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Paradiesvögel: Klaus-Dieter Meisenzahl, Diva auf der Bühne – unauffälliger Mann daheim

Désirée Thorn

Kreis Bad Kreuznach. Das Spiel mit Klischees ist Klaus-Dieter Meisenzahls große Leidenschaft: „Ich liebe es, Leute zu überraschen.“ Der 56-Jährige ist Travestiekünstler und verheiratet – mit einer Frau. Auf der Bühne ist er eine schillernde Diva, zu Hause ein unauffälliger Mann. Mit einem beeindruckenden Ankleidezimmer.

Der Ort der Verwandlung: An seinem Schminktisch wird Klaus-Dieter Meisenzahl zur Kunstfigur Cherly Rose – mit allem was dazu gehört: Perücke, langen Wimpern, angeklebten Fingernägeln und jeder Menge Make-Up.  Foto: Thorn
Der Ort der Verwandlung: An seinem Schminktisch wird Klaus-Dieter Meisenzahl zur Kunstfigur Cherly Rose – mit allem was dazu gehört: Perücke, langen Wimpern, angeklebten Fingernägeln und jeder Menge Make-Up.
Foto: Thorn

In dem schmalen Raum mit den vielen Schränken und dem beleuchteten Schminktisch im Mittelrheindorf Trechtingshausen verwandelt sich Klaus-Dieter Meisenzahl in Cherly Rose. Verlangen Veranstalter nach der begnadeten Sängerin mit den frechen Sprüchen, bedarf es einer rund zweistündigen Transformation: Fingernägel ankleben, Wimpern verlängern, etliche Lagen Schminke aufbringen. Und auch bei der Kleidung wird dick aufgetragen: Pailletten, Federn, Glitzer und Rüschen blitzen aus den Kleiderschränken. Opulente Perücken komplettieren das Gesamtkunstwerk.

In seiner Bühnenmontur ist der 56-Jährige kaum wiederzuerkennen.
In seiner Bühnenmontur ist der 56-Jährige kaum wiederzuerkennen.

Vom Fastnachter zur Dragqueen

Ein teures Hobby: 500 Euro aufwärts zahlt Meisenzahl für die eigens für ihn designten und angefertigten Kostüme. Für das teuerste hat er 3500 Euro aufgebracht. So viel, wie die meisten Frauen wahrscheinlich nicht mal für das wohl wichtigste Kleid ihres Lebens, ihr Brautkleid, ausgeben würden. 90 Euro aufwärts kosten die hochwertigen Perücken. Das meiste Geld fließe aber in den Kleinkram, erklärt Meisenzahl, in unechte Wimpern, Fingernägel und Kosmetik, die er ständig neu kaufen müsse.

Aber Meisenzahls Leidenschaft erfordert ja nicht nur Investitionen, sie wirft auch Erträge ab. Sie ist neben seinem Beruf als Hausmeister an einer Mainzer Schule zum Zweitjob geworden. Und damit hat sich der gelernte Fliesen-, Platten- und Mosaikleger Akzeptanz für sein außergewöhnliches Nebenberufsfeld verschafft. „Und wenn der noch zehnmal die Gretel macht, er verdient damit schneller sein Geld, als du mit Musik“, hatte Meisenzahls Mutter einmal seinem Vater entgegnet. Der war nämlich lange Zeit ganz und gar nicht begeistert von den Auftritten seines Sohnes, schämte sich sogar für ihn. Dabei hatte er selbst den Grundstein für die Karriere seines Kindes gelegt. Ab 1978 traten sie zusammen zur Mainzer Fastnacht auf, zwei Jahre später schlüpfte Klaus-Dieter Meisenzahl dazu zum ersten Mal als „Mimmi“ in eine weibliche Rolle. „Ich mache mich einfach gern zum Affen“, sagt er. Und damit hatte er Erfolg.

Veranstalter buchten ihn auch außerhalb der Fastnachtssession, Meisenzahl entwickelte sich allmählich vom Fastnachtsspaßmacher zum Travestiekünstler. Doch auch er musste einiges dazulernen. Bei einem seiner ersten Auftritte im Kurfürstlichen Schloss in Mainz sollte er, begleitet vom Polizeiorchester, auftreten. Als er auf die Bühne treten wollte, blieb er aber mit seinem improvisierten Reifrock, der eigentlich ein Friedhofkranz aus Styropor war, in der Tür hängen. „Da war das Gegröle groß, die Musiker konnten mich vor Lachen nicht mehr begleiten,“, erinnert er sich an die Anfänge. Auch die ersten eigenen Schminkversuche rufen bei Meisenzahl mittlerweile ein Schmunzeln hervor. Nach einem Workshop mit einem Maskenbildner und vielen Tipps von seinen Kollegen geht auch das mittlerweile leichter von der Hand.

Lange Pause vom Showgeschäft

Die wohl wichtigsten Lektionen, die Meisenzahl in der Zeit als Travestiekünstler gelernt hat, sind aber sich selbst treu und dabei vor allem auf dem Teppich zu bleiben. „Ich hatte einen Höhenflug“, gibt er offen zu. Die große Nachfrage veranlasste ihn dazu, zu hohe Preise aufzurufen. Das sorgte wiederum für weniger Auftritte. Zudem ließ er sich von seinem Vater beeinflussen, der Angst hatte, dass sein Sohn als „Tunte“ abgestempelt werden könnte. Im Jahr 2000 hängte Meisenzahl den Nebenjob daher vorläufig an den Nagel, verkaufte seine gesamte Garderobe.

Erst 13 Jahre später ließ er sich von Travestie-Queen Olga Orange überreden, wieder einmal aufzutreten. „Es hat mich wieder gereizt“, erklärt er. Und es reizt ihn bis heute: Gemeinsam mit seinen „Kolleginnen“ Dolly Dornfelder und Crystal Blueeye performt er im Programm „Strass und Sternchen“, tritt außerdem bei „Cabaret Mayence“ auf. Und mit seinen Solo-Auftritten war er auch schon im Kreis Bad Kreuznach zu Gast, etwa bei der Damen-Sekt-Sitzung der Staudernheimer Bachschnooge.

Seine Kontakte in die Szene nutzt Meisenzahl, der nicht nur als Dragqueen, sondern auch immer wieder als Entertainer und Fastnachtsredner auf der Bühne steht, ebenso für karitative Projekte. In seinem Heimatdorf Trechtingshausen, wo er mittlerweile mit seiner Frau Astrid lebt, hat er bereits zwei Wohltätigkeitsveranstaltungen organisiert – einmal für die Nachbarn, die von einer Flut betroffen waren und einmal für eine Familie, deren Haus abgebrannt ist. Für Meisenzahl ist es selbstverständlich auch mal den eigenen Profit außen vor zu lassen: „Ich sehe den Spaß im Vordergrund, nicht das Geld.

Von unserer Redakteurin Désirée Thorn
Bad Kreuznach
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