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    Koisdorfer Helfer lässt nicht locker: Junger Syrer findet aufgeschlossene Firma

    Die Beharrlichkeit seines Fürsprechers hat sich für einen jungen Syrer bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz ausgezahlt.

    Mohammad Mustafa strahlt: Im Familienunternehmen von Gründer Werner Gent, dessen Sohn Joachim und Mutter Dorothea hat er einen aufgeschlossenen Ausbildungsbetrieb gefunden. Der engagierte Koisdorfer Ferdi Schlich hat die Weichen hierfür gestellt (von links). Foto: Judith Schumacher
    Mohammad Mustafa strahlt: Im Familienunternehmen von Gründer Werner Gent, dessen Sohn Joachim und Mutter Dorothea hat er einen aufgeschlossenen Ausbildungsbetrieb gefunden. Der engagierte Koisdorfer Ferdi Schlich hat die Weichen hierfür gestellt (von links).
    Foto: Judith Schumacher

    Die Geschichte von Ferdi Schlich und seinem Freund Mohammad Mustafa trägt sich so auch nicht alle Tage zu: Nach dem frustrierenden Besuch einer Autowerkstatt, wo sie nach einem Praktikums- oder gar Ausbildungsplatz nachgefragt hat, nahm die Heimfahrt eine erfreuliche Wende.

    Seit der Flüchtling im Oktober 2015 zunächst im Koisdorfer Dorfgemeinschaftshaus untergebracht war, begleitet Ferdi Schlich – ein Sinziger Original – den jungen Mann. Bei einer Karnevalsveranstaltung der Sportfreunde Koisdorf begegneten sie sich das erste Mal. Der junge Syrer konnte sich vor Lachen kaum herhalten, als Schlich im Clownskostüm auftauchte und der ihn dann selbst in ein noch vorhandenes Clownskostüm steckte. Die Schlichs luden Mohammad danach mehrfach zum Essen ein. Ferdi Schlich unternahm mit ihm Motorradtouren durch die Eifel und das Brohltal, und die Familie half ihm bei der Einrichtung seiner eigenen Wohnung in der Bachovenstraße. Die hatte sich der junge Mann, der in Syrien sechs Semester Maschinenbau studiert hatte, gesucht, nachdem er für seine Sprachprüfungen in der Sinziger Sozialwohnung keine Ruhe fand. „Die anderen Mitbewohner waren sehr laut, rauchten und tranken die ganze Zeit, das wollte ich nicht mehr“, erzählt er.

    Dass er die Wohnung bekam, verdankt er der Familie von Achim Rech. Rech bekam zufällig mit, dass Mohammad eine bessere Bleibe sucht. Die mittlerweile guten Deutschkenntnisse taten ein Übriges für die Verständigung. Heute sagt Mohammad: „Leni und Ferdi Schlich sind meine Eltern in Deutschland.“ Angesprochen auf das Befinden seiner restlichen Familie im zerstörten Aleppo sagt er: „Ganz gut.“ Doch weiterreden kann er dann erst mal nicht mehr, weil urplötzlich Tränen ihm die Stimme ersticken.

    Sein Bruder, ebenfalls geflüchtet vor dem Bürgerkrieg, studiert mittlerweile in Stuttgart Elektrotechnik. Mohammad fehlte es an weiterer Perspektive. Als er mit Schlich nach der Absage der Autowerkstatt auf dem Rückweg war, sagte Schlich: „Ich fahre dich jetzt noch nicht nach Hause.“ Er fuhr mit ihm kurzerhand zur Koisdorfer Metallbaufirma von Joachim Gent – ohne jede Anmeldung. Der Familienbetrieb zeigte sich spontan und überraschend aufgeschlossen. Juniorchef Gent, der die Firma 2013 von seinem Vater Werner übernommen hatte, besah sich einige Male die Fertigkeiten von Mohammad Mustafa und fackelte nicht lange: Nach Rücksprache mit der Agentur für Arbeit und dem Jobcenter, die dem Meisterbetrieb zugesichert haben, dass ihr Azubi mindestens bis zum Ende der dreieinhalbjährigen Ausbildung zum Metallbauer, Fachrichtung Konstruktionstechnik, in Deutschland bleiben kann, unterschrieben die Gents den Lehrvertrag. Seit Anfang Oktober arbeitet der 24-Jährige nun im Betrieb. Derzeit ist er der einzige Azubi unter den rund 12 Mitarbeitern im Betrieb.

    „Wir haben immer so gearbeitet. 90 Prozent unserer Auszubildenden waren schwer vermittelbar oder schwer erziehbar – aber jeder, der will, hat eine Chance verdient“, erklärt der Seniorchef seine Firmenphilosophie. Gegründet hat Werner Gent das Unternehmen 1978 in Wachtberg-Grafschaft. Und diese Firmenphilosophie kommt nicht von ungefähr. „Jeder ist Ausländer – es kommt immer darauf an, wo man sich gerade befindet“, betont Werner Gent. Er weiß selbst allzu gut, was es heißt, sich fremd zu fühlen. Er wuchs in Frankreich auf. „In Frankreich wurde ich diskriminiert, weil ich Deutscher war und alter Hass schwelte. Nachdem wir 1960 nach Deutschland übersiedelten, geschah mir hier das gleiche, weil ich in Frankreich geboren bin“, erinnert er sich. Er sprach damals nur wenige Brocken Deutsch, tat sich schwer mit Erlernen der Sprache. „Und schon in der ersten Schulpause hatte ich die erste Prügelei, um mir Respekt zu verschaffen“, erinnert er sich. In seinem Berufsleben als Meister hat er an die 40 junge Menschen ausgebildet. Er übernahm acht auf einmal übernommen, als ein befreundeter Betrieb Konkurs anmelden musste.

    Und Mohammad? Sein Technikerabitur aus Syrien kommt hier einem Realschulabschluss gleich. „Der will ja, die Verständigung klappt gut, also warum nicht – wir haben bisher noch jeden durch bekommen“, sagt Gent. „Ich kann nur sagen: Dankeschön, das ich solche Menschen treffen durfte, das ist so eine große Chance für mich“, sagt der frischgebackene Azubi strahlend. Parallel zur Berufsschule, wo Mustafa bislang trotz großer Fortschritte in der deutschen Sprache nur etwa 40 Prozent versteht, erhält er einmal die Woche Nachhilfe im Bildungswerk an der Bad Neuenahrer Heerstraße – finanziert vom Arbeitsamt.

    Von unserer Mitarbeiterin Judith Schumacher

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