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    Schicksale in Hochstätten: Noch immer zu knabbern an den Folgen der Flut

    Der Morgen des 30. Mai: In zwei zerstörerischen Wellen rauscht der Leischbach um 5.45 und um 6.15 Uhr durch die Nordpfalzgemeinde. Viele der 620 Einwohner sehen es mit Schrecken, viele sind betroffen. 80 von 250 Haushalten werden später über Flutschäden klagen, für einige geht es um existenzbedrohende, weil fünfstellige Beträge. Etwa Dagmar (51) und Mario Baumgart (46).

     

     

     

     

     

    Von unserem Redakteur Stefan Munzlinger

    In einem Hof seitlich der mittleren Hauptstraße können die Baumgarts über fast zwei Stunden hinweg nur ohnmächtig mit ansehen, wie die braune Brühe ihr Hab und Gut von drei Seiten einkreist, wie sein 5er-BMW Kombi und sein Motorrad davonschwimmen. Ihr Twingo hat ein hellwacher Nachbar, Daniel Herrmann, noch blitzschnell weggefahren, nachdem ihm Dagmar Baumgart den Schlüssel rübergeworfen hat. Sekunden später und auch das Kleinwägelchen wäre davongeschwommen.

    Der Rest seither ist Leiden. Beide verausgaben sich völlig in der Bewältigung der Flutfolgen an ihrem Heim, sind noch immer fix und fertig, wenn sie an den 30. Mai denken. Bis heute spüren sie die Strapazen, kriegen sofort die Krise, wenn es mal wieder tagelang regnet. So wie Ende Juni, als der Leischbach erneut über die Ufer trat und beinahe wieder alles unter Wasser gesetzt hätte.

    Das Heim war grade fertig

    Ich treffe die Baumgarts am Mittwochabend in ihrem Wohnhaus (im Volksmund: "Essig Lehnes Haus) , einem von zwei Gebäuden, die der gebürtige Hochstätter und gelernte Elektroinstallateur, der bei Pall Corporation, den früheren Kreuznacher Seitz-Filterwerken, arbeitet, 1998 gekauft hat. Über die Jahre hat er gut 150 000 Euro investiert, nicht gerechnet die Eigenleistung. Sie, eine gebürtige Hackenheimerin und aus gesundheitlichen Gründen zurzeit nicht im Beruf, wohnt seit 2012 bei ihm.

    Die Flutschäden am Haus - alles in allem um 65 000 Euro - sind behoben. Ein Gewölbekeller muss noch vom Schlamm gereinigt werden, grade hat Mario Baumgart die letzten Rostspuren von Schraubzwingen in seinem sanierten Heimwerkerkeller beseitigt. Die Ölheizung musste durch eine Gastherme ersetzt werden, dafür brauchte es eine betonierte Platte für den Tank. Der 5er-BMW ist durch ein anderes Gebrauchtfahrzeug ersetzt.

    Mario Baumgart in seinem erst flutgeschädigten und jetzt frisch renovierten Heimwerkerkeller an der Hochstätter Hauptstraße. Als die Flut am Morgen des 30. Mai kam, räumte er tagelang aus. Wegen Terpentin- und anderer ätzender Dämpfe waren seine Bronchien angegriffen, musste er einige Zeit das Bett hüten. Zusehen wie andere die Flutschäden an seinem Haus und Hof wegschafften, das war mit das Schlimmste für ihn.  Foto: Stefan Munzlinger
    Mario Baumgart in seinem erst flutgeschädigten und jetzt frisch renovierten Heimwerkerkeller an der Hochstätter Hauptstraße. Als die Flut am Morgen des 30. Mai kam, räumte er tagelang aus. Wegen Terpentin- und anderer ätzender Dämpfe waren seine Bronchien angegriffen, musste er einige Zeit das Bett hüten. Zusehen wie andere die Flutschäden an seinem Haus und Hof wegschafften, das war mit das Schlimmste für ihn.
    Foto: Stefan Munzlinger

    So weit, so gut? Von wegen. Zu knabbern haben die Baumgarts an der Flut noch immer. Auch weil sie sich fragen: Warum grade wir, warum gerade jetzt? Selten hat ein solches Hochwasser Hochstätten heimgesucht: Am 3. Juli 1761, als in den Fluten des Laarsbachs, wie der Leischbach damals hieß, eine Großmutter mit ihren beiden Enkeln ertrank und es acht Häuser fortriss. Oder 1978, als das übliche Rinnsal nach starkem Regen zwar mächtig anschwoll, aber keine großen Schäden anrichtete. Was zeigt: An eine Elementarversicherung dachten bislang nur wenige, Hochwasser an der Hauptstraße der Nordpfalzdorfs? Nie! Heute haben die Baumgarts eine solche Zukunftsabsicherung. Abgeschlossen vor wenigen Tage und, vor allem, vor dem 1. Januar 2017, ab dem die Leischbach-Anwohner in einem Roten Bezirk leben. Das heißt: Es handelt sich um eine stark flutgefährdete Zone. Eine Versicherung geht dann richtig ins Geld.

    Unaufgefordert: die tägliche Hilfe

    Überrascht, ja gerührt hat Dagmar und Mario Baumgart die unaufgeforderte Hilfsbereitschaft der Hochstätter: von Nachbarn, jungen Leuten, die täglich halfen, von Ortsbürgermeister Hermann Spieß, der in der Organisation, etwa beim raschen Ordern weiterer Abfallcontainer, "über sich hinausgewachsen ist". Oder weitere Hochstätter, die gespendet und so auch den Baumgarts ein wenig Last genommen haben. 2400 Euro haben sie nach dem ersten Benefizkonzert bekommen, "viel mehr als wir dachten", sagen sie und danken herzlich dafür. Sie wissen, was es heißt, wenn Ehrenamtliche sich um jeden Cent bemühen, um sie am Ende an Menschen in Not weiterreichen zu können: "Das alles hat das Dorf zusammengeschweißt."

    Oder Oliver Weiland. Der Arbeitskollege hat Mario Baumgarts Suzuki-Chopper, der bei der Flut ebenfalls fast wegschwamm, auseinandergenommen, ist ihn weiter am Reinigen und Herrichten, sodass Mario bald wieder damit durch die Lande fahren kann.

    Oder die Sparkasse Rhein-Nahe, die auch den Baumgarts, anders als deren Hausbank, einen Fünf-Jahreskredit über 10 000 Euro zu 0,01 Prozent Zinsen eingeräumt hat. Solche Hilfen zählen. Weil sie über Jahre tragen. Und die Flut vom 30. Mai und ihre Folgen nicht vergessen machen, aber heilen helfen.

    Schutz vor nächstem Hochwasser: Gehöft in Hochstätten wird gekauft - und gleich abgerissenNeue Perspektiven für Dorferneuerung: Hochstätten will den Leischbach umbetten [Fotogalerien]Aus Katastrophe lernen: Hochstätten sieht Chancen nach der FlutÜberflutung belastet Hochstättens Kasse noch lange - Künftig zwei Brücken über den BachNach fairem Verteilungsschlüssel: 20 000 Euro vom Benefizkonzertweitere Links

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