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Ringregion

Russe am Ring: Region reagiert fassungslos

Fassungslos, teilweise entsetzt, mindestens aber skeptisch hat die Ringregion auf die Nachricht vom Verkauf des Nürburgrings an den russischen Oligarchen Viktor Charitonin reagiert.

Jetzt ist passiert, was eigentlich nicht passieren sollte: Der Nürburgring gehört nun einem russischen Oligarchen.
Jetzt ist passiert, was eigentlich nicht passieren sollte: Der Nürburgring gehört nun einem russischen Oligarchen.
Foto: Hans-Jürgen Vollrath

Von unserem Redakteur Frieder Bluhm

„Ich denke, das ist der Gau", sagte Müllenbachs Bürgermeister Udo Mergen der RZ. Er fürchtet, dass die Rennstrecke nun endgültig zum Spielball von Finanzspekulanten geworden ist. „Herr Charitonin ist der nächste, aber sicher nicht der letzte Eigentümer", glaubt der Ortsbürgermeister, der dem Gläubigerausschuss angehört und die Entscheidung für Capricorn und Robertino Wild noch mittragen konnte.

Dass der Düsseldorfer Unternehmer seine Anteile nach so kurzer Zeit dem russischen Pharmaunternehmer überlassen musste, lässt ihn nichts Gutes ahnen. „Charitonin wurde wie ein Kaninchen aus dem Hut gezaubert", ärgert sich Mergen, der sich als Mitglied des Gläubigerausschusses ausgebootet fühlt. Für die Zukunft des Rings, glaubt er, sieht es nicht rosig aus.

Mergens Bürgermeisterkollege aus Nürburg, Reinhold Schüssler, macht aus seinem Zorn keinen Hehl. „Wir sind belogen und betrogen worden", wettert Schüssler. „Zwei Jahre lang ist uns versprochen worden: Kein Oligarch am Nürburgring." Und nun sei genau das eingetreten. „Eine Frechheit. Die das zu verantworten haben, gehören in die Wüste geschickt." Für ihn ist es unbegreiflich, dass man sich derart von einem Multimillionär aus Russland abhängig machen kann. „Wenn es Unstimmigkeiten gibt – was dann?"

In diese Richtung gehen auch die Befürchtungen von Andrea Thelen. „Wir sind jetzt auf das Gutdünken eines Einzelnen angewiesen", sagt die Vorsitzende des Gewerbevereins Adenau. Fassungslos und entsetzt hat sie die Nachricht vom neuen Ringeigentümer aufgenommen. Jetzt sei eingetreten, wovor man jahrelang gewarnt habe. „Das macht mich wütend: Wir sind nie ernst genommen worden", sagt Thelen. „Immer wenn man denkt, schlimmer geht's nicht, dann kommt es noch schlimmer." Der Ring sei das Herz der Region, damit habe die Landesregierung Roulette gespielt. Russisch Roulette. Die nun entstandene Lage sei kaum einzuschätzen. Will der neue Eigentümer am Ring Geld verdienen? Will er den Ring zu seiner privaten Spielwiese machen? Nur in einem ist sie sich sicher: „Der Landesregierung glaube ich kein Wort mehr."

Von einer „überraschenden Wendung" spricht der Bürgermeister der Verbandsgemeinde Adenau, Guido Nisius. Die gute Nachricht sei: „Es geht erst mal weiter." Ob gut oder schlecht, das sei alles hochspekulativ. „Wir wissen nicht genau, mit wem wir es zu tun haben." Er hofft, dass noch gilt, was Capricorn im Juli bei einer gemeinsamen Sitzung mit dem Verbandsgemeinderat beteuert hat: Ohne Region geht es nicht. Das Gefühl, bei dem Drama nur in der Zuschauerrolle zu sein, frustriert aber auch den VG-Bürgermeister.

Für viel Beifall in den sozialen Netzwerken sorgte ein Interview, das Rennfahrer Christian Menzel aus Kelberg dem Sender Sport1 gab. "Wir haben alle eine wahnsinnige Angst. Der Nürburgring, von der Bekanntheit mindestens so einzuschätzen wie Schloss Neuschwanstein und gebaut, um eine strukturschwache Region zu fördern, ist nicht mehr in unserer Hand. Und wir haben schon gesehen, dass es in der Vergangenheit privat nicht lief."

Er prophezeit auch, dass sich künftig der Umgang vieler Menschen in der Region mit der Rennstrecken verändern werde und Belastungen, die bislang klaglos geduldet worden seien, dann in Rechtstreitigkeiten und andere Auflagen münden werden. "Bisher wollten die es sich mit ihren Nachbarn nicht verscherzen. Es war ja immer unser aller Nürburgring." Menzel sagte auch: "Jetzt werden wieder die tollsten Versprechungen gemacht – und wir werden belogen und betrogen wie bisher. Es gab immer noch einen oben drauf."

Vor einer schnellen Vorverurteilung warnt Bernd Schiffarth, der 25 Jahre lang bis 2009 Bürgermeister der Stadt Adenau war. So wie viele Kritiker in dieser gewöhnungsbedürftigen Lösung den Untergang der grünen Hölle sehen, müsse man sich umgekehrt auch fragen: Wo ist die Alternative? „Wenn verbindlich gesichert ist, dass der Ring weiterhin für die Öffentlichkeit genutzt werden kann, sind im Grunde Namen ausgewechselt worden", so Schiffarth. So ungewöhnlich sei das russische Interesse an der Rennstrecke in der Eifel für den Ex-Bürgermeister nicht: „Wir hatten öfter mal hier dem Motorsport nahestehende Russen, die im Umfeld des Nürburgrings investieren wollten." Er hält es für wichtig, jetzt von hier aus den Kontakt zum neuen Investor stärker auszubauen, und das ohne Holzhammer.

Aus der Kreisverwaltung hieß es am Freitag: „Für eine Einschätzung ist es noch zu früh. Zunächst einmal bleibt abzuwarten, welche Vorstellungen der neue Investor hat und ob der Verkauf des Nürburgrings rechtskräftig und damit rechtssicher abgeschlossen ist."

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