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Marienthal

Heute vor 25 Jahren: Die letzte Schlacht beginnt

Montag, 25. Februar 1989. Im Regierungsbunker beginnt die NATO-Großübung „WINTEX/CIMEX 89". Zivile und militärische Entscheidungsträger proben den Verteidigungsfall: Flüchtlingsströme müssen gelenkt, Kampfhandlungen gegen die Armeen des Ostblocks koordiniert werden

Für die einen ist es das kollektive Aufsatteln im Begleitprogramm der atomar-apokalyptischen Reiter. Für andere ist es eine schlichte Verfahrensübung, in der technische und organisatorische Abläufe erprobt werden. Bis zum 9. März 1989 findet im Bunker der 3. Weltkrieg statt – im Verlauf mit Ereignissen, die bis zum heutigen Tag Rätsel aufgeben.

Der Himmel über Marienthal ist bewölkt und das Thermometer zeigt vier Grad an. Einige Bundeswehr-Busse zuckeln auf abgeschirmten Straßen Richtung Regierungsbunker. Unten ist bereits alles gerichtet. Ein geheimes Telefonnetz mit dem Tarnnamen „Olga" verbindet die nun bezugsfertige unterirdische Bundeshauptstadt mit wichtigen Außenposten. Zunächst 637 Frauen und Männer sind eingerückt, haben ihre Essensmarken abgeholt, die Spinde eingeräumt, sich im Bunker eingerichtet. Wolfgang Müller, Mitarbeiter im Bundesverteidigungsministerium, entscheidet sich für eine Einzelunterkunft in einem mit vier Betten möblierten Schlafraum im Westteil des 17 Kilometer langen Stollenlabyrinths. Lange Wege zum Einsatzort wiegen Ruhe und Abgeschiedenheit auf. Es ist in 12 Jahren seine siebte Übung und er schätzt längst einige Bunker-Quadratmeter Privatsphäre.

Die gibt es am ersten Übungstag noch an jeder Bunker-Ecke. Die anlaufende Spannungsphase mit dem Ostblock beschreibt laut NATO-Drehbuch ein vorsichtiges Abtasten, das wenig Personal in der Bearbeitung fordert. Doch am dritten Tag ändert sich das. Mit der Ruhe im Berg ist es am 27. Februar vorbei, denn inzwischen sind 2.515 Übungsteilnehmer im Bunker unterwegs, essen, schlafen, arbeiten ... leben hier. Das bedeutet fast Vollbelegung in dem für 3.000 Menschen vorgehaltenen „Ausweichsitz der Verfassungsorgane des Bundes im Kriegs- und Krisenfall". Alle Stationen sind besetzt, nicht nur hier. Die gesamte NATO bereitet sich auf den Kriegszustand vor. 15 Mitgliedsstaaten, alle Bündnispartner bis auf Griechenland, nehmen an der Übung teil. Und auch östlich des Eisernen Vorhangs übt man mit. Die DDR-Spionage ist im Besitz streng geheimer WINTEX-Unterlagen und weiß so auch: In 24 Stunden beginnt der 3. Weltkrieg.

Sicherung durchgebrannt

Die Ahrweiler Bunkermannschaft um Gerhard Kroll, technischer Leiter und stellvertretender Dienststellenleiter, erreichen derweil ganz andere Meldungen: Abflüsse der Duschen sind verstopft, Kaffeemaschinen funktionieren nicht mehr, Sicherungen sind durchgebrannt und nach „irgendwelchen Parolen von Mangelbrandschutz ist die Stimmung im Keller". Alle zwei Jahre läuft dank der NATO-Übungserie FALLEX, WINTEX und CIMEX die Anlage auf Hochtouren. Das ist seit 1966 so. Für das Personal der „Dienststelle Marienthal" als bunkerbetreuende Einrichtung eine besondere Situation, denn sie sind dabei – und eigentlich doch nicht. „Kenntnis nur wenn nötig" heißt die Weisung ganz im Sinne der Geheimhaltung. Die 180 Mitarbeiter der Dienststelle sind für den Bunker und sein Funktionieren zuständig, die WINTEX-Teilnehmer für den Weltkrieg. Der beginnt am 1. März um 7 Uhr in der Früh. 20 Minuten später werden Landkriegsoperationen gemeldet. Um 10 Uhr erklärt der „Bundespräsident übungshalber" gemäß Grundgesetz Artikel 115a-e den „V-Fall". Die Bundesrepublik Deutschland ist im Kriegszustand.

An den Hauptzugängen des Regierungsbunkers herrscht reges Kommen und Gehen. 2.610 Zivilisten und Militärs bearbeiten nun im Regierungsbunker das „Verfahren Weltkrieg": Für Flüchtlinge entlang der Zonengrenze müssen Züge bereitgestellt werden. Die militärischen Aufmarschgebiete und Bereitstellungsräume entlang des Eisernen Vorhangs werden von Zivilisten geräumt und von Truppenteilen bezogen. Hamsterkäufe der Bevölkerung sorgen für Versorgungsengpässe, so dass Reserven aus zuvor geheim eingerichteten Nahrungsmitteldepots ausgeteilt werden. Friedensaktivisten blockieren Kasernen, Kraftwerke fallen nach Sabotageakten aus. Hunderttausende verlassen ihre Wohnorte und flüchten Richtung Westen. Es gibt Anschläge auf Züge, wichtige Verkehrsknotenpunkte kollabieren.

Truppenverbände des Warschauer Paktes verzeichnen nach leichten Vorstößen erste Geländegewinne. Doch die NATO drängt sie zurück bis an die deutsch-deutsche Grenze. Hunderte von solchen Nachrichten erreichen die Arbeitsgruppen der Ministerien im Bunker. An der Spitze koordiniert Waldemar Schreckenberger, Staatssekretär und enger Vertrauter von Helmut Kohl, als „Bundeskanzler übungshalber" im Regierungsbunker das zivil-militärische Räderwerk, das die Bundesrepublik handlungsfähig halten soll. Schreckenberger ist mit Feststellung des Verteidigungsfalls auch Oberbefehlshaber der Bundeswehr – und damit mit mehr Befugnissen ausstaffiert, als „Bundeskanzler real" Kohl in Bonn. Er verantwortet nicht nur nationale Handlungsfelder, sondern ist nun auch für die NATO Ansprechpartner im Rahmen der „atomaren Konsultationen". Über hochsichere Nachrichtenkanäle wird Waldemar Schreckenberger mit dem US-Präsidenten „üb" – wie er selbst ein ranghoher Regierungsvertreter jenseits des Atlantiks – verbunden. Es geht um die Möglichkeiten, auf massive konventionelle Angriffe des Warschauer Paktes mit Atomwaffen zu reagieren. „Dabei standen nicht die Inhalte im Mittelpunkt, sondern die technische Verfügbarkeit einer solchen Verbindung und sich daraus ableitende Verfahrensmuster", stellt Wolfgang Altenburg fest, als deutscher Viersterne-General bei „WINTEX 89" Vorsitzender des NATO-Militärausschusses, der höchsten militärischen Instanz der Allianz. Mit anzunehmenden Handlungen im Kriegsfall, betont Altenburg, haben die WINTEX-Drehbücher nichts zu tun.

Notbremse vor dem atomaren Höhepunkt

Doch das sieht man offenbar nicht überall so. Im Zuge eines „komprimierten Kriegsgeschehens", das Abläufe über Tage in wenige Stunden verpackt, läuft „WINTEX 89" mit Höchstgeschwindigkeit auf seinen atomaren Höhepunkt zu. Dem Ersteinsatz von Atomwaffen, der den Vorstoß des Warschauer Paktes Richtung Atlantik stoppen soll, will die NATO einen nuklearen Zweitschlag folgen lassen. Es werden Ziele definiert, die auch auf dem Gebiet der DDR liegen. Für Waldemar Schreckenberger geht dieser deutsche Knockout zu weit und obwohl er innerhalb WINTEX die Entscheidungsvollmacht hat, durchbricht er das „Spiel" und bespricht sich mit Bundeskanzler. „Ich habe mit Helmut Kohl die Lage analysiert und wir haben entschieden, die Übung zu beenden. Was die NATO vorhatte, wäre massiv zu Lasten der Deutschen gegangen, was wir nicht verantworten konnten", erklärt Schreckenberger entschlossenes Handeln aus nationalem Interesse. „Die Zeiten standen auf Abrüstung, nicht auf Eskalation. Und wir wollten innerhalb der NATO keine Zonen unterschiedlicher Sicherheit haben", stellt auch Friedhelm Ost klar, damals Regierungssprecher. Sicherheit lässt sich durchaus auch mit „Betroffenheit" beschreiben. „Bei solchen Überlegungen hat die Bundesregierung keine Grenze entlang des Eisernen Vorhanges gezogen und im Sinne aller Deutschen gehandelt" – nun auch in einer Situation, in der Erfurt, Leipzig oder Rostock atomar ausgelöscht werden sollen.

„Die NATO hätte sich in dieser Phase des Kalten Krieges mit einem geübten atomaren Zweitschlag ein Rieseneigentor geschossen", sagt Helge Hansen, bei „WINTEX 89" Kommandierender General des III. Korps in Koblenz. „Die Geschwindigkeit politischer Veränderungen im Ostblock war dank Gorbatschows Perestroika-Politik hoch und ein Angriff des Warschauer Paktes, wie bei WINTEX angenommen, hatte keinen Bezug mehr zur realen Welt." Hansen bereitet später bei der NATO als Verantwortlicher für „Planung und Operationen" die (dann abgesagte) Übung „WINTEX 91" vor und wertet dafür auch die Abläufe der Übung 1989 aus. „Es war sicherlich ein Anachronismus, mitten in einer Entspannungsphase zwischen den Weltmächten massive Atomwaffeneinsätze durchzuspielen."

75 solcher Nuklearwaffenschläge auf Ostblockstaaten findet die DDR-Spionage in den NATO-Unterlagen, davon neun auf ostdeutsches Gebiet. 25 Nuklearschläge meldet das Hamburger Nachrichtenmagazin „DER SPIEGEL", dessen Redakteur Friedhelm Schröder das Thema bearbeitet. Bereits vor Übungsbeginn kann das Blatt WINTEX-Inhalte nennen. „Wir hatten verschiedene Quellen, deren Informationen wir wie ein Puzzle zusammengesetzt haben". Damit wird auf deutscher Seite der Druck auf das NATO-Planspiel erhöht: Eigentlich streng geheime Inhalte werden öffentlich, was der deutschen Entscheidung im Regierungsbunker Vorschub leistet.

Doch ausgerechnet am Ort des Geschehens bleiben die deutschen Vorbehalte weitestgehend unbemerkt. „Schlagartig wurde die Masse der durch uns bearbeiteten Fernschreiben mit Cosmic Atomal eingestuft", erinnert sich Wolfgang Müller, der Unterlagen mit der höchsten deutschen VS-Einstufung „Streng geheim" bearbeiten darf und für die nun aufgelegte Geheimhaltung keine Zulassung hat. „Irgendetwas musste geschehen sein und wir normalen Mitarbeiter wussten nicht, was los war". Für Müller und Kollegen bedeutet das auch: Leerlauf in der Übung und entspannte Freizeiten. Die verbringt man mit Spaziergängen – auch außerhalb des Bunkers. „Bis auf die Wehrdienstleistenden durften Übungsteilnehmer die Anlage in Freischichten verlassen". So genießt man außerhalb des Bunkers etwas, was man unten nicht in Anspruch nehmen kann: Auslauf. „Viele Bereiche waren gesperrt und unsere Bewegungsmöglichkeiten eingeschränkt". Neben Mahlzeiten und Spaziergängen sollen Kinofilme für etwas Zerstreuung sorgen. Streifen wie „Noch 48 Stunden" oder „War Games" werden durch die Bundeswehr bei einem Filmausleiher abgeholt. 963 D-Mark lässt sich das der Bund kosten.

Und auch die Dienststellenmitarbeiter erfahren nichts von den Vorgängen in ihrer staatsgeheimen Umgebung mit historischem Ausmaß: Ausgerechnet die letzte Übung im Bunker wird vorzeitig beendet – ohne dass es öffentlich wird oder ein Teilnehmer vorzeitig das Kriegsrefugium der Bonner Republik verlassen darf. „Für uns gab es keinerlei Anzeichen, alles lief wie immer", erinnert sich Gerhard Kroll und nennt dann doch eine Entscheidung mit Tragweite: „Für den letzten Abend wurde ein Alkoholverbot verhängt – sehr zu Lasten des Inventars, das angestaute Emotionen und schlechte Laune verkraften musste".

Am 9. März 1989 verlassen nach 13 Tagen die letzten 978 Übungsteilnehmer den Regierungsbunker. Niemand ist sich bewusst, dass es sein letzter WINTEX-Einsatz ist, der Bunker ausgedient hat. Acht Jahre später wird er aufgelöst, 1998 geschlossen und danach abgerissen.

Ein Fehler, wie General Wolfgang Altenburg heute feststellt. „Hier wurde Geschichte geschrieben. Mit solchen Orten sollte man verantwortungsbewusster umgehen".

Die Geschichte um „WINTEX 89" selbst gibt heute allerdings Rätsel auf. „Einen Abbruch hat es nicht gegeben", stellt Altenburg klar und weist darauf hin, „dass die deutsche Seite in der angesprochenen Übungsphase gar keine Möglichkeit dazu hatte. Im Rahmen der atomaren Konsultation kann der Bundeskanzler für das Gebiet der Bundesrepublik die Frage nach Atomwaffeneinsätzen beantworten – das ist sein legitimes Vetorecht. Setzt sich die NATO darüber hinweg, kann die Bundesrepublik aus dem Bündnis austreten." Ein schwacher Trost angesichts des atomaren Untergangs, doch Altenburg betont auch, „das wir einen potentiellen Feind mit der Ankündigung eines deutschen Selbstmordes nicht abschrecken. Unsere deutliche Botschaft war, das wir nicht das atomare Schlachtfeld im Sinne anderer abgeben werden". Doch, so Altenburg, die Glaubwürdigkeit einer atomaren Abschreckung habe auf die Geschlossenheit des Bündnisses gesetzt. Das galt auch für „WINTEX 89", „zumal es eine reine Erprobung von Abläufen und Verfahren ist, kein reales Szenario". Das aber scheint bei vielen Beteiligten so nicht angekommen zu sein – auch bei den Verantwortlichen Schreckenberger und Kohl nicht, die die Fiktion wohl zu sehr ernst genommen haben. „Die mangelhafte Transparenz und Aufklärung war einer meiner Hauptkritikpunkte an den WINTEX-Szenarien", räumt Altenburg heute auch mit Blick auf die beteiligten Landesregierungen ein. Die haben Krieg gespielt und nicht Verfahren erprobt.

So bleiben 25 Jahre nach der letzten Übung zu ihrem Ablauf viele Fragezeichen mit historischer Tragweite zurück. Eine Antwort könnten die Übungsunterlagen des Bundesverteidigungsministeriums geben. Doch während WINTEX-Akten aus den Beständen der DDR-Spionage seit Jahren öffentlich sind, Generäle und die damalige Bundesregierung heute über Übungsinhalte sprechen und dabei unterschiedliche Sichtweisen vertreten, prüfen Bundesarchiv und Verteidigungsministerium Möglichkeiten einer Freigabe der Original-Unterlagen – und vertagen somit die historische Aufarbeitung. Ein Vorgang, der genau so rätselhaft ist wie die Übung selbst. Noch.

Von Jörg Diester und Michaela Karle

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