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Limburg

Digitalexperte im Interview: Soziale Netzwerke sind Chance für Firmen

Große Konzerne nutzen soziale Netzwerke meist, manche Mittelständler der Region scheuen sich noch. Was sind Chancen, was Risiken? Digitalexperte Prof. Heinz Kraus äußert sich zu dem Thema im Interview.

Apps von Facebook und Co. finden sich auf fast jedem Smartphone: Können soziale Netzwerke auch heimischen Unternehmen nutzen?   Foto: Vennenbernd/dpa
Apps von Facebook und Co. finden sich auf fast jedem Smartphone: Können soziale Netzwerke auch heimischen Unternehmen nutzen?
Foto: Vennenbernd/dpa

Herr Kraus, viele große Unternehmen sind bereits in sozialen Netzwerken aktiv. Warum sollten auch mittelständische Betriebe sich mit dem Thema beschäftigen?

Im privaten Bereich ist es doch bereits normal, soziale Netzwerke zu nutzen. Eines sollte man nicht vergessen: Die sogenannten Digital Natives, die jungen Menschen, die mit den digitalen Medien aufgewachsen sind, kommen mittlerweile auch als Kunden zu den Unternehmen. Sie erwarten eine digitale Ansprache. Sicher, die digitalen Unternehmen waren Vorreiter, und auch große Konzerne sind Vorreiter in Sachen Social Media. Doch mittlerweile finden Sie auch die Bäckerei um die Ecke, die sich auf Facebook präsentiert. In der Breite ist das natürlich ein Riesenunterschied, aber die nachkommende Generation erwartet entsprechende Angebote in diesem Metier.

Nicht alle Firmen in der Region wenden sich direkt an Endverbraucher. Lohnt sich ein Engagement in sozialen Netzwerken dann – Geschäftskommunikation läuft doch bislang über andere Kanäle?

Kommunikation ist ja auch nach innen gerichtet. Das kann zum Beispiel die Facebook-Seite für die eigene Belegschaft sein. Und die Firmen müssen Nachwuchs generieren, wir reden ja nicht umsonst über Fachkräftemangel. Das heißt, diese Kanäle nutzen Firmen für die eigenen Kunden, für die eigene Belegschaft und, um den Nachwuchs zu erreichen.

Ein englischer Eisenbahnbetrieb hat einen Hit gelandet: Ein Jugendlicher hat als Praktikant den Facebook-Account übernommen und so Hunderttausende Follower neu geworben. Eine gute Strategie?

Es macht schon Sinn, nicht unbedingt als Erstes einen Rentner zu fragen, der jetzt viel Zeit hat, sich um die sozialen Netzwerke des Unternehmens zu kümmern. Wenn Sie nicht digital-affin sind, dann wird das nicht funktionieren. Es merken viele zurzeit, dass es neue digitale Geschäftsmodelle gibt, die für traditionelle Unternehmen bestandsgefährdend sein können. Nehmen Sie etwa die Taxibranche und das Digitalunternehmen Uber. Es kann aber bis zu einem Jahrzehnt dauern, bis solche Erkenntnisse auch in der Breite ankommen. Dann merkt man, dass man die Sprache derjenigen sprechen muss, die man erreichen will.

Sie sagten ja bereits, dass viele die sozialen Netzwerke bereits privat nutzen. Reichen die Kenntnisse für Mitarbeiter aus, die den Account einer Firma pflegen?

Nein, sich selber privat in den sozialen Netzwerken zu bewegen, könnte man eher als Grundvoraussetzung bezeichnen, die Digitalaffine mitbringen. Nur einen Account zu haben, reicht sicher nicht. Was aber jene können sollten, die sich um soziale Netzwerke für ein Unternehmen kümmern: Man muss dazu auch die „alte Welt“ beherrschen. Wenn man nur die Neuen Medien kennt, ist das nicht genug.

Die Mitarbeiter fungieren auch als Übersetzer, als eine Art Schnittstelle zwischen „alter“ und „neuer“ Welt?

Ja, man könnte sagen, dass vielleicht schon vor fünf Jahren der „Tipping Point“ war, der Punkt, seit dem eine Balance zu bringen ist: Was muss ich von der alten Welt noch kennen, um es in der neuen Welt zu vermitteln.

Viele Firmen dürften Angst vor einem Shitstorm haben – ist das eine berechtigte Sorge?

In der Tat: Vor dem kann man sich nicht wegducken. Die Sorge ist berechtigt. Das Einzige, was man tun kann, ist, jeden Tag präsent zu sein. Man muss wissen, was man tut und was passiert. Aber: Die meisten erleben sehr viele positive Aspekte und weniger den Shitstorm. Natürlich gibt es richtige Stürme, das sind aber eher die, die ein Dach abdecken. Mein Rat ist: Fangt mit dem an, was ihr könnt! Auf der anderen Seite: Viele Fake News geistern herum, damit muss man auch umgehen, wenn es die eigene Organisation betreffen sollte. Dass soziale Netzwerke ein mächtiges Instrument sein können, erkennt man etwa daran, dass man mit Twitter US-Präsident werden kann.

Gibt es Plattformen, die besonders geeignet sind für ein geschäftliches Umfeld?

Natürlich, es gibt Netzwerke, die klar „business like“ sind, wie etwa XING oder Linkedin. Dort tauscht man sich mit einem gewissen Niveau aus. Aber auch auf Youtube finden Sie erstklassige Firmenpräsentationen. Das hat alles einen gewissen Effekt, wenn die Qualität stimmt.

Gibt es auch Plattformen, von denen sie abraten würden?

Es muss passen, die richtige Ansprache und die richtige Zielgruppe sollten erreicht werden. Es macht Sinn, sich Gedanken zu machen, mit welchem Netzwerk dies am besten geschehen kann.

Wenn sich am Ende ein Betrieb gegen soziale Netzwerke entscheidet, ist das legitim oder rückwärtsgewandt?

Nein, das ist eine legitime Entscheidung. Der kleine Handwerksbetrieb ist vielleicht überfordert, und vielleicht braucht er es überhaupt nicht, um Kunden anzusprechen. Aber es gibt sicher genauso den Handwerksbetrieb, der durch geschickten Einsatz von sozialen Netzwerken Erfolge hat. Für die geschäftliche Nutzung steht am Ende ein Prinzip im Vordergrund, das auch in der „neuen Welt“ gilt: Es muss sich lohnen. Wenn am Ende nur investiert und kein ökonomischer Nutzen erzielt wird, dann wird sich ein Unternehmen gegen ein Engagement in den sozialen Medien entscheiden.

Von Mika Beuster

Vortrag zu sozialen Netzwerken

Heinz Kraus ist Professor an der Technischen Hochschule Mittelhessen (THM) in Gießen. In einem Vortrag bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Limburg am Dienstag, 20. Februar, gibt er einen Überblick über unterschiedliche soziale Netzwerke.

Millionen Deutsche sind bei Online-Communities wie Facebook oder Xing angemeldet. Es gibt aber eine Vielzahl an weiteren interessanten Netzwerken – jedes mit einem anderen Schwerpunkt und anderen Funktionen. Aber welches Netzwerk bietet was? Dies soll bei der Veranstaltung beleuchtet werden. Die Veranstaltung findet von 17 bis 19 Uhr in der IHK Limburg, Walderdorffstraße 7, statt. Informationen gibt es unter Telefon 06431/2100 oder per E-Mail an info@limburg.ihk.de

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