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Waldorf

Nachruf: Jean Lessenichs erfülltes und turbulentes Künstlerleben

Petra Ochs

Mal licht und pastoral, mal düster und dräuend: Niemand hat die hiesige Eifellandschaft so gemalt wie Jean Lessenich. Am Dienstag vor einer Woche ist die bekannte Waldorfer Künstlerin im Alter von 74 Jahren einem Herzanfall erlegen – nur zwei Tage nach der Eröffnung der Gemeinschaftsausstellung „Landfahrer“ im Kulturbahnhof Nettersheim.

Foto: peo

Jean Lessenich wurde eigentlich als Mann geboren. „Ich bin das, was man eine Transsexuelle nennt. Ich wurde bei meiner Geburt als männlich einsortiert und lebe nun mein Leben als etwas anderes“, schrieb sie in ihrer 2012 erschienenen Autobiografie „Die transzendierte Frau“. Schon früh entschied sich Lessenich, lieber eine Frau zu sein: In Casablanca unterzog sie sich Anfang der 1970er-Jahre einer Geschlechtsumwandlung.

Um ihrer japanischen Lebensgefährtin, die ihr den Weg in den Zen-Buddhismus eröffnete, durch Heirat einen dauerhaften Aufenthalt in Deutschland zu ermöglichen, wurde Lessenich aber zwölf Jahre später wieder zum Mann. Als solcher kam die in Bad Breisig aufgewachsene Künstlerin 2005 auch zurück in die alte Heimat, deren Enge und Biederkeit sie fünf Jahrzehnte zuvor entflohen war. Bevor es sie hinaus in die weite Welt zog, hatte Lessenich hier noch ganz brav ihre Lehre im Remagener Verkehrsverlag absolviert. Sie landete an den Kölner Werkschulen, studierte Malerei und Grafik. Die von der Studentenrevolte geprägten wilden 1960er- und frühen 1970er-Jahre erlebte sie in Frankfurt, ging in die Werbung, arbeitete als Layouterin und Art-Direktorin, unter anderem bei der berühmten Werbeagentur GGK in Düsseldorf. Als Illustratorin machte sich Jean Lessenich schließlich selbstständig, zeichnete unter anderem für Magazine wie Playboy und Spiegel, Bunte und Zeit.

Besonders prägend waren Lessenichs ausgedehnte Aufenthalte in Kanada, den USA und Japan. In Kanada lebte sie mit Indianern im Six Nations-Reservat, arbeitete später im „American Indian Movement“ mit. Die Erlebnisse dort verarbeitete Lessenich literarisch in ihrem Buch „Nun bin ich die ewig junge Hirschkuh oder der Ajilee Mann“. Auch ihre Zeit in Japan prägte sie nachhaltig: Erst vor einigen Jahren ließ sie sich zum Laienmönch des Zen-Buddhismus weihen.

Zum Malen kam Jean Lessenich erst als Rentnerin: Auf Gut Selikum in Neuss richtete sie sich ihr erstes Maleratelier ein. Die hiesige Landschaft war es schließlich, die Jean Lessenich in den Kreis Ahrweiler zurückkehren ließ. Hier entstanden ganz besondere Naturansichten – manche erinnert, manche ganz aktuell. Die Natur vor der eigenen Haustür faszinierte sie stets aufs Neue. „Es fehlen hier nur die hohen Berge“, meinte die Malerin, die selbst aus schnöden Straßenansichten Kunst erschaffen konnte. In eindringlichen Porträts brachte sie auch die Menschen ihrer Umgebung auf die Leinwand. Etwa Bäuerin Leni, wie sie im Einklang mit dem natürlichen Wechsel der Jahreszeiten lebt.

Zuletzt war es eine eher düstere Eifel, die Lessenich dem Betrachter offerierte. Bei ihren „Begehungen der Erde“, wie sie die Streifzüge an Rhein und in der Eifel nannte, sammelte die Künstlerin landschaftliche Impressionen und Stimmungen ein, um diese im heimischen Atelier in Öl oder mit Ei-Tempera-Farben, hie und da kombiniert mit Tuschezeichnungen auf Japanpapier, auf die Leinwand zu bringen. Ihre reduzierten Eifellandschaften gingen dabei eine unnachahmliche Liaison mit Elementen fremder Kulturen ein. Im Sinne des Zen-Buddhismus waren ihre Landschaftsausblicke immer auch göttlich geprägt. „Ich möchte die Zunge des Buddhas in der Landschaft spüren. Darum geht es mir in meinen Bildern“, hat die Malerin einmal gesagt.

Ihre letzte Ruhe wird sie auf dem Breisiger Waldfriedhof Rheinruhe unter Bäumen finden.

Von unserer Mitarbeiterin Petra Ochs

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