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Kreis Ahrweiler

Lager Rebstock: Stimmen die Opferzahlen?

Frieder Bluhm

War das Lager Rebstock, eine Außenstelle des KZ Buchenwalds, doch nicht so grausam wie gedacht? Eine eigens anberaumte Veranstaltung soll Zweifel an vermeintlich sicheren Zahlen und Fakten ausräumen.

Eröffnung der Gedenkstätte Lager Rebstock am 9. November 2017: Die Verneigung vor den Opfern der Zwangsarbeit stand im Vordergrund. Doch wie viele waren es? Über die Zahlen ist ein Streit entbrannt.
Eröffnung der Gedenkstätte Lager Rebstock am 9. November 2017: Die Verneigung vor den Opfern der Zwangsarbeit stand im Vordergrund. Doch wie viele waren es? Über die Zahlen ist ein Streit entbrannt.
Foto: Jochen Tarrach

Eine staatstragende, würdige Feier war die Eröffnung der Gedenkstätte Lager Rebstock am 9. November 2017. Diplomatische Vertreter aus den Herkunftsländern der Zwangsarbeiter, die zwischen September 1943 und Dezember 1944 zur Arbeit für die Rüstung in den Tunneln oberhalb von Marienthal gezwungen wurden, waren zugegen, und auch zwei Zeitzeugen. Von einem internationalen Erinnerungsort, den man eröffne, sprach Staatsminister Prof. Dr. Konrad Wolf. Doch jetzt ist ein Streit darüber entbrannt, ob die auf den Texttafeln der Gedenkstätte genannten Zahlen und Fakten überhaupt stimmen.

Auf der einen Seite steht der Militärhistoriker Wolfgang Gückelhorn aus Bad Breisig, Initiator der Gedenkstätte, auf der anderen der Heimatforscher Matthias Bertram aus Dernau, bekannt für die Erforschung jüdischen Lebens im Ahrtal. Beide haben sich bereits in Leserbriefen beharkt. Beide sind sich ihrer Sache sicher, dass der jeweils andere falsch liegt. Gückelhorn spricht von 1500 Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen, Bertram von nur 700 bis 900. Ein „Faktencheck“ zum Lager Rebstock in Form einer öffentlichen Podiumsveranstaltung morgen, 18 Uhr, in der ehemaligen Synagoge Ahrweiler, soll nun Klarheit bringen.

Wolfgang Gückelhorn
Wolfgang Gückelhorn
Foto: Jochen Tarrach

Matthias Bertram
Matthias Bertram
Foto: Vollrath

Bertram nennt es eine „absurde Behauptung“, das Arbeitslager mit KZ oder gar Vernichtungslager gleichzusetzen. Anders als von Gückelhorn behauptet habe es im Zusammenhang mit dem Lager Rebstock weder Galgen noch Erschießungsplätze noch Massengräber gegeben. „Es gab keine Todesmärsche im Zusammenhang mit dem Lager. Es gab keine – sicher dokumentierten – getöteten oder vor Ort gestorbenen Zwangsarbeiter, weder in Marienthal, noch in Dernau, noch in Ahrweiler“, sagt Bertram. Alles andere sei Spekulation und habe mit seriöser Forschung nichts zu tun.

„Er wirft Zahlen durcheinander und beruft sich auf Sekundärquellen“, kontert Gückelhorn. Sprachlos sei er gewesen nach den ersten Leserbriefen. Bertram unterstelle ihm Geschichtsklitterung. „Damit greift er nicht nur mich an, sondern auch den Bürgerverein ehemalige Synagoge Ahrweiler als Träger der Gedenkstätte und die Sponsoren.“

Zu Letzteren gehören der Kreis Ahrweiler und die drei Kommunen Gemeinde Grafschaft, Bad Neuenahr-Ahrweiler und Verbandsgemeinde Altenahr. Von kommunaler Seite sei bereits gefragt worden, ob die Zahlen stimmen. „Es geht um das Renommee des Vereins und der Gedenkstätte“, sagt Gückelhorn. Pikant: Bertram ist selbst Mitglied des Bürgervereins. Dessen Vorsitzender Klaus Liewald findet es „wichtig, dass öffentlich diskutiert wird“. Beide Seiten bekämen Gelegenheit, ihre Forschungen vorzustellen. „Da bin ich schon sehr gespannt.“ Das Ergebnis sei für ihn offen. Allerdings geht Liewald nicht davon aus, dass die Texttafeln an der Gedenkstätte geändert werden müssen.

Auf richtig oder falsch nicht fest legt sich die Gemeinde Grafschaft, auf deren Gebiet sich die Gedenkstätte befindet. Die Gemeinde Grafschaft stehe ausdrücklich zu ihrer Unterstützung der Erinnerungsstätte Lager Rebstock, heißt es aus dem Ringener Rathaus. Die Einrichtung auf Grafschafter Boden diene als authentische Stätte gegen das Vergessen der damaligen NS-Verbrechen. „Wir sind sicher, dass die Veranstaltung am Donnerstag zur sachlichen Richtigstellung führen wird und hoffen zugleich, dass das Gedenken an diesem Ort durch die kontroverse öffentliche Diskussion nicht beeinträchtig wird“, erklärt der Erste Beigeordnete Michael Schneider.

Moderiert wird die Veranstaltung von Dieter Burgard, dem Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen zur NS-Zeit in Rheinland-Pfalz. Das sieht Bertram kritisch, denn Burgard sei in die Erstellung der Gedenkstätte involviert gewesen, mithin nicht neutral. „Ich hoffe, dass man mich ausreden lässt und ich nicht gelyncht werde“, sagt der Heimatforscher. Er ist überzeugt, dass die Fakten, die er vortragen wird, für sich sprechen. Er habe nichts gegen Gedenkstätten. „Aber die Inhalte müssen stimmen“, sagt Bertram.

„Mir liegen Rachegelüste fern“ beteuert Gückelhorn, der gleichwohl überzeugt ist, dass die Veranstaltung zu einer „öffentlichen Hinrichtung“ wird. „Entweder werde ich als Dummschwätzer entlarvt – oder ein anderer“, sagt Gückelhorn und ist sich sicher, dass nicht er es sein wird, der entlarvt wird. Ein Optimismus, den er mit seinem Kontrahenten teilt. „Für einen von uns kann es zu einer peinlichen Veranstaltung werden“, sagt Bertram. Er ist sich sicher, dass dieser eine nicht er sein wird.

Von unserem Redakteur Frieder Bluhm
Bad Neuenahr-Ahrweiler
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