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Dernau/Marienthal

Treffen mit einem Zeitzeugen: 93-Jähriger war Häftling im Lager Rebstock

Der Niederländer Arie van Houwelingen war Häftling im Lager Rebstock. Mit gerade mal 20 Jahren musste er dort Zwangsarbeit leisten. Nach 73 Jahren ist der heute 93-Jährige an den Ort zurückgekehrt, an dem er von August bis September 1944 schuften musste.

"Wir hatten nur einen Gedanken – essen, trinken, überleben. Das trieb uns an!“ Dann schweigt der 93-jährige Niederländer, stützt sich auf seinen Gehstock und kämpft mit den Tränen. Er steht vor einer kleinen Tafel mit dem Namen Arie van Houwelingen, die an sein Schicksal als Häftling im „Lager Rebstock“ in Dernau und Marienthal erinnert.

Seine gute Freundin Sylvia Meijer, die ihn mit ihrem Mann Hans und dem Fotografen Lowy Sterken ins Ahrtal begleitet hat, nimmt ihn vorsichtig in den Arm. „Ich bin doch nur ein ganz einfacher Mensch“, sagt er verschämt. „Ja, aber einer, der als Zeitzeuge überlebt hat“, meint Wolfgang Gückelhorn, der Motor und Sprecher der Initiative Erinnerungsstätte Lager Rebstock.

Nach 73 Jahren ist Arie von Houwelingen, der nach dem 2. Weltkrieg als Chemiker arbeitete, zum ersten Mal an den Ort zurückgekehrt, an dem er von August bis September 1944 beim Bau einer V 1-Produktionsstätte im Dernauer Trotzenbergtunnel schuften musste. Und am Ende der mehrstündigen Zeitreise zwischen Marienthal und Brück übermannt ihn bei einem Kaffee und einem Glas Wein in der kleinen Runde noch einmal die Rührung: „Ich bin Ihnen so dankbar.“
Am 17. Dezember 1923 in Delft geboren wird der 20-Jährige am 6. Juni 1944 als so genannter „Arbeitsverweigerer“ von deutschen Soldaten festgenommen, vom Sicherheitsdienst (SD) in Rotterdam verhört und am 18. Juli in das Polizeidurchgangslager (PDL) Amersfoort gesteckt. Kahl geschoren und in Gefängniskleidung ist er willkürlichen Schikanen ausgesetzt. Dabei sind die täglichen Kniebeugen bis zum Umfallen noch das geringste Übel…

Am 4. August 1944 trifft Arie van Houwelingen als Nr. 100 auf der Transportliste mit weiteren 167 Leidensgefährten von Amersfoort kommend über Köln mit dem Zug am Bahnhof Brück ein. Zu Fuß geht es von dort zum damaligen Luftwaffenübungsplatz Ahrbrück in ein Barackenlager. „Wir haben noch teilweise selbst den Zaun um die Baracken errichten müssen“, erzählt der Senior. Und als wir uns dem damaligen Areal mit dem Auto nähern , ist er aufgeregt: „Ja, dort waren sie. Ich erinnere mich genau.“ Angesichts der heutigen Wohnhäuser an der Kesselinger Straße blitzt – wie so häufig an diesem Nachmittag – beim Aussteigen der Schalk in seinen Augen auf: „Die stehen ja alle auf meinem Grundstück!“ Am Bahnhof zeigt er, wieder in sich gekehrt, auf das Schild „Brück/Ahr“. Dann fehlen ihm die Worte.

Nach einem zweiten Transport am 18. August sind jetzt 367 niederländische Zwangsarbeiter in Brück und werden mit dem Zug täglich zum Arbeitseinsatz auf dem Bahndamm der unvollendeten Eisenbahntrasse zwischen Dernau (Sonderbergtunnel) und Reck (Herrenbergtunnel) gefahren. Dort verlegen sie Schmalspurschienen die weiter in die geplanten V 1-Produktionsstätten im Trotzenbergtunnel führen. Auch beim Ausbau im Tunnel sind sie mit anderen Gefangenen eingesetzt. Hier sind Arie von Houwelingen auch KZ-Häftlinge in ihrer gestreiften Kleidung im Gedächtnis geblieben. Ebenso in Brück die russischen Kriegsgefangenen.

Mit dem Bau von drei Baracken an der Bahntrasse in Richtung Herrenbergtunnel werden die Zwangsarbeiter endgültig von Brück nach Dernau umquartiert. Etwas versteckt befindet sich heute in der Nähe des früheren Gefangenenlagers dort an einer Stützmauer eine Gedenktafel, die erst beim zweiten politischen Anlauf angebracht wurde.

Arie von Houwelingen freut sich über dieses Stück Erinnerungskultur und beim Blick auf die Winzerbetriebe und die Weinberge zu seinen Füßen fällt ihm ein, dass er und seine Kumpels in einem unbewachten Moment immer wieder mal ein paar Trauben naschten.

Als die Front immer näher rückt stoppt der VW-Konzern den Bau der V 1-Fertigung. Ende September 1944 werden die Niederländer mit dem Zug nach Kassel transportiert. Arie van Houwelingen kommt weiter nach Ziegenhain, wird in die Produktion von Flugzeugmotoren gesteckt. Anfang April ´45 nehmen kanadische Truppen die Stadt ein, später transportieren schwarze US-GI´s die Zwangsarbeiter nach Frankfurt. Dort wartet auf alle eine große Entlausungsaktion. Mitte Mai 1945 trifft Arie wieder in seiner Heimat Delft ein. Mindestens 18 Amersfoorter haben ihren zwangsweisen Einsatz mit dem Leben bezahlt.

Olaf Goebel

Ort der Erinnerung an das Grauen eröffnet

Marienthal. Es war ein Ort der Unterdrückung, des Zwangs und der Entwürdigung, ein Ort des Grauens – mitten in den Weinbergen oberhalb von Marienthal. Der harmlose Name „Lager Rebstock“ verschleierte mehr schlecht als recht, um was es sich in Wirklichkeit handelte: um eine Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald. Dort wurde nun eine Gedenkstätte eröffnet.

Rund 25 000 Euro hat die Errichtung der Gedenkstätte Lager Rebstock gekostet. Finanziell beteiligt haben sich die drei tangierten Kommunen (Grafschaft, Bad Neuenahr-Ahrweiler, Verbandsgemeinde Altenahr), der Kreis Ahrweiler sowie weitere Sponsoren.
Rund 25 000 Euro hat die Errichtung der Gedenkstätte Lager Rebstock gekostet. Finanziell beteiligt haben sich die drei tangierten Kommunen (Grafschaft, Bad Neuenahr-Ahrweiler, Verbandsgemeinde Altenahr), der Kreis Ahrweiler sowie weitere Sponsoren.
Foto: Jochen Tarrach

In der Zeit von September 1943 bis zum Dezember 1944 mussten hier 1500 Menschen aus acht Ländern gegen ihren Willen unter unmenschlichen Bedingungen Zwamgs- beziehungsweise Sklavenarbeit leisten. Jetzt erinnert eine Gedenkstätte an diese düstere Vergangenheit. Jetzt, am geschichtsträchtigen 9. November, wurde sie im Beisein zahlreicher Ehrengäste offiziell eröffnet, darunter zwei Zeitzeugen: der 93-jährige Arie van Houwelingen aus den Niederlanden und Gertrud Schneck aus Bad Neuenahr, die im Sommer 1944 ebenfalls zur Arbeit für die Rüstungsindustrie zwangverpflichtet wurde. 

Dass dieses in Vergessenheit geratene Außenlager des nationalsozialistischen Lagersystems überhaupt wieder ins Bewusstsein kam, ist dem Verein Frankensiedlung Nithrindorp zu verdanken. Dieser hatte 2013 ein Auge auf die Fläche geworfen, die im Bereich des ehemaligen Regierungsbunkers liegt und von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima) verwaltet wird. Als der Verein angesichts der historischen Bedeutung sein Ansinnen aufgab, dort sein Siedlungsprojekt umzusetzen, kam die Diskussion um den künftigen Umgang mit dem Grundstück auf. Die Idee einer Gedenkstätte war geboren.
Viele haben am Zustandekommen der Gedenkstätte mitgewirkt: die drei flächenmäßig berührten Kommunen – die Verbandsgemeinde Altenahr, die Stadt Bad Neuenahr-Ahrweiler und die Gemeinde Grafschaft, auf deren Territorium die Gedenkstätte liegt – die Landeszentrale für Politische Bildung, die Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten- und Erinnerungsinitiativen und viele mehr. Doch nichts hätte sich getan ohne den Initiativkreis um den Historiker Wolfgang Gückelhorn und Klaus Liewald, Vorsitzender des Bürgervereins Synagoge Bad Neuenahr-Ahrweiler, der die Trägerschaft der Gedenkstätte übernommen hat. Entsprechend groß waren Dank und Anerkennung, die ihnen von allen Seiten ausgesprochen wurden.

Es handele sich um einen internationalen Erinnerungsort, betonte Staatsminister Prof. Dr. Konrad Wolf in seiner Ansprache mit Blick auf die anwesenden diplomatischen Vertreter aus Ungarn, Russland, Italien, Frankreich und den Niederlanden. Ihn freue, dass weiter an einer starken und selbstkritischen Erinnerungskultur gearbeitet werde. „Die Notwendigkeit von Aufklärungsarbeit und Erinnerungskultur nimmt mit der Zeit nicht ab, sondern im Gegenteil: Sie gewinnt sogar an Bedeutung“, sagte Wolf. „Aktuelle Aussagen von gewählten Politikern lassen uns aufhorchen und zu Recht wachsam werden.“

Kreisstadt-Bürgermeister Guido Orthen, der für die drei beteiligten Kommunen sprach, erinnerte an das Glück, im demokratischsten und freiheitlichsten Land zu leben, das es je auf deutschem Boden gegeben habe. „Aber gerade dieser Umstand verpflichtet uns dazu, daran zu erinnern, dass Demokratie und Freiheit auch im 21. Jahrhundert keine Selbstläufer sind“, sagte Orthen.

Landrat Jürgen Pföhler sprach von einem „eindrucksvollen Geschichts- und Erinnerungsort“, der heute eröffnet werde. „Dabei handelt es sich um die bislang einzige Einrichtung dieser Art in Deutschland, deren Träger nicht der Staat, sondern eine Initiative aus der Bürgerschaft ist.“ Dies mache sie zu einer besonderen Institution mit überregionaler Strahlkraft.

Mit einem Friedensgebet von Vertretern der evangelischen und der katholischen Kirche sowie der jüdischen Gemeinde Koblenz endete der offizielle Teil der Eröffnungsfeier. Es folgten Grußworte der diplomatischen Vertreter.

Von unserem Redakteur Frieder Bluhm

RZ-Kommentar: Tourismus? Aber gern!

Redakteur Frieder Bluhm zum Wert der Gedenkstätte Lager Rebstock:

RZ-Redakteur Frieder Bluhm.
RZ-Redakteur Frieder Bluhm.

Darf eine Erinnerungsstätte ein Ziel für schnöden Tourismus sein? Sie darf. Und es ist prima, wenn sich die Erinnerungsstätte Lager Rebstock in diese Richtung entwickelt. Denn wo kein Mensch hinkommt, erinnert sich auch keiner. Deshalb ist die Erinnerungsstätte Lager Rebstock so gelungen: Weil sie einlädt, sich auf die Geschichte einzulassen. Die Allee der Erinnerungen zeichnet den alten Bahndamm zwischen den Tunneln nach, in denen die Zwangsarbeiter schuften mussten. Das riesige Foto vor dem ehemaligen Ostportal des Trotzenbergtunnels ist wie ein Fenster in die Vergangenheit. Die Biografien auf den Tafeln machen abstraktes Leid greifbar. Der Info-Pavillon bietet präzise Information in kompakter Form. Das alles ist auf unaufdringliche Weise anschaulich und lehrreich. Hut ab vor allen, die daran mitgewirkt haben: Das ist recht verstandene Erinnerungskultur.

E-Mail: frieder.bluhm@rhein-zeitung.net

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