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Bad Kreuznach

Eine engagierte Vorreiterin nimmt Abschied

Désirée Thorn

Sie ist eine Vorreiterin, eine Kämpferin und eine Institution in Bad Kreuznach. Seit Jahrzehnten setzt sich Marlies Zimmermann für jene ein, die sonst durch jedes Raster fallen. Jetzt verabschiedete sich die Leiterin der Bad Kreuznacher Wohnungslosenhilfe und Initiatorin des Café Bunt in den Ruhestand.

Anstoßen auf den Ruhestand: Die Leiterin der Bad Kreuznacher Wohnungslosenhilfe und Initiatorin des Café Bunt, Marlies Zimmermann, wird zum Abschied von ihrem Team gefeiert. Auch ihr Mann Frieder Zimmermann, Geschäftsführer der Wohnungslosenhilfe, wird ihr schon bald in den Ruhestand folgen.  Foto: Désirée Thorn
Anstoßen auf den Ruhestand: Die Leiterin der Bad Kreuznacher Wohnungslosenhilfe und Initiatorin des Café Bunt, Marlies Zimmermann, wird zum Abschied von ihrem Team gefeiert. Auch ihr Mann Frieder Zimmermann, Geschäftsführer der Wohnungslosenhilfe, wird ihr schon bald in den Ruhestand folgen.
Foto: Désirée Thorn

„Ich brauche mehr Zeit, um zu regenerieren“, sagt die 62-Jährige. Die Schicksale, mit denen Zimmermann konfrontiert wird, beschäftigen sie inzwischen mehr als früher: „Ich konnte damit lange gut umgehen, aber mittlerweile kann ich das nicht mehr so einfach wegstecken.“

Extremsituationen sind ein Teil ihrer Arbeit – gerade im Frauenbereich: Ob es um eine Hilfesuchende geht, die von ihrem Mann aus der Notunterkunft abgeholt und später ermordet aufgefunden wird, oder etwa um die vielen jungen Frauen, die vor häuslicher Gewalt fliehen. Es gibt viele Beispiele die zeigen, dass Marlies Zimmermanns Arbeit wenig mit einem normalen Job gemein hat.

Doch es gibt auch viele Beispiele die deutlich machen, wie wichtig und bewegend die Hilfe sein kann – und dass sie sich häufig auszahlt: „Wenn ich durch die Stadt gehe, sehe ich immer wieder Frauen, die jetzt ein normales, glückliches Leben führen. Zwischendurch braucht man solche Erfolge.“ Mit ihren Kollegen gibt Marlies Zimmermann Hilfe zur Selbsthilfe. Ihre Klienten sollen lernen, eigenständig und verantwortungsbewusst zu leben. Denn: „Wir sind die allerletzte Stufe oberhalb der Straße.“

„Ich arbeite schon immer mit randständigen Menschen“, erzählt die 62-Jährige. Ihr Weg begann mit einer kirchlichen Ausbildung zur Gemeindehelferin. Doch ihren Plan, in die Mission zu gehen, verwarf die gebürtige Norddeutsche, als sie ihren Mann kennenlernte. Marlies Zimmermann absolvierte gerade ein Praktikum in Kassel, als sie dort den Zivildienstleistenden Frieder Zimmermann, den heutigen Geschäftsführer der Wohnungslosenhilfe der Kreuznacher Diakonie, kennenlernte. Sie folgte dem gebürtigen Bretzenheimer in dessen Heimat und heiratete ihn. Als die drei Kinder aus dem Gröbsten raus waren, wurde das Ehepaar auf dem Niederreidenbacher Hof, in dem wohnungslose Menschen untergebracht waren, als Hauseltern eingesetzt. Von Beginn an war Marlies Zimmermann dort für die gesamte Hauswirtschaft zuständig. 1989 ging es für das Ehepaar dann in der Bretzenheimer Eremitage weiter. Zeitgleich holte Marlies Zimmermann ihr Abitur nach.

1990 rückte schließlich ihre Herzensangelegenheit in den Fokus: Sie begann mit der Frauenarbeit, sorgte dafür, dass auch weibliche Wohnungslose Zuflucht in der Eremitage finden. Für die Betroffenen war sie rund um die Uhr da. „Das war eine sehr anstrengende Zeit.“ Doch mit Marlies Zimmermanns Initiative startete eine ganz neue Bewegung. Außer in der Eremitage gab es nur in Mainz und Trier weitere Anlaufstellen für wohnungslose Frauen. Zimmermann wurde zur Vorreiterin, teilte ihre Erfahrungen auch bundesweit im Fachverband Wohnungslosenhilfe, davon zwölf Jahre lang im Vorstand. Gemeinsam mit anderen sorgte sie so für einen Wendepunkt: Die Frauen, die vorher nicht sichtbar waren, sich versteckten oder weggingen, wurden plötzlich von der Öffentlichkeit wahrgenommen.

1992 eröffnete in Bad Kreuznach die erste dezentrale Unterkunft für fünf Frauen. 1993 kamen zwei weitere Paarwohnungen hinzu. Vier Jahre später, im Jahr 1997, während Zimmermann ihr Studium zur Diplom-Sozialarbeiterin absolvierte, führte sie schließlich auch das Café Bunt ein. „Immer mehr Frauen kamen und ich dachte mir: Wir brauchen unbedingt einen Treffpunkt“, erinnert sie sich. In einer ersten Mitteilung schrieb sie vom „Café Bunt“, und sofort hatten sich Name und Angebot etabliert. Während das bis heute spendenfinanzierte Projekt anfangs nur einmal wöchentlich geöffnet war, finden Hilfe suchende Frauen dort inzwischen täglich Beratung, Notunterkünfte oder einen Tagesaufenthalt.

2002 übernahm Marlies Zimmermann dann die Leitung der Wohnungslosenhilfe in Bad Kreuznach. 57 Plätze für wohnungslose Menschen gehören zu ihrem Zuständigkeitsbereich. Rund 30 Mitarbeiter zählen aktuell zu ihrem Team. Eine von ihnen soll nun ihre Position übernehmen: Nach Zimmermanns Rückzug zum 31. Mai wird ihre Stellvertreterin Doris Häfner-Kairo die Leitung übernehmen. „Das wird alles gut weitergehen“, ist sich Zimmermann sicher. Für ihre persönliche Zukunft hat sie hingegen noch keine konkreten Pläne: „ Ich lasse erst einmal alles auf mich zukommen.“

Von unserer Reporterin Désirée Thorn

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