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Bad Münster-Ebernburg

Handwerkskunst: Auch Easy Rider wollen bequem sitzen

Marian Ristow

Der Sessel, oder vielmehr das, was von ihm übrig ist, sieht ziemlich mitgenommen aus, zerfleddert, man hat ihm die Haut abgezogen. Beim Anblick dieser traurigen Sitzgelegenheit fällt es schwer zu glauben, dass dieses von einem kartoffelsackähnlichen Material überzogene Gerippe mal ein schicker Polstersessel war – und es in spätestens zwei Tagen auch wieder sein wird.

Dafür Sorge trägt Anne Karweg. 35 Jahre alt, Raumausstattermeisterin, Sattlerin und Polsterspezialistin. Seit fast acht Wochen ist Karweg voll selbstständig. Vor sieben Jahren gründete sie ihre Firma Wunschsitz, arbeitete nebenbei noch halbtags in einem Einrichtungsfachmarkt.

„Am Anfang stand die Begeisterung für Möbelstücke“, blickt sie zurück. Ihre Ausbildung absolvierte sie in der Mainzer Altstadt, bei Länge & Daum. Karweg bringt abgewohnte Möbelstücke wie Stühle, Sessel und Mofas wieder auf Vordermann – mit Fingerfertigkeit, Geschick und einem Blick für Ästhetik. Sie wechselt das Polster aus und überzieht die Möbel mit neuem Stoff. Das gleiche gilt für Auto-, Motorrad- und Mopedsitze.

Kunst für die Kehrseite – Cocktailsessel wie dieser machen auch der Handwerkskünstlerin einfach Spaß.
Kunst für die Kehrseite – Cocktailsessel wie dieser machen auch der Handwerkskünstlerin einfach Spaß.
Foto: marian ristow

Hingabe schwingt mit, wenn sie von ihren „Patienten“ erzählt. Klar, man könne sich seine Möbel auch immer wieder neu kaufen, industriell geschnürte Sofas gebe es schließlich wie Sand am Meer. Aber diese seien kein Vergleich zu einer manuellen Polsterung und Schnürung, erläutert sie.

Während Billigmöbel jahrelang gefragt waren, hat sich inzwischen der Wind gedreht. „Man merkt schon, dass die Leute wieder mehr Wertschätzung für das Handwerk haben.“ Erst kürzlich waren Kunden bei Karweg, die eigens aus Freiburg anreisten. Auch den Weg aus Bremen nehmen Leute auf sich. Durch einen Beitrag im Fernsehen waren sie auf die Handwerksmeisterin vom Rotenfels aufmerksam geworden.

Motorradfahrer im Fokus

Besonders das Restaurieren von Motorradsitzen zählt inzwischen zu Karwegs Paradedisziplinen. Eine Reihe von Vorzeigeexemplaren zieren ihre Werkstatt in Bad Münster am Stein-Ebernburg. „Das ist etwas, was ich auf jeden Fall in der nächsten Zeit öfter machen möchte.“ Mit der Klientel, Bikern, Bastlern und Oldtimer-Fans, kommt sie gut klar. „Das sind Leute, denen ihr Hobby am Herzen liegt. Sie sind mit Leib und Seele dabei. Genau wie ich“, sagt die Künstlerin.

Apropos Kunst. In welche Schublade fällt das Aufpolstern und Verzieren von Sitzen, das eine gehörige Portion Fingerfertigkeit, viel Geduld, Präzision, eine ausgeprägte Haptik und einen geschärften Sinn für Ästhetik voraussetzt, überhaupt? Handwerk oder Kunst? „Handwerkskunst“, antwortet Anne Karweg trocken. Und trifft damit wohl den Nagel auf den Kopf.

Die Designs der Cocktailsessel stechen sofort ins Auge. Bis ein solcher fertig ist, muss die Handwerkskünstlerin rund 30 Arbeitsstunden investieren.
Die Designs der Cocktailsessel stechen sofort ins Auge. Bis ein solcher fertig ist, muss die Handwerkskünstlerin rund 30 Arbeitsstunden investieren.
Foto: marian ristow

Die bunten Cocktailsessel zählen zu ihren Lieblingsstücken. Mit ihren schmalen Beinen und dem voluminösen Korpus eigentlich ein typisches Möbelstück der 1950er-Jahre, verwandelt Anne Karweg die Sessel in bunte Avantgarde. 15 der Hingucker-Sessel hat sie schon gefertigt, mal mit Buddelschiff, mal mit dadaistischer Katze, mal eins mit Design von Künstler Leo Namislow. „Mein absoluter Traum wäre es, wenn Banksy einen meiner Sessel verzieren würde“, sagt sie, wohl wissend, dass es schwierig werden könnte, die britische Streetart-Legende an die Ebernburg zu lotsen, vor allem weil seine Identität bis heute nicht wirklich geklärt ist.

Von unserem Redakteur Marian Ristow

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