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Bad Kreuznach/VG Kastellaun

Notlage eines Schwerkranken ausgenutzt: 69-Jähriger betätigt sich ohne Zulassung als Heilpraktiker

Mit der Entnahme von Blut und der Verabreichung rezeptfreier Präparate wollte ein 69-Jähriger einen 85-jährigen chronisch Kranken heilen und ihm die Dialyse ersparen. Das Amtsgericht Bad Kreuznach verurteilte den einschlägig vorbestraften 69-jährigen gelernten Obst- und Weinbautechniker aus Rheinhessen nun zu einer Haftstrafe von einem Jahr und zehn Monaten.

Medikamente
Der vermeintliche Heilpraktiker verkaufte seinen Patienten völlig überteuerte Mittelchen (Symbolbild).
Foto: dpa

Der Angeklagte hatte zu Beginn die Vorwürfe weitgehend eingeräumt. Ja, er habe eine Heilpraktikerausbildung in den 80er-Jahren absolviert, aber niemals eine Zulassung erlangt, bestätigte er. Er räumte auch ein, dem 85-Jährigen einen Hausbesuch in dessen Wohnung in der Verbandsgemeinde Kastellaun abgestattet und ihn „behandelt“ zu haben.

Wie das betagte Opfer bestätigte, hatte ihm der Angeklagte zwei Marmeladengläser voll Blut abgezapft. „Er sagte, das ist Dreck, das schütten wir weg, dann brauchst du nicht mehr zur Dialyse“, erklärte der Zeuge. Der Wunderheiler händigte ihm zudem einige nicht verschreibungspflichtige Mittel aus, darunter ein Vitaminpräparat, für die er 1000 Euro plus 200 Euro Behandlungshonorar verlangte. Er fuhr danach noch mit seinem Opfer zur Bank, wo er sich das Geld aushändigen ließ.

Die Ermittler hatten geprüft, welchen Wert die vermeintlichen Heilmittel hatten. Für 83 Euro kann man die rezeptfreien Mittelchen in der Apotheke erstehen. Seinem schwer kranken Opfer hatte der Angeklagte 1000 Euro abgeknöpft und eine Quittung verweigert, weil er die teuren Präparate nur über den Schwarzmarkt beziehen könne.

Es war nicht der erste Einsatz des Angeklagten als Heiler. Wie aus seinem üppigen Vorstrafenregister hervorgeht, wurde er 2004 schon einmal wegen unerlaubter Ausübung der Heilkunde verurteilt. 2010 wollte er eine Seniorin aus Hessen von starken Kieferschmerzen kurieren, erleichterte sie aber vor allem um 36.000 Euro.

Unter seinen zahlreichen Vorstrafen finden sich auch Verurteilungen für andere betrügerische Tätigkeiten, mit denen er sich – mit Ausnahme einer längeren Pause in den 90er-Jahren – seit 1974 eine Vielzahl von Verurteilungen eingehandelt hat. Das jetzt 25 Eintragungen umfassende Führungszeugnis enthält bei einem Urteil aus dem Jahr 1988 wegen Betrugs auch ein Berufsverbot für die Tätigkeit als Finanzwirt und Kreditvermittler.

Von seinen Fähigkeiten als Heiler ist der 69-Jährige dennoch nach wie vor überzeugt. „Bei einem Gastaufenthalt in der Justizvollzugsanstalt war ich auf schwerste Medikamente eingestellt und konnte mir selbst helfen“, beteuerte er. Er habe zwar für die Verhandlung auf Zeugen verzichtet, habe aber nachweislich vielen Menschen helfen können, die von der Schulmedizin aufgegeben worden seien, behauptete er weiter.

Er entschuldigte sich zwar bei dem 85-Jährigen, versuchte aber gleichzeitig, seine Betrugsmasche zu beschönigen. So will er die Medikamente nicht verkauft, sondern zur Verfügung gestellt haben. Im Februar hatte er den Senior noch einmal aufgesucht und ihm ein neues russisches Gerät zum Kauf angeboten, das ihm die Dialyse ersparen sollte. Seinem Opfer versprach er vor Gericht, den Schaden wiedergutzumachen und ihm die 1200 Euro zu erstatten.

Staatsanwältin Marina Meesenholl hatte zwei Jahre Freiheitsstrafe beantragt. Das Urteil von Richterin Vanessa Blauth fiel zwar um zwei Monate kürzer aus, dafür aber ohne Bewährung, und der außer Vollzug gesetzte Haftbefehl bleibt aufrechterhalten. Daran dürften auch die letzten Worte des Angeklagten ihren Anteil haben: „Ich wollte einem Menschen in einer Notlage helfen, das war der Auftrag.“

Von unserer Reporterin Christine Jäckel

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