40.000
  • Startseite
  • » Region
  • » Aus den Lokalredaktionen
  • » Oeffentlicher Anzeiger
  • » Mit beiden Händen nach Nahrung angeln: Containerer holen Essen aus dem Müll
  • Aus unserem Archiv
    Bad Kreuznach

    Mit beiden Händen nach Nahrung angeln: Containerer holen Essen aus dem Müll

    Lebensmitteln wegwerfen - das ist verwerflich, finden Martin und Michael. Vor knapp einem Jahrzehnt haben die beiden Studenten erstmals Biotonnen durchwühlt und Essen mitgenommen, seit zwei bis drei Jahren sind sie auch in Bad Kreuznach aktiv. Wir haben sie beim Containern begleitet.

    Michael und Martin versuchen, den Zustand einer Melone aus dem Rewe-Mülleimer zu beurteilen. Bananen sind bereits reichlich in den Stiegen gelandet.
    Michael und Martin versuchen, den Zustand einer Melone aus dem Rewe-Mülleimer zu beurteilen. Bananen sind bereits reichlich in den Stiegen gelandet.

    Ein leicht süßlicher Verwesungsgeruch liegt in der Luft. Kein Wunder, gerade hat Michael (32, Name von der Redaktion geändert) die Biomülltonne des Discounters im Bretzenheimer Gewerbegebiet geöffnet. Es ist kurz vor 11 Uhr abends und Michael ist zusammen mit WG-Mitbewohner Martin (28, Name von der Redaktion geändert) containern. Die beiden Studenten holen sich weggeworfene Lebensmittel aus den Mülltonnen von Supermärkten und Discountern, um sie zu essen.

    Zehn Minuten zuvor haben sie ihren alten Kleinwagen bepackt mit mehreren Stiegen, leeren Eierkartons und einer Flasche Wasser. Alles, was man so zum Containern braucht. Mit leichtgängigem Drum’n’Bass vom Mixtape im Autoradio geht’s zum ersten Beutezug.

    Technisch gesehen ist das Containern Diebstahl. Denn Müll ist in Deutschland Eigentum. Das ficht Martin und Michael jedoch nicht an. „Essen wegwerfen ist unethisch. Punkt.“, macht Michael in der WG-Küche deutlich. „Wir profitieren von der Wegwerfgesellschaft“, gibt Martin offen zu. Und Michael macht klar: „Wir sind keine Täter. Täter sind die, die Essen wegwerfen.“

    Bei Penny stehen die Mülltonnen mehr oder minder offen zugänglich an der Laderampe in einer Gitterbox. Die lässt sich jedoch mit drei Handgriffen öffnen. In Sekundenschnelle ist Michael in der Box und inspiziert den Inhalt der Biotonne. Kurioserweise muss er sich erst durch eine Schicht weggeworfener Edelweißpflanzen, bevor er auf Essbares stößt. Bananen. Und wieder: Bananen. Die haben ein paar braune Flecken, sehen aber ansonsten recht brauchbar aus. Dazu kommen: Paprika und Gurken.

    Viele Märkte und Ketten sagen, dass sie nur das wegwerfen, was nicht mehr verwendbar ist, ansonsten Sonderangebote erstellen oder die Lebensmittel an die Tafeln spenden (s. Bericht 1. Lokalseite). „Die Tafeln können nicht alle verwendbaren Waren bekommen. Sonst würden wir ja nichts mehr finden“, macht Michael deutlich. Er und Martin wissen: Sie sind nicht allein. Auf gut ein Dutzend Menschen schätzen sie die Containerer-Szene in und um Bad Kreuznach. „Manche containern nur noch, kaufen gar nicht mehr ein“, fügt Michael hinzu. Das machen die beiden nicht. Sie kaufen auch ein. Je nach Lust und Laune. Aber 50 Prozent ihres Essens kommt aus dem Mülleimer.

    Ein erster Blick in die Biotonne: Was ist noch gut, was nicht und muss zur Seite oder gar in eine andere Tonne geräumt werden?  Fotos: Stefan Butz
    Ein erster Blick in die Biotonne: Was ist noch gut, was nicht und muss zur Seite oder gar in eine andere Tonne geräumt werden? Fotos: Stefan Butz

    Weiter geht es zum Rewe-Markt schräg gegenüber. Die Stirnlampen, die die beiden tragen, sind kaum mehr nötig, so hell ist es. Martin rollt die erste schwere, volle Tonne heran. Pflaumen. Überreife Pflaumen noch und nöcher. Michael fasst beherzt hinein. Darunter gibt es wieder Massen an leicht fleckigen Bananen. Äpfel kommen hinzu, Karotten, Tomaten, Ein Glas Oliven, viele Salatgurken und auch Eier. Bei den zwei Zehnerpackungen, die die beiden finden, ist genau je ein Ei angeknackst.

    „Es wäre schön, wenn die Märkte das besser regeln würden“, sagt Michael. Selbst sehen sich die beiden nicht in der Pflicht: „Wir sind nicht die Verursacher. Es kann nicht sein, dass wir diese Strukturen schaffen sollen, damit andere weiter unmoralisch handeln können.“ Freigiebig sind sie trotzdem. „Nimm Dir“ ist in der Containerer-Szene kein unüblicher Satz. „Muss ja auch. Was soll man denn machen, wenn man zehn Kilo Butter containert hat“, sagt Michael mit einem Grinsen.

    Schließlich finden die beiden noch eine ganze Reihe von Fruchtsmoothies. Ablaufdatum 2019. Und gemahlene Haselnüsse. Abgelaufen. Aber: „Was soll da passieren?“, fragt Michael. Vor Schimmel und Giften warnen die Märkte. Mag sein. Doch inwiefern das auf die Aroma-Rum-Fläschchen zutrifft, die Martin aus dem Müll fischt, bleibt da unklar. Das einzig enthaltene Gift dürfte der Alkohol sein. Bisher habe sich noch keiner gestört, berichten Michael und Martin unisono. Und so manchen Lieferfahrer grüßen die beiden schon. Schlösser knacken geht für die beiden gar nicht. Allerdings: Den handelsüblichen Dreikantschlüssel zum Öffnen der Mülltonnen haben sie immer dabei. Und auch über Zäune klettern lehnen sie ab. Illegal. Die Tonnen kommen wieder an ihren Ursprungsplatz, alles wird sauber gemacht. Zwei Stiegen sind voll, die Eierkartons auch. Der Kleinwagen wird bepackt, die Hände und Unterarme mit dem mitgebrachten Wasser gewaschen. Dann geht es weiter in Richtung Rüdesheim. Die Nacht ist noch jung. Und die Müllcontainer voller Essen.

    Von unserem Reporter Stefan Butz

    Discounter manchen's Containerern schwer: Umfrage im Kreis Bad Kreuznach

    Kreis Bad Kreuznach. In Bad Kreuznach wuchs in den vergangenen Jahren eine Containerer-Szene heran. Menschen durchsuchen im Schutze der Nacht Biomülltonnen von Supermärkten und Discountern nach Essbarem - teils aus der Not, teils aber auch als Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft.

    Smoothies, Äpfel, Bananen, Aroma-Rum, gemahlene Haselnüsse, Tomaten, Paprika: Beim Containern wird allerlei aus den Tonnen gefischt. Foto: Stefan Butz
    Smoothies, Äpfel, Bananen, Aroma-Rum, gemahlene Haselnüsse, Tomaten, Paprika: Beim Containern wird allerlei aus den Tonnen gefischt.
    Foto: Stefan Butz

    Für Alexander Krüger, Inhaber des neuen Rewe-Markts zwischen dem Bauhaus und der Discothek Viva, ist das kein Thema: „Wir haben nix draußen stehen.“ Bei Edeka in der Bosenheimer Straße heißt es ebenfalls: „Wir schließen so ab, dass kein fremder Zugriff möglich ist.“ Beim Rewe-Markt in Rüdesheim wurde gleich auf die Pressestelle des Gesamtkonzerns verwiesen und auch bei Rewe Bretzenheim gab es auch keine Auskunft - genauso wie bei den zuständigen Aldi- und Lidl-Verwaltungen in Bingen und Wöllstein.

    Lidl, Aldi und Edeka gelten bei Containerern als schwierige Kandidaten. Dort sind die Tonnen so gesichert, dass man Schlösser öffnen oder über Zäune steigen müsste. das machen die beiden nicht. Zu illegal. Aber eine Gitterbox öffnen oder die Tonne mit einem Dreikantschlüssel aufschließen: kein Problem.

    Die Zurückhaltung der Märkte ist auch bei den Behörden zu spüren. Heiko Thurau von der Polizeiinspektion Bad Kreuznach hat keine Rapports vorliegen und auch bei Joachim Reimann, dem Leiter der Polizeiinspektion Kirn, ist dazu nichts auf dem Tisch. Bei der Staatsanwaltschaft in Bad Kreuznach sind dem Leitenden Oberstaatsanwalt Michael Brand ebenfalls keine Fälle bekannt. „Die mögliche Strafbarkeit des Containerns ist vom Einzelfall abhängig. War die Containeranlage eingezäunt? Waren die Container verschlossen? Welchen Wert hatte die Ware?“, erläutert Brand. „Theoretisch in Betracht kommen Strafbarkeiten wegen Diebstahls, Sachbeschädigung, Hausfriedensbruchs oder sogar wegen Diebstahls im besonders schweren Fall.“

    Die Pressestellen von Rewe, Kaufland und Lidl warnen ausdrücklich vorm Containern: Die Nahrungsmittel könnten bereits schlecht geworden sein. Außerdem arbeite man mit den Tafeln zusammen und werfe generell sehr wenig an Lebensmitteln weg. Für Martin, Michael und die anderen Containerer aus Bad Kreuznach reicht es jedenfalls. Und wirklich verdorbene Nahrungsmittel finden die beiden sehr selten.

    Von unserem Reporter Stefan Butz

    Kommentar: Ein Stück weit Folge unserer KonsumsuchtDiscounter manchen's Containerern schwer: Umfrage im Kreis Bad Kreuznach
    Bad Kreuznach
    Meistgelesene Artikel
    Anzeige
    Online regional

    Bettina TollkampBettina Tollkamp
    Chefin v. Dienst
    E-Mail

    News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
    wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
    Anzeige
    Bundestagswahl 2017 im Wahlkreis 201

    Die Kandidaten im Wahlkreis 201: Porträts, Interviews und Aktionen

    epaper-startseite
    Regionalwetter
    Freitag

    10°C - 17°C
    Samstag

    9°C - 17°C
    Sonntag

    8°C - 14°C
    Montag

    9°C - 13°C
    Nahe am Ball
    Sebo-Startseite-Regiosport-Nahe-am-Ball
    Jahresrückblick 2016