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Mainz

Start-up-Erfolgsstory: Wo Lavendel und Rosmarin vereist werden

Gisela Kirschstein

Ihre Eissorten des Tages geben sie auf Facebook bekannt, immer verpackt in ein kleines Gedicht. „Love is in the air, und mit einer Kugel Schmand-Aprikose fühlt ihr das gleich noch viel mehr“, heißt es da. Oder: „Das ist der absolute Sommergenuss, unsere neue Sorte Kolanuss.“ Keine Frage, das N'Eis in der Mainzer Neustadt ist keine normale Eisdiele.

In einem Wehrhäuschen am Winterhafen haben Julia von Dreusche (Foto) und Anke Carduck jetzt schon ihre zweite Filiale eröffnet.  Foto: Kirschstein
In einem Wehrhäuschen am Winterhafen haben Julia von Dreusche (Foto) und Anke Carduck jetzt schon ihre zweite Filiale eröffnet.
Foto: Kirschstein

Das Unternehmen ist längst Kult – und wurde gerade (wieder einmal) bei Falstaff zur Lieblingseisdiele des Frankfurter Raums gewählt.

„Wir wollten eigentlich ein Café aufmachen“, sagt Julia von Dreusche. Der kleine Eckladen in der Mainzer Neustadt bot aber kaum Sitzplätze. Doch dem Stadtviertel, das sich gerade anschickte, zum coolen In-Viertel von Mainz zu werden, fehlte noch eine Eisdiele. In der Eisfachschule in Merl machten sie in nur einer Woche ihr Eisdiplom – es war der Beginn einer schier unglaublichen Start-up-Erfolgsstory.

Julia von Dreusche und Anke Carduck lernten sich an der Universität kennen, sie studierten Medienmanagement – erst in Ilmenau bei Erfurt, dann in Mainz. „Ich wollte eigentlich Stuntgirl werden“, sagt von Dreusche, die gebürtige Nieder-Olmerin ist: „Unternehmerin konnte ich mir gar nicht vorstellen, auch das Chefsein nicht.“ Doch der Job in einer Medienagentur machte sie nicht wirklich glücklich. „In der Agentur nach dem Bürojob gehst du irgendwie nicht nach Hause und sagst, ich habe heute jemanden glücklich gemacht“, sagt von Dreusche. Die Sehnsucht blieb.

Dann stolperten sie über den kleinen, leer stehenden Eckladen, im März 2013 öffnete N'Eis seine Türen. „Von Stunde eins an hörte die Schlange vor dem Laden nicht mehr auf“, erinnert sich von Dreusche. Das werde nicht jeden Tag so sein, sagten sie am Anfang noch. „Ich wurde eines Besseren belehrt“, sagt von Dreusche trocken.

In Rekordzeit wurde das N'Eis zur Kulteisdiele von Mainz und darüber hinaus. Das pfiffige Marketing sprach genau die Zielgruppe der jungen, hippen Städter an, dazu kam eine unglaubliche Kreativität: Basilikumeis oder Honig-Rosmarin-Eis. Tonkabohne, Feige-Walnuss oder Zitronengras-Ingwer. Unerreicht bis heute sind das Lavendeleis und das Milchreiseis.

Mehr als 130 Eissorten haben sie seither erfunden. „Ich probiere einfach gern“, sagt von Dreusche, „wie so vieles, hat sich das bei uns von allein entwickelt.“ Dazu setzen sie konsequent auf natürlich Zutaten. „Von Anfang an war unser Ding, dass wir keine künstlichen Aromen benutzen“, betont von Dreusche. Keine Farbstoffe, keine Stabilisatoren, deshalb gibt es bei N'Eis auch keine Sorten wie Schlumpfeis, dafür schmelzen die Kugeln schneller. Nach drei, vier Monaten schmissen sie den Job in der Werbeagentur, in den Wintermonaten Januar und Februar vermieteten sie den Laden an andere Start-ups unter, mal an einen Teeladen, mal an coole T-Shirt-Designer. „Ohne Familiensupport wäre das nicht gegangen“, sagt von Dreusche, „Millionär wird man mit Eis ohnehin nicht.“ Es lohnte sich: N'Eis gewann den Gründerpreis Pioniergeist und den Mainzer Wirtschaftspreis.

„Unser Ziel war es nie, in zehn Jahren da und da sein zu wollen“, sagt die 36-Jährige, „ganz viele Dinge kamen einfach auf uns zu.“ Als sie die Ausschreibung „Eis am Rheinufer“ gewannen, kauften sie einen VW-Bus als mobilen Verkaufsladen. Als der Betreiber der Summer-in-the-City-Konzerte ihr Eis wollte, schafften sie einen Verkaufshänger an. Ende 2016 bot man ihnen ein kleines Wehrhäuschen am Winterhafen zum Kauf. „Expansion ist für uns kein Thema“, sagte von Dreusche am Telefon. Im Frühjahr 2017 eröffnete in dem Häuschen die zweite N'Eis-Diele.

Der zweite Laden habe eine völlig neue Entwicklungsstufe ausgelöst, sagt von Dreusche – eine größere Küche musste her. Inzwischen haben die jungen Chefinnen zehn Festangestellte und 60 Aushilfen, zwei Läden und eine eigene Küche, dazu zahlreiche Einsätze auf Festen in Wiesbaden und Mainz, auf Hochzeiten, Konzerten. Haben sie noch Ziele? „Mein Ziel ist im Moment eine bessere Work-Live-Balance“, sagt von Dreusche. „Letzten Endes ist es ja nur Eis.“

Von Gisela Kirschstein

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