheidung der JVA Wittlich übernommen, weil er rechtlich daran gebunden war. Und es sei nicht ersichtlich, warum die Entscheidung, den Mann zum Freigänger zu machen, unvertretbar gewesen sein soll. Niemand habe den Mord auf der B 49 vorhersehen können. Der Prozess endet wohl Ende Januar.

Von unserem Chefreporter Hartmut Wagner

Diez
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