40.000
Aus unserem Archiv
Bad Kreuznach

Missstände in der Gastrobranche: Fehlende Fettabscheider erhitzen Streit in Verwaltung

Marian Ristow

Vermeintliche Topgastronomen, die ihre Fett- und Ölabfälle in selbst gebastelten Blechdosen in Hinterhöfen lagern und sie dann illegal entsorgen: Ein Zustand, der in Bad Kreuznach Alltag war. Glaubt man dem Bericht von Mülldetektiv Josef Lehnert, fehlen in der Stadt fast 100 Fettabscheider – Apparaturen, die Fette und Öle aus dem Abwasser filtern und dort gesetzlich vorgeschrieben sind, wo gebraten und gekocht wird, wo Öle und Fette in die Kanalisation gelangen könnten.

Die Installation eines Fettabscheiders kostet um die 8000 Euro und ist überall dort, wo Fette und Öle in die Kanalisation gelangen könnten, gesetzlich vorgeschrieben. Trotzdem fehlt er in vielen Gastrobetrieben. Foto: Marian Ristow
Die Installation eines Fettabscheiders kostet um die 8000 Euro und ist überall dort, wo Fette und Öle in die Kanalisation gelangen könnten, gesetzlich vorgeschrieben. Trotzdem fehlt er in vielen Gastrobetrieben.
Foto: Marian Ristow

Die Tatsache, dass in Bad Kreuznach rund 100 Gastrobetriebe, die laut Gesetz eine solche Apparatur vorweisen müssten, seit Jahren ohne arbeiten und wohl ebenso lange Fette und andere Abfallstoffe in die Kanalisation abführen, hat in der Stadtverwaltung einen erbitterten Streit ausgelöst. Da geraten die Apparaturen in den Hintergrund. Persönliche Angriffe, Korruption, vermeintliche Behördenschlamperei und verwaltungsinterne Kraftmeierei überlagern die Angelegenheit, die seit Spätsommer hinter den Kulissen vor sich hin köchelt.

Anfang im Finanzausschuss

Ihren Anfang nahm die Chose im nicht öffentlichen Teil der Finanzausschusssitzung am 15. August. Dort verlas Mülldetektiv Lehnert, Inhaber des gleichnamigen Sicherheitsunternehmens und von der Stadt einst engagiert, seine Ermittlungsergebnisse rund um die Entsorgungssituation der Bad Kreuznacher Gewerbebetriebe. Besonders im Fokus: Betriebe, die einen Fettabscheider haben müssen. Lehnerts Fazit fiel haarsträubend aus: Rund 100 Fettabscheider fehlen in der Stadt.

Regelmäßige Kontrollen? Fehlanzeige. Eine exakte Liste der öl- und fettabscheiderpflichtigen Gastrobetriebe und der anderen verpflichteten Geschäfte, wie zum Beispiel Tankstellen oder Autowaschanlagen, existiere laut Lehnert überhaupt nicht. Für die zuständige Abteilung der Stadtverwaltung, den Abwasserbetrieb, eine hoch peinliche Enthüllung. Doch das eigentliche Heikle: Lehnert benennt in seinem Bericht drei Abteilungsleiter der Stadt namentlich. Er beschuldigt diese von den Missständen gewusst, diese geduldet zu haben und so Beihilfe zum Begehen von Umweltdelikten geleistet zu haben. So die Schlussfolgerung Lehnerts – allerdings juristisch gesehen ein Laie.

Ein Vorgehen, dessen Ross und Reiter nennende Tonalität nicht nur bei Stadtvorstand und Ausschussmitgliedern Schweißperlen auf die Stirn zauberte. Oberbürgermeisterin Heike Kaster-Meurer wandte sich drei Tage später in einem Brief an Lehnert. Laut Landespersonalvertretungsgesetz seien derartige Leistungs- und Verhaltenskontrollen von Mitarbeitern der Stadtverwaltung nur unter Einbeziehung des Personalrates erlaubt. Dies sei nicht erfolgt. Die OB untersagte Lehnert, künftig solche Ausführungen zu tätigen und legte Bürgermeister Wolfgang Heinrich nahe, in dessen Zuständigkeitsbereich das Thema Abfall und Abwasser fällt, den in der Ausschusssitzung ausgeteilten Bericht zurückzufordern und zu vernichten. Das lehnte der Kämmerer aber ab. Ebenso wurde Heinrich aufgefordert, obwohl er nicht Urheber der in Lehnerts Bericht getätigten Anschuldigungen war, sich zu entschuldigen. Auch dies blieb aus. Eine Rüge des Personalrats war die Folge.

Anonymes Schreiben als Auslöser

Lehnert stützt seine Annahmen auch auf das Schreiben eines Bürgers, das die Stadtverwaltung am 28. Februar 2014 erreichte. In diesem schildert der Verfasser, offensichtlich mit Insiderwissen ausgestattet, welchen Betrieben und Gaststätten ein Fettabscheider fehlt. Nach Lehnerts Auffassung wurde dieses Schreiben von den zuständigen Stellen ignoriert, abgeheftet und vergessen. Fettabscheider – ein Thema, mit dem die Stadtverwaltung schon zuvor wenig Fortune hatte. 2007 trennte man sich von dem zuständigen Sachbearbeiter. Er soll von betroffenen Gastronomen Geld angenommen haben und über die fehlenden Fettabscheider hinweggesehen haben.

Intern begangen die Aufräumarbeiten. Während Heinrich und Lehnert die Auffassung vertreten, der Abwasserbetrieb habe versagt, wie es der Kämmerer in einem Schreiben formuliert, sehen die Gescholtenen die Sache anders. Es gebe keine gesetzliche Vorgabe zur Intensität der Kontrollen, schreibt einer der Abteilungsleiter in einer internen Stellungnahme, stichprobenartige Überprüfungen seien ausreichend. Ausnahmen gebe es immer. Die erfolgten Stichproben hätten ergeben, dass die Betriebe ihre Selbstverantwortung nachkämen. Die drei namentlich genannten Mitarbeiter lassen sich inzwischen anwaltlich vertreten.

Von unserem Redakteur Marian Ristow

Kommentar: Wieder einmal nur Verlierer

Mal ehrlich, wer weiß, was ein Fettabscheider ist? Ein Kasten, der Fette und Öle aus dem Abwasser filtert. Diese Apparate sind Standard, eine gesetzliche Vorgabe für Gastronomiebetriebe. In England gibt es eine solche Pflicht nicht, die Folge davon: ein 130 Tonnen (!) schwerer Fettkloß. Er wurde vor kurzer aus der Londoner Kanalisation gezogen.

Marian Ristow
Marian Ristow
 Marian Ristow zum Ärger um Fettabscheider

Wenn man nun liest, dass in der Stadt rund 100 Fettabscheider fehlen und das schon seit vielen Jahren, bekommt man eine bange Ahnung davon, welche Mengen von Abfallstoffen in die Kanalisation geflossen sind. Geht es nach dem Bericht des Mülldetektivs, hat sich in der Kurstadt ein handfester Umweltskandal zugetragen.

Und wieder einmal gibt es nur Verlierer. Teile der Stadtverwaltung, weil man dort offensichtlich jahrelang versäumt hat, sich diesem Thema konsequent anzunehmen. Nun sind die Fronten verhärtet. Der Mülldetektiv, weil sein Bericht zu aggressiv und diskreditierend formuliert war. Der Stadtvorstand ebenso. Aber dessen Binnenverhältnis konnte man sowieso nicht weiter verschlechtern. Und wer bezahlt die von Fett und Öl zerfressenen Leitungen? Richtig, der Steuerzahler.

E-Mail:marian.ristow @rhein-zeitung.net

Bad Kreuznach
Meistgelesene Artikel
Anzeige
Anzeige
Online regional

Bettina TollkampBettina Tollkamp
Chefin v. Dienst
Online
E-Mail

News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
UMFRAGE (beendet)
Markt am Samstag?

Das Mainzer Markt-Frühstück ist ein Kult-Event. Wäre das auch etwas für Bad Kreuznach?

Ja, unbedingt!
67%
Nein, eher nicht.
33%
Stimmen gesamt: 141
Anzeige
epaper-startseite