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Bad Kreuznach

Mit brachialer Wortgewalt, die aufwühlt: Beeindruckende Inszenierung des Schauspiels "Verbrennungen"

Es war schon schwere literarische Kost, mit der das Euro-Studio Landgraf das Publikum im leider nur zu drei Vierteln gefüllten Kursaal konfrontierte. Das Stück „Verbrennungen“ (2003) des im Libanon geborenen, kanadischen Autors Wajdi Mouawad ist fern ab von jeglicher seichter Unterhaltungskost für einen Samstagabend. Seine gewaltige, hoch emotionale existenzielle Anklage gegen Krieg, Hass und Gewalt wühlt auf, bedrückt, erschüttert.

Bad Kreuznach – Es war schon schwere literarische Kost, mit der das Euro-Studio Landgraf das Publikum im leider nur zu drei Vierteln gefüllten Kursaal konfrontierte. Das Stück „Verbrennungen“ (2003) des im Libanon geborenen, kanadischen Autors Wajdi Mouawad ist fern ab von jeglicher seichter Unterhaltungskost für einen Samstagabend. Seine gewaltige, hoch emotionale existenzielle Anklage gegen Krieg, Hass und Gewalt wühlt auf, bedrückt, erschüttert.

 

Es ist eine düstere Szenerie, angesiedelt zwischen Orient und Okzident, Traditionalismus und Moderne. Die „sichere“ westliche Welt auf der einen, Bürgerkrieg, Flüchtlingslager, Gefängnisse, Miliz, Militär und Massaker auf der anderen Seite. Eine Welt, in der Gewalt, Folter und Vergewaltigungen zum Alltag gehören, Menschen nur namenlose Nummern sind, „verbrannt werden“ oder „verbrennen“. Weitschweifige Erzählungen und Fabulierlust fast schon im Stile orientalischer Märchenerzähler wechseln ab mit Passagen harter Realität – mal mit fast unfassbarer verbaler Brutalität, mal in betörend schöner poetischer Sprache.
Schwierig wird der Zugang auch dadurch, dass das Stück auf verschiedenen Zeitebenen – unchronologisch – spielt, Figuren aus verschiedenen Zeiten aber oft gemeinsam auf der Bühne sind und miteinander agieren. Ein Puzzle, bei dem sich nach und nach alle Teile zusammenfinden und -fügen. Daraus bezieht das Stück seine Spannung.
Das Drama beginnt in der Gegenwart, behandelt rückwirkend die tragische Lebensgeschichte von Nawal, die aus einem Bürgerkriegsgebiet im Nahen Osten geflohen und in den Westen emigriert ist. Als sie im Alter von 60 Jahren nach Jahren, die sie in völligem Schweigen verbracht hat, stirbt, eröffnet ihr Notar Hermile Lebel ihren 22-jährigen Kindern, den Zwillingen Jeanne und Simon, das Testament: Beide erhalten einen Brief mit dem Auftrag, diesen an ihren bisher für tot geglaubten Vater und an ihren Bruder, von dessen Existenz sie nichts wussten, zu übergeben. Nur widerwillig erfüllen die Zwillinge den letzten Willen ihrer Mutter.
Mit brachialer, brutaler Wortgewalt entfaltet das Stück seine ganze, nachhaltige Wirkung wie eine griechische Tragödie. Die Saat von Hass, Krieg und Gewalt frisst die eigene Identität. Aber das Stück ist weit mehr als eine Anklage gegen den Irrsinn und die Sinnlosigkeit des Krieges, in dem niemand mehr weiß, wer auf wen schießt und warum. Es geht zentral um die Frage: Wie menschlich reagieren Menschen in einer inhumanen Umwelt?
Auch für die Schauspieler ist „Verbrennungen“ eine große Herausforderung. Sie schlüpfen in Rollen, die ihnen alles abverlangen. Denn sie lassen keine Distanz zu den Figuren und zu dem Geschehen zu. Das gesamte Ensemble unter der Regie von Lydia Bunk meistert dies beeindruckend, bravourös. Allen voran Ulf Schmitt, der den widerwilligen Simon, dessen Grobheit und Wutausbrüche großartig mimt, den groben Klotz geradezu wuchtig„hinhaut“. Katja Herrmann als Jeanne sowie Kristine Walther als die junge Nawal und die 40-jährige Widerstandskämpferin stehen ihm kaum nach, spielen ausdrucksstark – intensiv bis zur Schmerzgrenze. Gerade weil es um die intensivsten Empfindungen geht, zu denen Menschen fähig sind: Liebe, Hass – und das Töten. „Das erste Mal ist es schwierig, danach wird`s leichter.“
„Es gibt Wahrheiten, die man selber entdecken muss“, heißt es an einer Stelle in den „Verbrennungen“. Am Ende offenbart sich den Geschwistern die ganze schreckliche, schockierende Wahrheit ihrer eigenen Herkunft und im Leben ihrer Mutter. Und sie kommt einher wie „ein einstürzender Himmel“. Bleibt die Frage: Was bringt uns das Stück weiter in der Frage über die Grausamkeit von Kriegen, und wer davon profitiert? In einem Interview erklärte der Autor, er wolle damit ein Zeugnis ablegen.
Von einem gibt das Stück in der Tat wortreich Zeugnis: Die (Menschen-)Würde ist das erste, was verloren geht, wenn Krieg und Hass regieren. Und vielleicht kann man die Menschen ja nicht oft genug damit konfrontieren und daran erinnern. Zumal, wenn es auf eine so beeindruckende Weise geschieht. (hg)

Bad Kreuznach
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