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Zulieferer zurückhaltend: Im VW-Streit blieb die Region verschont

Der Zulieferstreit beim Automobilkonzern VW hat auch in der Region für Diskussionen gesorgt. Insbesondere weil zwei Zulieferer dafür sorgten, dass die Produktion bei VW zwischenzeitlich still stand, gab es Sorge um direkte Auswirkungen für heimische Betriebe. Diese sind wohl ausgeblieben – aber die Situation wirft erneut Fragen zum Verhältnis von Zulieferern und Herstellern auf.

Der Streit zwischen VW und zweien seiner Zulieferer hat hohe Wellen geschlagen. Auch wenn heimische Betriebe nicht unmittelbar betroffen waren, wirft der Fall auch hierzulande Fragen auf. Foto:  dpa
Der Streit zwischen VW und zweien seiner Zulieferer hat hohe Wellen geschlagen. Auch wenn heimische Betriebe nicht unmittelbar betroffen waren, wirft der Fall auch hierzulande Fragen auf.
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Von unserem Chefreporter Volker Boch

"Die Spannungen zwischen Herstellern und Zulieferern sind Jahrzehnte alt", sagt Prof. Dr. Hajo Weber, Gründer des Netzwerks "Automobil-Zulieferinitiative Rheinland-Pfalz", die seit 20 Jahren in Mainz ihren Sitz hat. "So eine Nummer hat es in der Geschichte dieser Beziehungen noch nie gegeben, das hat sich noch nie einer gewagt." Die zur Prevent-Unternehmensgruppe gehörenden sächsischen Zulieferer ES Automobilguss und Car Trim hatten bei VW aufgrund nicht gelieferter Getriebe-Gussteile und Sitzbezüge den durchgetakteten Produktionsplan kräftig gestört. Mehr als 20 000 Autos sollen aufgrund des Streits nicht wie geplant gebaut worden sein. "Ich glaube, es zeigt an, dass sich die Verhältnisse zwischen Zulieferern und Herstellern ändern", sagt Weber, der von Hause aus Wirtschaftssoziologe ist und die Branche sehr genau kennt.

"Zitrone auspressen" als System?

Ebenso wie aus Zulieferbetrieben zu hören ist, lief über viele Jahre ein umgekehrtes Verfahren ab, ein kurz als "Zitrone auspressen" beschriebenes Spiel der Hersteller, das auch bis in unsere Region hinein Wirkung zeigte. Wer liefert am schnellsten, günstigsten, zuverlässigsten und legt hin und wieder noch ein Bonbon für die großen Konzerne nach? "Die Preise sind teils einfach kaputt", sagt Edgar Brakhuis, Erster Bevollmächtigter bei der IG Metall in Bad Kreuznach. Er skizziert durchorganisierte Einkaufsabteilungen, die in den Konzernen dafür sorgen, dass bei den Zulieferern alles zu Gunsten der Auftraggeber getrimmt wird.

Bei der IG Metall liegt auch in Bad Kreuznach nicht ohne Grund ein Schwerpunkt auf dem Thema Zulieferbetriebe. "Die politischen Rahmenbedingungen lassen sich nur sehr langfristig ändern", sagt Brakhuis. Stattdessen versucht er mit seinen Kollegen und den regionalen Unternehmen, kleine Lösungen zu finden. "Als Mittelständler kann man sich das gar nicht erlauben", sagt er mit Blick auf das Vorgehen der aus Bosnien-Herzegowina kommenden Prevent-Gruppe. "Auf Eskalation zu setzen, bringt dauerhaft nichts, da wird man als Lieferant einfach nicht mehr gelistet."

Aber Brakhuis sagt auch: "Die Prevent-Nummer war überfällig. Es ist heute durch den Zeitdruck ja auch nicht schwierig, die Hersteller unter Druck zu setzen." Aus Sicht des Mainzer Professors Weber fehlen auf dem europäischen Markt heute nach wie vor "partnerschaftliche Methoden" zwischen Herstellern und Zulieferern, wie es sie beispielsweise in Asien gibt. Er erzählt von Toyota, jenem Konzern, der sich ganz maßgeblich für Know-how-Transfer und ein Miteinander auf Augenhöhe engagiert. Weber beschreibt ein kooperatives und die Effizienz steigerndes Verhältnis. "Das ist bei vielen Unternehmen nicht etabliert worden. Hier gehen Einkäufer eher nach dem alten System vor." Prevent habe dieses System erstmals gebrochen, weil sich die Gruppe eine strategische Position erarbeitet habe, aus der sich ein Vorstoß gegen VW habe wagen lassen. Aber nicht nur für Weber stellt sich die Frage, ob die streitbaren Zulieferer auch in zehn Jahren noch an VW liefern – oder der Konzern sie aussortiert.

Wie angespannt die Situation im Umfeld der Zulieferung an Automobilkonzerne insgesamt ist, untermauert das Ergebnis einer regionalen Nachfrage bei verschiedenen Zulieferbetrieben. Auf schriftliche Anfragen unserer Redaktion erfolgte in mehreren Fällen überhaupt keine Reaktion. Dies dürfte durchaus etwas damit zu tun haben, dass der Druck auf die Zulieferer unvermindert hoch ist, niemand will bei den Konzernen der Automobilindustrie in Misskredit geraten. "Just-in-time-Produktion heißt auch, dass das Geld erst fließt, wenn das jeweilige Teil im Werk ist", sagt Weber. Und wenn bei VW das Band steht, wirkt sich das im Zweifelsfall unmittelbar auf die Betriebe unserer Region aus.

10 000 Beschäftigte in vielen Firmen

Welche Bedeutung die Branche für die IG Metall Bad Kreuznach hat, verdeutlicht Brakhuis. Rund ein Dutzend großer Zulieferbetriebe und insgesamt rund 10 000 Beschäftigte nennt er als Größenordnung. Ein großer Teil dieser Betriebe liefert auch an VW. Wie Brakhuis sagt, haben diese regionalen Unternehmen zuletzt aber offensichtlich keine unmittelbaren Auswirkungen des Zulieferstreits gespürt. In der Region standen aufgrund des Streits bei VW wohl keine Bänder still.

So ist aus einem der größten Werke in der Region, von Continental Teves in Rheinböllen, aus Mitarbeiterkreisen nichts zu hören, dass die Produktion durch das Stopp bei VW verringert wurde. Die Pressestelle von Continental kommentiert die Vorgänge bei VW grundsätzlich nicht, ebenso äußert sich auch das Unternehmen Boge Rubber Plastics zu den Auswirkungen im Werk in Simmern eher zurückhaltend: "Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir uns als Dritte nicht zu Geschäftsbeziehungen von VW zu anderen Zulieferern äußern", erklärt Boge-Geschäftsführer Torsten Bremer am Stammsitz des Unternehmens im niedersächsischen Damme. "Wie Sie wissen, hat die Auseinandersetzung zwischen VW und einem Zulieferer zu einem unerwarteten, vorübergehenden Produktionsstopp geführt, der Auswirkungen auf die gesamte Zulieferindustrie nach sich zog – da bilden unsere Werke keine Ausnahmen."

Das Unternehmen Simona in Kirn erklärt unterdessen, dass sie kein typisches Automobilzulieferunternehmen ist, sondern hier lediglich Kunststoffplatten produziert werden, die wiederum von unmittelbaren Automobilzulieferern weiterverarbeitet werden. Andere angefragte Unternehmen hüllten sich auf die Anfrage unserer Redaktion in Schweigen – dies dürfte ein Signal sein, dass über das Thema nach wie vor diskutiert wird.

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