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Gedenkstätte Lager Rebstock: Welche Zahlen stimmen? – Faktencheck

Wie war es wirklich? Welche Zahlen stimmen – und ist das überhaupt so wichtig? Rund 60 Leute interessierte am Donnerstagabend der Faktencheck zur Gedenkstätte Lager Rebstock im Taleinschnitt bei Marienthal.

Das Foto zeigt die beiden Baracken des Lagers Rebstock.
Das Foto zeigt die beiden Baracken des Lagers Rebstock.
Foto: privat

Eingeladen hatte der Bürgerverein ehemalige Synagoge Ahrweiler, der Träger der am 9. November 2017 eröffneten Gedenkstätte ist. Um den Wahrheitsgehalt dessen, was dort auf den Texttafeln im Informationspavillon zu lesen ist, streiten sich der Bad Breisiger Militärhistoriker Wolfgang Gückelhorn, Initiator der Gedenkstätte, und der aus Dernau stammende Heimatforscher Matthias Bertram. Die Veranstaltung sollte Klarheit bringen – und sorgte am Ende eher für Verwirrung.

Moderiert wurde die Diskussion von Dieter Burgard, Bürgerbeauftragter des Landes Rheinland-Pfalz und Sprecher der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen. Burgard ließ es zu, dass Bertram in einem rund einstündigen Monolog zunächst seine Sicht der Dinge darlegte. „Ich befürworte es sehr, dass wir im Ahrtal eine Gedenkstätte haben – aber die Fakten müssen stimmen“, betonte er und forderte: „Falls sich herausstellt, dass etwas falsch ist, muss man auch die Courage haben, das zuzugeben.“

Bertram beruft sich darauf, mit vielen lokalen Zeitzeugen gesprochen zu haben, auch mit solchen, die direkt an der Zufahrt zum Lager gewohnt haben. Nie sei Rebstock ein vergessenes KZ gewesen, überhaupt kein KZ, sondern eine Außenstelle des KZ Buchenwald, ein Arbeitslager. Die Tatsache, dass in den Blättern zum Land Nr. 70 vom „KZ im Ahrtal“ die Rede ist, prangerte Bertram als Fehler an. Verfasser des Faltblattes ist Wolfgang Gückelhorn, der auch die Texte für die Gedenkstätte Marienthal verfasst hat.

Die Gedenkstätte wurde am 9. November 2017 eröffnet
Die Gedenkstätte wurde am 9. November 2017 eröffnet
Foto: Hans-Jürgen Vollrath

Bertram lenkte den Blick auf Dernau, wo in den Jahren 1943/44 ebenfalls Zwangsarbeiter in Baracken untergebracht gewesen waren. Öffentlicher Druck habe vor 35 Jahren zur Anbringung einer Gedenktafel geführt, die bis heute falsch sei, da sie sich auf das Lager Rebstock beziehe. An diesem Punkt pflichtete ihm Gückelhorn bei. Doch mehr Einigkeit war an dem Abend nicht zu erzielen.

Gückelhorn wehrte sich gegen den Vorwurf, im Zusammenhang mit dem Lager Rebstock von Holocaust gesprochen zu haben: „Das habe ich nie gesagt“, so der 70-Jährige. Ebensowenig, dass es Todesmärsche von Marienthal oder Dernau aus gegeben habe. Dass es überhaupt Tote im Zusammenhang mit dem Lager Rebstock gegeben hat, zog Bertram in Zweifel. Auch von den 300 ungarischen Juden, die zeitweilig in Dernau untergebracht waren, sei keiner verschwunden oder verscharrt worden. Und die italienischen Militärinternierten seien auch nicht verheizt worden, wie zu lesen sei. Die Gesamtzahl der KZ-Häftlinge und Zwangserbeiter schätzt Bertram auf 700 bis 900. Gückelhorn beharrte indes auf der Zahl von 1500 Menschen aus acht Ländern, die von den SS-Wachen schikaniert, gequält und teilweise ermordet worden seien. Wenngleich er einräumt, dass es keine gerichtsverwertbaren Beweise für Mord- und Totschlagdelikte im Lager Rebstock gebe. Auch Gückelhorn beruft sich auf Zeitzeugen und zeitgenössische Quellen. „Ich habe nie behauptet, dass alle zur gleichen Zeit da waren“, unterstrich er.

Dieter Burgard (stehend) moderierte die Diskussion zwischen Wolfgang Gückelhorn (links) und Matthias Bertram.
Dieter Burgard (stehend) moderierte die Diskussion zwischen Wolfgang Gückelhorn (links) und Matthias Bertram.
Foto: Hans-Jürgen Vollrath

Aus dem Publikum regte sich Unmut. „Ich bin ziemlich verwirrt von der Diskussion“, bekannte ein Zuschauer. Ob es nicht möglich gewesen sei, die Fakten im Vorfeld der Eröffnung der Gedenkstätte zu klären? „Ich finde die Diskussion grenzwertig.“ Es müsse doch möglich sein, zu einer Darstellung zu kommen, die alle mittragen könnten. Makaber hatte ein anderer Zuhörer die Diskussion empfunden. Eine Zuhörerin zeigte sich erschüttert, dass mit diesem Thema so lapidar umgegangen werde. Ihr fehle der Blick auf das Ganze. Belastbare Zahlen erwartet Rainer Urbanke, Ehrenvorsitzender des Film- und Videoclubs Ahrweiler-Bad Neuenahr. Schließlich plane man einen Film über das Lager Rebstock zu drehen.

Um eine sachliche Diskussion hatte Klaus Liewald, Vorsitzender des Bürgervereins ehemalige Synagoge, zu Beginn der Veranstaltung gebeten. Nach zweieinhalb Stunden Diskussion lenkte er den Blick noch einmal auf die Gedenkstätte, als er feststellte: „Es ist ein gutes Werk entstanden.“

Von unserem Redakteur Frieder Bluhm

RZ-Kommentar: Unrecht lässt sich nicht relativieren

Redakteur Frieder Bluhm zum Streit ums Gedenken

RZ-Redakteur Frieder Bluhm.
RZ-Redakteur Frieder Bluhm.

Hunderte Menschen sind gequält worden – kann man sich auf diesen Nenner einigen? Quälend war auch die Diskussion in der ehemaligen Synagoge Ahrweiler. Sie verschob den Blickwinkel weg vom Schicksal der Zwangsarbeiter hin zu einem reinen Zahlenspiel, hinter dem das Grauen verschwindet. Das Lager Rebstock steht exemplarisch für die Verbrechen der NS-Zeit, die im Holocaust gipfelten. Aber das sogenannte Dritte Reich war auch das: ein auf Sklavenarbeit gestütztes Unrechtsregime. Das führt die Gedenkstätte vor Augen. Darf man deshalb über Fakten nicht diskutieren? Man darf, man muss sogar. Gesicherte Fakten dienen der Glaubwürdigkeit. Insofern war es gut, dass die Diskussion nicht nur über Leserbriefe geführt wurde. Nur: Das Unrecht relativieren kann diese Zahlenklauberei nicht. Es war eine berechtigte Diskussion. Aber man hätte sie besser vor dem 9. November 2017 geführt.

E-Mail: frieder.bluhm@rhein-zeitung.net

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