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Marienthal

Die geheime Rüstungsschmiede in den Eisenbahntunnels

JochenTarrach

Im Kriegsjahr 1943 bombardierten die Westalliierten zunehmend deutsche Rüstungsfabriken. Aus diesem Grunde wurde auch die Produktion für die neuen, in Peenemünde entwickelten Vergeltungswaffen, die Mittelstreckenrakete A 4 (V2) sowie die Flugbombe V1, bombensicher unter Tage verlegt.

Für den Start dieser Rakete waren umfangreiche Bodenanlagen notwendig, die von der Stettiner Stahlbaufirma Gollnow & Sohn (G&S) gefertigt wurden. Auch diese Produktion sollte unterirdisch geschehen. So kamen die alten Bahnstollen in der Eifel ins Blickfeld. Ab dem späten Frühjahr 1943 begannen zivile Baufirmen aus dem Ahrtal mit 500 Arbeitskräften den Ausbau von fünf der Eisenbahntunnel zwischen Ahrweiler und Rech.

Ab Spätherbst unterstützten 500 italienische Militärinternierte (IMIs) und 120 niederländische „SS-Frontarbeiter“ die Arbeiten. Für die Unterbringung des Personals und der Infrastruktur entstand nördlich des Bahndamms in Marienthal ein Barackenlager mit elf Steingebäuden. Die damalige Landwirtschaftsschule in Marienthal und andere zivile Gebäude wurden mit dem Personal von G&S belegt oder als Verwaltungsräume genutzt.

Im November 1943 konnte die Firma G&S mit der Endmontage der A4-Bodenanlagen in den Tunnels beginnen. Für Anfang September 1944 wurde der Einsatzbeginn der A4 (V2) befohlen. Die Produktion, auch der Bodenanlagen, wurde hochgefahren. Das Arbeitsamt Ahrweiler mobilisierte dazu Hunderte neuer Arbeitskräfte.

Geplant wurde bereits 1944, eine Fertigungsstraße für die Flugbombe V1 im Trotzenbergtunnel einzurichten. Der Sonderberg- und Herrenbergtunnel sollten als Lager- und Umschlagstation dienen. Als Arbeitskräfte wurden am 4. und 18. August 1944 insgesamt 367 niederländische Zwangsarbeiter nach Brück deportiert.

Bis Ende August wurden zusätzlich drei große Baracken auf dem Bahndamm zwischen Sonderbergtunnel in Dernau und Herrenbergtunnel in Rech gebaut. Das neue Lager war von Stacheldraht umzäunt und mit Wachtürmen versehen. Zeitgleich, am 21. August 1944, kamen die ersten 30 Häftlinge aus dem KZ Buchenwald als Produktionshelfer an. Diese bauten im Lagerbereich Marienthal die nördlichen drei Gebäude so um, dass sie mit den am 4. September eintreffenden 183 Buchenwald-Häftlingen darin untergebracht werden konnten. Ab Anfang September bestanden so zwei von der SS streng bewachte Lagerbereiche.

Unerwartet kam am 2. September ein Güterzug mit 300 ungarischen Juden nach Dernau zur Montage der Flugbombe V1, obwohl dort noch keine einzige Maschine für die Fertigung installiert worden war. Doch inzwischen befand sich das Lager Rebstock nur noch 50 km hinter der Westfront. Aufgrund dieser neuen Lage wurde der Plan einer V1-Montage aufgeben. Die Ungarn mussten weiter und gelangten am 27. September in das KZ Mittelbau-Dora im Harz. Ab Oktober 1944 wurden in den Stollen der Harzberge unter SS-Regie die V1 und die V2 hergestellt.

Die italienischen Militärinternierten und die niederländischen Zwangsarbeiter aus dem Lager Rebstock wurden an Baustellen im Reich eingesetzt. Nur Gollnow & Sohn arbeitete noch bis zum 13. Dezember 1944 im Ahrtal. Anschließend wurde die Firma mit dem zivilen Personal und den Buchenwald-Häftlingen nach Nordthüringen, nach Artern, verlegt. Der Spuk im Ahrtal war vorbei.

Der Bad Breisiger Fachbuchautor und Militärexperte Wolfgang Gückelhorn hat die Geschehnisse rund um das Lager Rebstock akribisch aufgearbeitet und in Büchern verfasst. So zum Beispiel „Lager Rebstock – Geheimer Rüstungsbetrieb in Eisenbahntunnels der Eifel für V2-Bodenanlagen 1943-1944“.

Bearbeitet von unserem Mitarbeiter Jochen Tarrach

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