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Pferdsfeld

Qualmende Reifen auf dem Flugplatz: Rennfans träumen vom kleinen Nürburgring

Bernd Hey

Am Wochenende war Saisonstart der Dragster-Szene. Zum vierten Mal avancierte die Start- und Landebahn auf dem einstigen Fliegerhorst zum Treffpunkt vieler Hundert Motorsportbegeisterter; am Samstag verfolgte eine prächtige Publikumskulisse das Spektakel – weit über 100 Starter bedeuteten: Teilnehmerrekord!

Auch Motorräder waren am Start über die Kurztempostrecke. In mehreren Klassen mit weit über 100 Teilnehmern war Pferdsfeld beim Phoenix-Dragway am Wochenende der Treff von Motorsportenthusiasten. Durchdrehende Reifen (Burnouts) sorgen für optimalen Grip.  Fotos: Bernd Hey
Auch Motorräder waren am Start über die Kurztempostrecke. In mehreren Klassen mit weit über 100 Teilnehmern war Pferdsfeld beim Phoenix-Dragway am Wochenende der Treff von Motorsportenthusiasten. Durchdrehende Reifen (Burnouts) sorgen für optimalen Grip. Fotos: Bernd Hey
Foto: Bernd Hey

„Das hast du wieder sauber hingekriegt, Schätzchen“, Komplimente gab es für „1on1-motorsports.de“-Organisatorin Silke Beer aus Höheischweiler bei Pirmasens und ihre rechte Hand und Starter Andreas Dierking („Kalunki“) aus Osterholz bei Bremen, der ein Hochglanz Magazin herausbringt. Mit technikaffiner Plaudertasche und Dragster-Koryphäe Benni Voss, szenebekannt als die „schnellste Schnauze westlich des Urals“, ein imponierendes Trio.

Aufgemotzte Kisten waren beim Rennsport-Event auf dem Flugplatz massig zu sehen. Deren Eigentümer, aber auch Hunderte Gäste hatten ihren Spaß.
Aufgemotzte Kisten waren beim Rennsport-Event auf dem Flugplatz massig zu sehen. Deren Eigentümer, aber auch Hunderte Gäste hatten ihren Spaß.
Foto: Stefan Munzlinge

„Drag-Racing ist ein nicht therapierbarer ,Way of Life. Drag-Racer haben Benzin im Blut. Für ein paar Sekunden stellen sich alle Haare – der Boden wummert, Bike-Motoren blubbern und die Luft vibriert, Gänsehautfeeling garantiert“, beschreiben sie den Sound auf der Suche nach dem Rausch der Geschwindigkeit, der durch Mark und Bein geht und für monatelanges Schrauben entschädigt.

Silke Beers profundes Veranstaltungstalent – in Pferdsfeld stimme alles, lobten die Piloten unisono: das Wetter am Samstag, die Auslaufzone und Organisation und dass eine separate Rückführstraße vorhanden sei. Aber: So etwas muss wachsen. Silke Beer, die im Umweltschutz bei den amerikanischen Streitkräften in Kaiserslautern arbeitet und erfolgreich 14 Jahre lang auf dem Flughafen Bitburg diesen Motorsport etablierte, schwärmt von mehr: einer Marktmeile mit regionalen Anbietern, mit Dienstleistern, Landfrauen-Café oder dem örtlichen Förderverein mit Hähnchenbraterei – zum Beispiel. Dies befürworteten die felkestädtischen Feuerwehrmänner Rüdiger Frenger, Dominik Ockert und Thomas Hillenbrand, die am Samstag Dienst hatten und in diesem Event viel Potenzial sehen: „Ausbaufähig!“ Gleiches hat sich Marco Krohn vom Triwo-Testcenter mit Büroadresse im Pferdsfelder Tower und mit Zweitwohnung in Meddersheim auf seine Fahnen geschrieben: „Hier sieht man nur fröhliche Menschen, die Resonanz ist äußerst positiv. Die Wertschöpfungskette muss erfolgreich weiterentwickelt werden – vom Nürburgring lebt eine ganze Region.“

„Vergangene Woche bei der Oldtimer-Show kamen Senioren im Rollator an die Rennpiste und hatten Tränen in den Augen“, sagte er. Auch der Schutz der Flugplatzrand-Anwohner komme nicht zu kurz: Mitarbeiter der Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) machten vor Ort Lärmmessungen.

Am Samstag ging so richtig die Post ab. „Hier ist echt was los, Hammer, super Location!“, sagten Marco Pieroth aus Bärweiler und Andreas Seydell aus Langenlonsheim. Letzterer war fasziniert vom Terrain und steuerte bei seiner Premiere im Industriepark Pferdsfeld einen eher spartanisch-offenen Sportflitzer der Marke Caterham Seven (früher Lotus Super 7). Rod Barn saß in einen 1927er Oldie-Essax mit über 300 PS, das mit dick verschweißten Nähten so rustikal anmutete, dass dieses Unikat ein nostalgischer Eyecatcher war. Überhaupt: die alten Straßenkreuzer und Amischlitten – Dodges, Ford Mustang, Chevrolet Camaro, Plymouth Roadrunner, Pontiac Firebird Trans Am waren optisch aufgemotzt und mit ihrer Geräuschkulisse wie die zahlreichen Porsches, BMWs oder Audis Hingucker. Und von wegen VW Käfer: Dutzende starteten, auch Prototypen, einer aus Wesel mit 1000 PS. Entsprechend ist die Viertelmeile (402,34 Meter) keine Hexerei. Nur Sekunden vergingen, da war der „Buckelporsche“ schon außer Sichtweite. Auch andere Schätzchen waren dabei: tiefergelegte und straßenzugelassene Ford Pickup-Tracks, die mächtig was dahermachten. Natürlich waren auch Motorräder oder die typisch-zigarrenähnlichen „Top Fuel“-Dragsters mit langem Radstand, hinten mit Überrollsicherung, Bremsfallschirm und megadicken Oschi-Reifen und vorne Fahrradpneus am Start.

Die Nachwuchsförderung wurde groß geschrieben; mit von der Partie waren Jugendliche mit Drag-Bike oder Junior-Dragster, Teilnehmer aus aller Herren Länder, aus Irland, England und Italien. Übrigens: Die Bitburger Rennszene mit Rennsportgerät vom Feinsten war erstmals da und von Pferdsfeld begeistert: Seit 2004 existiert die „Street-Eliminator-Germany“ mit Primus Micha Vogt aus Celle und „Kompressor Kalle“, ein alter und rennerfahrener Hase, der ein traditionelles Methanol-Funny-Car pilotierte und die Achtelmeile (201,17 Meter) in 6,1 Sekunden mit 178 Sachen hinter sich brachte. Futuristische Bikes hatten auf der Viertelmeile einen Topspeed von 212 Kilometer auf dem Tacho und auf der großen Anzeigetafel.

Von unserem Mitarbeiter Bernd Hey
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Kommentar: Jets, Dragster – und was kommt dann?
Von unserem Redakteur Stefan Munzlinger
46 Jahre Flugplatz Pferdsfeld mit seinem unbestritten wirtschaftlichen Segen, aber eben auch mit 20 Jahren infernalischen Phantom-F4F-Lärms und der politisch durchgedrückten Umsiedlung von Rehbach, Pferdsfeld und Eckweiler. Dann, 1997, der JaboG35-Abzug, gefolgt von einem Auf- und Abmarsch der externen Ideen und Konzepte, danach die bis heute anhaltende Windraddebatte und jetzt zum vierten Mal die kurzen, aber (je nach Windrichtung) lautstarken Dragster-Rennen: Die Menschen am Flugplatzrand haben jahrzehntelang so Vieles mitgemacht. Hut ab, dass sie jetzt nicht Sturm laufen gegen die Rennveranstalter oder die – das muss man zugestehen: ständig um eine gute Kommunikation mit den Flugplatzdörfern bemühte – Geländeeigentümerin Trier'sche Wohnungsbaugesellschaft und ihre Testcenter-Tochter. Die Anlieger des Ex-NATO-Fliegerhorsts können gönnen und wollen am Ende nicht als Spaßbremsen dastehen oder als Verhinderer neuer, rentabler Entwicklungen, auch wenn sie selbst darauf wegen des krankmachenden Lärms in ihren Dörfern lange Zeit verzichten mussten. Was sie verdient haben? Dass der Bogen nicht überspannt wird und der Flugplatz nicht ständig in ein Testareal für Freizeit- und Firmenexperimente verwandelt wird. Die Rennsportler und Unternehmer kommen und gehen – die Menschen am Flugplatzrand bleiben. Es ist ihre Heimat.

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