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Nürburgring

Ring-Chef Markfort: Wir werden unser Negativimage ablegen

An Pfingsten 1996 war Mirco Markfort das erste Mal am Nürburgring. Das Musikfestival Rock am Ring lockte auch ihn in die Eifel. Seitdem ist die legendäre Motorsportrennstätte für den 38-Jährigen vom Niederrhein eine "Herzensangelegenheit", wie er sagt.

Ab März 2009 wurde aus der Herzensangelegenheit eine berufliche Herausforderung. Nach einem elfmonatigen Gastspiel in Köln ist er jetzt als Chef an den Ring zurückgekehrt.

Damals, 2009, als die Beckschen Utopien in Beton gegossen wurden, ist Markfort mit Gummistiefeln und Arbeiterhelm über die Baustelle gelaufen. Er sagt: "Ich kenne die Locations in- und auswendig." Er kennt auch die – freundlich ausgedrückt – "bewegte jüngere Vergangenheit", er hat sie als Ring-Mitarbeiter schließlich am eigenen Leib erfahren.

Jetzt, selbst als Geschäftsführer in der Verantwortung, will Markfort "Fakten sprechen lassen". Von seinem Büro im dritten Stock des Ring-Boulevards blickt er auf Welcome Center und Ring-Werk. Im RZ-Interview erklärt er, wie er künftig die vielen Flächen bespielen will, Firmenveranstaltungen ausbauen und welche Rolle ein neues Musikfestival und die Formel 1 in seinem Konzept spielen.

Herr Markfort, Ende Januar erhielten Sie einen Anruf von Viktor Martin und Michael Lemler, den Vertretern der Nürburgring-Gesellschafter. Sie haben Ihnen den Posten des Geschäftsführers angeboten. Wie sehr hat Sie das überrascht?

Sehr, damit hatte ich nicht gerechnet. Bevor ich nach Köln gegangen bin, hatte ich Kontakt zu beiden Herren. Wir hatten ein gutes vertrauensvolles Verhältnis. Als ich dann in Köln war, gab es immer noch sporadisch einen Austausch. Aber das Angebot hat mich natürlich sehr gefreut. Solch eine Offerte bekommt man nicht alle Tage.

Haben Sie lange darüber gedacht, sie anzunehmen?

Nein.

Seit vier Wochen ist Mirco Markfort neuer Geschäftsführer des Nürburgrings. Im RZ-Interview erklärt der 38-Jährige, wie er die überdimensionierten Flächen wie Eifelstadl (Foto oben), Ring-Werk und -Arena bespielen will: nämlich vor allem mit weiteren Firmenveranstaltungen.
Seit vier Wochen ist Mirco Markfort neuer Geschäftsführer des Nürburgrings. Im RZ-Interview erklärt der 38-Jährige, wie er die überdimensionierten Flächen wie Eifelstadl (Foto oben), Ring-Werk und -Arena bespielen will: nämlich vor allem mit weiteren Firmenveranstaltungen.
Foto: jl

Wirklich nicht? Schließlich hat der Ring turbulente Jahre hinter sich. Wie auch die Geschäftsführer, die zuletzt recht oft gewechselt haben.

Der Nürburgring ist einzigartig, als Rennstrecke mit enormer Tradition und mittlerweile auch als Multifunktionsanlage. Ich sehe, übrigens genauso wie die Mitarbeiter, die fast alle schon über sehr viele Jahre am Ring arbeiten, die Chancen, die der Nürburgring bietet. Das ist die Herausforderung, die mich reizt. Meine Erfahrung aus der Vergangenheit hilft mir sehr, doch ich blicke nicht zurück, sondern mit Zuversicht nach vorne.

Sie haben die Turbulenzen der vergangenen Jahre hautnah miterlebt, die negative Stimmung im Unternehmen, aber vor allem auch in der Öffentlichkeit. Wie sehr haftet das noch an Ihnen, jetzt, wo Sie das Unternehmen leiten?

Es gibt heute einen gravierenden Unterschied. Als ich hier zwischen 2009 und 2015 gearbeitet habe, konnten wir immer nur von Jahr zu Jahr denken. Wir haben eine Saison abgewickelt, die nächste geplant. Jetzt haben wir die große Möglichkeit, die Zukunft aktiv zu gestalten. Und zwar mittelfristig über fünf bis sieben Jahre. Das ist für alle wichtig und positiv: für Mitarbeiter, Region, Veranstalter und Industrie.

Was ist mit dem negativen Image, für das der Nürburgring in den vergangenen Jahren selbst gesorgt hat ...

... müssen und werden wir ablegen. Ich denke, dass sich das auch schon wieder etwas gebessert hat. Aber klar: Als ich bei der Koelnmesse gearbeitet habe, wurde ich oft auf Insolvenz, Verkauf und Co. angesprochen. Selbst nach Köln, das ja nicht so weit weg ist, sind nur die schlechten Nachrichten gedrungen. Da weiß man teilweise gar nicht, was der Ring ist, wofür er steht. Das wollen wir ändern, wieder mehr Vertrauen aufbauen und längerfristige Verträge abschließen. Der Anfang wurde bereits gemacht.

Wofür steht denn der Ring?

Natürlich an erster Stelle für Motorsport, er ist wahrscheinlich die berühmteste Rennstrecke der Welt. Viele Menschen verbinden mit ihm besondere Erlebnisse und Emotionen. Sie kommen immer wieder her, sie hängen an ihm. Deshalb wurden die Ereignisse der vergangenen Jahre oft auch sehr emotional und hitzig diskutiert.

Die Auslastung der Rennstrecken ist bekanntlich nicht das Problem.

Richtig. Der Ring ist eben nicht nur Rennstrecke. Wir haben die Touristenfahrten auf der Nordschleife und die Autoindustrie, die 16 Wochen im Jahr hier ihre Fahrzeuge testet. Und wir haben die Attraktionen an der Grand-Prix-Strecke, dazu zwei Hotels, einen Ferienpark und ein Gastronomiedorf. Wir haben also die besten Möglichkeiten für Firmenveranstaltungen, für Messen, Tagungen und Fortbildungen, die wir jetzt endlich ausschöpfen wollen. Da haben wir ein enormes Potenzial. Das wollen wir nutzen, hier wollen wir wachsen. Dafür analysieren wir derzeit: Wer genau sind unsere Kunden? Was brauchen sie? In welcher Größe kommen sie zu uns? Wir müssen unsere Kunden gezielter ansprechen, in der Vergangenheit wurde zu breit gestreut.

Je größer, desto besser?

Nicht immer. Denn wir müssen ja auch genug Kapazitäten bei der Unterbringung in einer gewissen Kategorie anbieten. Wenn Firmen zu uns kommen, wollen sie ihre Mitarbeiter auch in der Nähe adäquat unterbringen und die Leute nicht permanent im großen Stil shutteln.

Warum sollte man denn in der Abgeschiedenheit der Eifel seine Tagung, Mitarbeiterschulung oder einen Kongress abhalten, wenn man keine Beziehung zum Motorsport hat. Warum sollte der Nürburgring interessanter als Köln und Düsseldorf sein mit ihrem Angebot an Unterhaltung?

Genau das ist ein wichtiger Punkt. Bei uns sind die Mitarbeiter unserer Firmenkunden zusammen und bleiben es auch. Mal schnell in die Kölner Altstadt verschwinden und das Gemeinschaftserlebnis sprengen, ist hier oben kaum möglich.

Wie können denn Firmenkunden die riesigen Flächen nutzen?

Das Ring-Werk ist in unseren Konzepten nicht mehr wegzudenken. Im Kinosaal etwa werden tagsüber Präsentationen abgehalten, abends findet im Ring-Werk ein festliches Dinner statt. Anschließend können die Leute in Eifelstadl oder Brauhaus gehen, die dann natürlich geöffnet sind. Langstreckenbar und das Restaurant Twentyseven sind ja jetzt schon wieder regelmäßig geöffnet.

Von Ideen, ein Ring-Werk über die Woche mit Tagesgästen zu bespielen, hat man sich also endgültig verabschiedet?

Sie sind ein Teil unserer Eventflächen und natürlich für Rennsportbesucher am Wochenende Anlaufpunkt.

Fehlen noch Ring-Arena und Event Center …

... beide Flächen haben Potenzial, das wir besser nutzen wollen. Die Größe der Arena ist unglücklich, zu klein für Top Acts, zu groß für mittelbekannte Künstler. Deshalb versuchen wir sie auch eher für Firmenveranstaltungen zu nutzen. Für das Fuhrparkforum etwa brauchen wir beide Bereiche unbedingt …

... wobei diese Messe mit ihrer Größe eine absolute Ausnahme ist.

Ja, zumindest noch. Nochmals: Wir haben hier Top Locations. Die Frage ist: Wie nutzen wir sie? Müssen wir sie vielleicht anpassen, damit sie für das Kundeninteresse passen?

Das hört sich nach Abrissbirne an.

Nein, absolut nicht. Wir wollen nichts abreißen und auch derzeit nichts anpassen. Wir brauchen aber zunächst vernünftige Zahlen, um schauen zu können, wo wir in fünf bis sieben Jahren stehen wollen. Wenn wir das wissen, handeln wir. Klar ist auch: Bei manchen Gebäuden haben wir nur noch einen Schuss frei. Das Gesamtkonzept muss jetzt passen.

Wie ist der Stand beim Musikfestival Rock am Ring?

Das findet auch dieses Jahr in Mendig statt.

Ganz offensichtlich, ja. Aber auch irgendwann wieder am Nürburgring?

Ich würde es nie ausschließen, der Kontakt ist nie abgerissen. Aber im Moment ist das wohl eher Wunschdenken. Aber: Wir wollen 2017 ein Musikfestival haben. Das ist eine unserer höchsten Prioritäten.

Mit welcher Musikrichtung? Rock – und nicht nur den – gibt es in Mendig, Elektro bei der Nature One im Hunsrück.

Zu Genre und Größe kann ich noch nichts sagen. Wir sind derzeit in Gesprächen mit mehreren möglichen Partnern. Im Spätsommer muss es aber feststehen, damit wir den Rennkalender 2017 planen können. Sicher ist: Wir wollen etwas Neues machen, keinen Abklatsch.

Der Nürburgring ohne Formel 1 ist für Rennsportfans nur schwer vorstellbar. Wann kehrt sie zurück?

Die Formel 1 fehlt uns als einzige große Motorsportveranstaltung im Autobereich, das ist klar. Auch ich würde mich freuen, auch für die Region, wenn sie wieder hier stattfindet. Aber da müssen die Konditionen passen – auch für uns.

Wollen Sie neue Veranstaltungen an den Ring holen? Der Extremlauf Strongmanrun hat sich sehr gut entwickelt.

Wir hatten und haben Anfragen von diversen Hindernisläufen und auch von weiteren Radrennen. Aber da würden wir die bestehenden Veranstaltungen kanibalisieren, was wir nicht wollen. Die Frage ist eher, wie können wir die Veranstaltungen, die wir haben, vor allem im Motorsport, der schon länger einen großen Umbruch erlebt, weiter verbessern?

Wie sehr ist der Hockenheimring Konkurrenz für den Ring?

Kaum, das Einzugsgebiet unterscheidet sich stark. Zudem ist die Nordschleife einzigartig, und Hockenheim hat nicht die Räumlichkeiten wie wir. Unsere Grand-Prix-Strecke ist zu mehr als 90 Prozent ausgelastet, die Nordschleife zu 100 Prozent. Meiner Ansicht nach, müssen Nürburgring und Hockenheimring viel mehr Miteinander reden. Auch über das, was wir künftig vorhaben. Und das betrifft auch die Formel 1.

Das Interview führten Uli Adams und Jan Lindner

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