40.000
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Bockenau

Flüchtlingsfamilie zieht in ehemaliges Haus Bott neben dem Bockenauer Rathaus ein

Eine Flüchtlingsfamilie wird wohl schon Anfang März ins Haus Bott, die ehemalige Bäckerei neben dem Bockenauer Rathaus, einziehen.

Gerhard Bühr, seit 33 Jahren Schriftführer im Bockenauer Rat, zeigt aufs Haus Bott an der Winterburger Straße, das die Gemeinde gekauft hat und in das in wenigen Wochen eine Flüchtlingsfamilie einziehen soll. Er findet das Vorhaben, hier eine Familie zu beherbergen, „gut“, hat sich nicht an der Unterschriftenaktion beteiligt.
Gerhard Bühr, seit 33 Jahren Schriftführer im Bockenauer Rat, zeigt aufs Haus Bott an der Winterburger Straße, das die Gemeinde gekauft hat und in das in wenigen Wochen eine Flüchtlingsfamilie einziehen soll. Er findet das Vorhaben, hier eine Familie zu beherbergen, „gut“, hat sich nicht an der Unterschriftenaktion beteiligt.

Von unserem Redakteur Stefan Munzlinger

Das hat der Gemeinderat, wie zu hören, bereits am 15. Dezember bei zwölf Ja- und fünf Nein-Stimmen in nicht öffentlicher Sitzung beschlossen. Das Haus mit einer Wohnfläche von 112 Quadratmetern gehört der Gemeinde, die es für 40 000 Euro gekauft hat.

Bereits am 2. Oktober hatte der Rat das Thema vor 20 Zuhörern öffentlich diskutiert. Damals waren Bürgerfragen nicht zugelassen, weil die Gemeindeordnung das untersagt, wenn das Fragethema bereits auf der Tagesordnung steht.

Der Mietvertrag mit dem Rüdesheimer VG-Sozialamt wird eineinhalb Jahre laufen, „länger nicht“, betont Ortsbürgermeister Jürgen Klotz, und er ergänzt: „Ich verbürge mich dafür, dass eine Familie kommen wird.“ Und wenn nicht, werde man den Mietvertrag sofort wieder kündigen. Nach Vertragsende wird im Obergeschoss das Gemeindearchiv eingerichtet, und im Erdgeschoss, dem einstigen Bäckerei-Ladenlokal, könnten zwei Kleingewerbe-Inhaber einziehen.

Am 26. Januar wird ein Arbeitskreis mit sieben Ratsleuten und Bürgern – auch die anderen 14 Gemeinderatsleute sind dazu eingeladen – die Details des Bott-Umbaus erörtern. Die Mitarbeiter des Gemeindebauhofs könnten die auf 5000 bis 7000 Euro geschätzten Arbeiten stemmen. Unterdessen hat Architekt Steffen Lüttger (Bockenau) die Substanz und die Statik des Gebäudes aus den Jahren 1963/64 geprüft. Sein Fazit: alles in Ordnung, alles machbar. Der Kreis hat der Nutzungsänderung des Hauses zugestimmt und am 16. Januar die Baugenehmigung erteilt. Damit könnte der Umbau sofort beginnen.

Nachdem eine große Gemeinderatsmehrheit dem Projekt zugestimmt hat, scheint im Dorf Konsens darüber zu bestehen, dass man die Familie, so sie denn eingezogen ist, tatkräftig unterstützen will – mit Kleidern und Verpflegung, Sprachunterricht und gar mit Betzenberg-Besuchen bei FCK-Spielen.

Das war nicht von Anfang an so. Denn zunächst gab es auch skeptische Reaktionen. Fünf Bockenauer initiierten eine Unterschriftenaktion, an der sich am Ende gut 100 Bürger beteiligten. Nicht gegen Ausländer und Flüchtlinge hätte sich die Aktion gerichtet, sondern allein gegen den Standort einer solchen Wohnung mitten im Dorf, fasst Ortsbürgermeister Klotz deren Position zusammen. In einem dreiseitigen Brief hatten sie ihm am Morgen des 21. November ihre Meinung im Rathaus unterbreitet; daraufhin hatte Klotz das Schreiben vervielfältigt und es den Ratsleuten anderntags zugestellt. Stand der Unterschriftenaktion heute: Die Initiatoren haben ihr Papier zurückgezogen und ihre Unterstützung für das Flüchtlingsprojekt erklärt. Ortsbürgermeister Jürgen Klotz möchte auf die Unterschriftenaktion eigentlich nicht mehr groß eingehen und sieht in der Initiative einen „normalen demokratischen Prozess widerstreitender Meinungen bei einem Thema“.

Dass Bockenau den Hauskauf und -umbau angehen kann und nicht wie andere Gemeinden bei freiwilligen Ausgaben erst die Kommunalaufsicht um ihr Okay bitten muss, liegt an ihrer tadellosen Kassenlage mit jährlichen Freien Finanzspitzen. Grund sind neben den Gewerbesteuern von Hay (pro Jahr jeweils zwischen 200 000 und 220 000 Euro) vor allem die Einkommensteueranteile des 1250-Einwohner-Dorfs mit 400 000 bis 450 000 Euro. Außerdem: Noch heute zehren die Bockenauer von einer größeren Holzrücklage; beim Jahrhundertsturm Wiebke Anfang März 1990 kam auch im Bockenauer Forst eine erhebliche Menge Fallholz zusammen. Weitsichtig-clever: Das Holz war in Wasser gelagert und später nach und nach verkauft worden. Die Einnahmen lagen bei rund 1 Million Euro; gutes Geld, das den Bockenauer Projekten noch heute zugutekommt.

Leerstände in Bockenau? Das ist in der Gemeinde kein Thema mehr, seit Ortsbürgermeister Klotz in einer saarländischen Gemeinde nachfragte und erfuhr, wie man solche Leerstände beseitigt. Man zahlt Familien, die das Haus von Privat erwerben, einen Zuschuss: 600 Euro pro Jahr, sechs Jahre lang. Für Kinder unter 18 gibt's jeweils 200 Euro. Macht insgesamt und maximal 7200 Euro. So wurden in Bockenau fast alle Leerstände beseitigt – „zwölf Gebäude“, freuen sich Ortsbürgermeister und Gemeinderat jetzt.

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