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Merxheim

Nach dem Brand von Merxheim: Ein schwarzes Loch, wo zuvor die Treppe war

Elf Tage sind seit dem verheerenden Großbrand in Merxheim vergangen – drei Generationen lebten und arbeiteten bis Dienstag, 27. Februar, in dem im Ort tief verwurzelten landwirtschaftlichen Gehöft „Im Winkel“ – einer Sackgasse, die auf die Hauptstraße führt. Nun sind die beiden Wohnhäuser und die angrenzende Scheune unbewohnbar.

Eine Welle der Hilfsbereitschaft hat nach dem verheerenden Brand in Merxheim eingesetzt: Die Familie möchte ihren Hof  wieder aufbauen. Foto: Bernd Hey
Eine Welle der Hilfsbereitschaft hat nach dem verheerenden Brand in Merxheim eingesetzt: Die Familie möchte ihren Hof wieder aufbauen.
Foto: Bernd Hey

Gisela und ihr Mann Helmut Kistner feierten im vergangenen August noch ihre Goldene Hochzeit, nun stehen sie vor Ruinen. Anstelle der großen Holztreppe vom Keller bis in den Speicher sei nur noch ein großes schwarzes Loch, sagt die Seniorin.

Statt Marder ein Feuer unterm Dach

Helmut Kistner erinnert sich, dass er und seine Frau in den frühen Morgenstunden der Brandnacht durch seltsame Geräusche vom Dachboden wach wurden. Zuerst dachten sie an Marder. „Zu diesem Zeitpunkt war noch kein Qualm oder Rauch zu riechen“, erinnert sich Gisela Kistner. Der legte sich erst danach – tagelang – wie eine Dunstglocke über Merxheim. Die Kistners stellten fest, dass weder Strom noch Telefon funktionierten, einzig die Dorflampe lieferte schemenhaft Licht. Dann habe er das Feuer entdeckt, berichtet Helmut Kistner. „Steht auf, es brennt!“, habe er durch die Verbindungstür ins Nachbargebäude gerufen – denn neben Helmut Kistner und seiner Frau wohnten auch Tochter Iris und ihr Lebensgefährte sowie die beiden Söhne Sebastian (21 Jahre) und Lukas (19) in dem Komplex.

Quelle: YouTube (erweiteter Datenschutzmodus)

In Pantoffeln sei der 77-Jährige anschließend zum 100 Meter entfernten Feuermelder am Feuerwehrhaus gelaufen, doch auf halber Strecke erklang bereits die Sirene. Nachbar Heinz Eberwein hatte den Alarmmelder schon betätigt. „Keiner war für die Witterung korrekt gekleidet, jeder zog an, was er auf die Schnelle finden konnte“, erinnert sich Iris Kistner. Sie ist die Vorsitzende des Merxheimer Landfrauenvereins und in der Kita des Bad Sobernheimer Albert-Schweitzer-Hauses tätig. Schnell wurden die Autos aus dem engen Sträßchen weggefahren, bevor die Feuerwehr mühsam die Drehleiter in die Gasse dirigierte.

Die Löscharbeiten der mehr als 100 Feuerwehrleute aus der ganzen Region gestalteten sich schwierig. Es war bitterkalt und spiegelglatt, Nachlöscharbeiten und Brandwache dauerten am Dienstagabend bis 21 Uhr.

„Das ganze Dorf hat angepackt, zusammengestanden – alle wuchsen über sich hinaus“, äußerten Helfer und Wehrleute anschließend. Der 19-jährige Enkel Lukas Vogt war als Feuerwehrmann in den Nachtstunden im Einsatz und wurde mehrfach gefragt, ob er die Bewohner kenne. „Ja, die Leute kenne ich gut“, sagte er mit Tränen in den Augen. Das DRK war vor Ort, psychologische Hilfe und Fürsorge von allen Seiten wurden für die beliebte Merxheimer Familie angeboten, weiß Ortsbürgermeister Egon Eckhardt. Am 1. März gegen 22 Uhr heulten erneut die Sirenen im Ort – aus der Scheune ausgeräumtes Heu hatte sich auf der Gemarkung entzündet.

Trotz des Unglücks und des Verlustes von Hab und Gut überwiegt bei der Familie die Hoffnung, großes Glück gehabt zu haben. Die Welle der Hilfsbereitschaft sei phänomenal und nicht zu beschreiben: „Wahnsinn, überwältigend und aufbauend – bis heute ist die Hilfe nicht abgerissen. Herzlichen Dank an alle Helfer, an die vielen Spender, den ganzen Ort und natürlich die unermüdliche Feuerwehr, sagt die 70-jährige Gisela Kistner. Ein großes Dankeschön ging an das Dorfoberhaupt, das sich sofort kümmerte, spontan Spendenkonten einrichtete und sich täglich mit der Familie austauscht. „Ich bin froh über die Spenden und stolz, Merxheimer Ortsbürgermeister zu sein“, sagte Eckhardt.

Ortschef ist stolz auf sein Dorf

„Wo kommt ihr unter? Wir haben Platz“, hörte die Familie immer wieder. Täglich sitzt sie zusammen, das Erlebte gemeinsam zu verarbeiten. Viele Wohnungsangebote bis nach Kirn habe es gegeben, ergänzte Egon Eckhardt. In unmittelbarer Nachbarschaft, in einem Haus nebenan, kamen sie unter und konnten sich einrichten. Sie wohnen nun in „Schmitze Haus“ in der Merxheimer Hauptstraße, das eine Darmstädter Familie kaufte und zur Verfügung stellte. Ein Glücksfall, betont Iris Kistner: „Man funktioniert nur, der Alltag ist noch nicht eingekehrt. Aber man muss die Brandruine sehen, um alles verarbeiten zu können.“ Das Löschwasser hinterließ lange Eiszapfen – eine gruselig-gespenstige Szenerie, nach und nach stürzten die alten Lehmdecken ein.

Witterungsbedingt konnten die Brandermittler der Kripo erst in dieser Woche die Brandursache feststellen: Ein technischer Defekt an der elektrischen Anlage auf dem Speicher wurde ermittelt. Der Schaden beläuft sich auf deutlich mehr als die anfänglich geschätzten 250.000 Euro. Noch ist alles offen, aber die Familie will zurück in den „Winkel“ und alles neu aufbauen. „Wo sollen wir denn sonst hin?“, fragt Gisela Kistner.

Von unserem Reporter Bernd Hey

Eine große Welle der Hilfsbereitschaft

ürgermeister Rolf Kehl hat im Amtsblatt allen Helfern gedankt. In Merxheim und Umgebung wollen viele der Familie Kistner helfen. So hat die örtliche Feuerwehr ihre Kaffeekasse gespendet und der Fastnachtsclub Merxheimer Wind sowie die Merxheimer Kita haben den Brandopfern Hilfe angeboten.

Ilka und Bernd Gutheil haben ihren Reisebericht über Senegal am Dienstagabend bei den Merxheimer Landfrauen dazu genutzt, nach einem Obolus für die Familie zu bitten. Der Chor Zeitlos im Kinder- und Jugendchor Merxheim lädt für Sonntag, 25. März, ab 18 Uhr zu einem Benefizkonzert in die evangelische Kirche nach Merxheim ein. Weitere Mitwirkende sind der Frauenchor Sulzbach, die Gesamtleitung liegt in den Händen von Ramona Wöllstein. Unter dem Verwendungszweck „3794 Kistner“ wurden bei der Volksbank Rhein-Nahe-Hunsrück, IBAN: DE 13 5609 0000 0002 2499 69, sowie bei der Sparkasse Rhein-Nahe, IBAN: DE 62 5605 0180 0001 0001 40, zwei Spendenkonten eingerichtet. jan

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