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    Waldlaubersheim

    Ein Ort der Stille an der Autobahn

    Die Waldlaubersheimer Martinskirche ist Autobahnkirche und zugleich Gemeindekirche. Ihre Tür steht tagsüber offen für Reisende, die einen Ort der Ruhe und Besinnung suchen.

    Waldlaubersheim - Die Waldlaubersheimer Martinskirche ist Autobahnkirche und zugleich Gemeindekirche. Ihre Tür steht tagsüber offen für Reisende, die einen Ort der Ruhe und Besinnung suchen.

    Viele Menschen müssen in den vergangenen Monaten an dem kleinen Tisch gesessen haben. Ihre Nöte und Sorgen, ihre Wünsche an Gott, aber auch ihr Dank - all das findet sich in dem Anliegenbuch, das in der Autobahnkirche Waldlaubersheim für alle bereit liegt, die dort Station machen.

    "Herr begleite uns auf unserer Urlaubsreise", heißt es da. Ein paar Seiten weiter schreibt "W." von seiner Sorge, den Führerschein zu verlieren, "Sigrid" hofft auf Beistand für eine Operation und ein anonymer Schreiber berichtet von seiner Verzweiflung über seine gescheiterte Ehe. Schon viele Seiten des dicken schwarzen Buchs sind beschrieben, dabei liegt es erst seit einigen Monaten aus. Und es ist nur eines von unzähligen Exemplaren, das von Reisenden mit Gedanken und Gebetsanliegen gefüllt wurde, seit die evangelische Martinskirche vor 21 Jahren zur Autobahnkirche wurde. Zuvor war das altehrwürdige Gotteshaus mitten im Ort eine "ganz normale" Gemeindekirche.

    Heute steht die Tür immer offen, anders als bei evangelischen Kirchen sonst üblich. Drinnen herrscht Stille. Nicht viel lenkt im schlichten Innenraum das Auge ab. Die Autobahnkirche ist ein Ort der Ruhe, der Rast für die Seele, des Gebets. Und dieses Angebot trifft offenbar den Wunsch vieler, die täglich auf der nahen Autobahn 61 vorbeibrausen. Wieviele Reisende jedes Jahr die Kirche besuchen? "Zählungen gibt es keine", sagt der Stromberger Pfarrer Joachim Deserno, der für das Waldlaubersheim Gotteshaus zuständig ist. Von 2000 Menschen jährlich war vor ein paar Jahren einmal die Rede. Genau weiß es keiner.

    "Es sind eigentlich jeden Tag Besucher hier", sagen Ingrid und Peter Woehl. "Wir staunen selbst darüber." Beide Woehls  kümmern sich mit großem Engagement um das Grün rund um das Gotteshaus. Ehrenamtlich. Manchmal kommen sie dabei mit den Menschen ins Gespräch. Urlauber sind darunter, viele aus Holland. Geschäftsreisende. Aber auch  Brummifahrer, die dem Trubel auf dem nahe gelegenen Rasthof entfliehen wollen. Schon oft hätten sich „interessante Gespräche“ entwickelt, sagt Ingrid Woehl. Vor einiger Zeit beispielsweise mit einem katholischen Geistlichen, der dort eine Rast einlegte. "Der kam aus Rom, aus dem Vatikan", erinnert sie sich.

    Andere suchen das Alleinsein, nicht das Gespräch. Ihre Gebete und Gedanken können sie nicht nur in das Anliegenbuch schreiben, sondern auch an ein großes rotes Holzkreuz heften. Auf einem der angehefteten Zettel dankt „Valeska“ Gott für ihre beiden Söhne, „sie bleiben das größte Geschenk, das ich je erhalten habe“, schreibt sie. In einer Ecke neben dem Altar können Kerzen angezündet werden, ein Faltblatt mit Psalm, Lied, Evangeliumsvers und Segen liegt zum Mitnehmen bereit.

    Es dürfte indes kaum jemanden geben, dessen Schicksal so sehr mit der Autobahnkirche verwoben ist, wie das von Thomas Koelewijn. Der gebürtige Holländer und pensionierte evangelische Pfarrer wohnt seit drei Jahren in Waldlaubersheim. Doch seine erste Begegnung mit der Kirche liegt viel länger zurück, damals lebte die Familie noch in Ingelheim.

    Es ist eine traurige Geschichte, die Koelewijn erzählt. Von der Zeit im Mai 1992, als sich sein ältester Sohn das Leben nahm, wenige Tage nach seinem 21. Geburtstag. Im Auto, in dem sich der junge Mann getötet hatte, fand die trauernde Familie eine Karte mit der Abbildung einer Kirche. Aber keinen Abschiedsbrief, keine Erklärung. Die Karte zeigte die Waldlaubersheimer Autobahnkirche, wie sich später herausstellte. Dort fand die Familie schließlich die erhofften Abschiedsworte. Offenbar war der junge Mann kurz vor seinem Suizid dort gewesen, hatte in der Kirche einige Zeilen hinterlassen. 

    „Danach sind wir immer wieder in diese Kirche gekommen“,  berichtet Koelewijn. Vor ein paar Jahren führte das Leben Koelewijn und seine Frau dann ganz nach Waldlaubersheim. Ihre Tochter kaufte dort ein Haus, sie zogen ins Nachbarhaus. Der Pfarrer predigt sogar ab zu in der Kirche, wenn es sich ergibt. Inzwischen verbindet ihn indes mit der Autobahnkirche noch eine weitere traurige Erinnerung. Die Erinnerung an das Weihnachtsfest vor einem Jahr. Denn es war der letzte Weihnachtsgottesdienst, an dem die ganze Familie in holländischer Sprache das Lied „Ehre sei Gott in der Höhe“ singen konnte. Im Sommer ist Koelewijns Frau gestorben. „Wir wussten schon damals, dass es unser letztes Weihnachten ist“, blickt er zurück. Und ergänzt: „Diese Kirche hat tatsächlich eine besondere Bedeutung für mich.“

    Einen eigenen Pfarrer haben die evangelischen Christen in Waldlaubersheim nicht mehr. Alle zwei Wochen hält der Stromberger Pfarrer Deserno Gottesdienste in der Martinskirche ab, denn auch Gemeindekirche ist sie weiterhin. In den Anfangsjahren als Autobahnkirche war das anders – damals konnte sogar dank dieser Funktion eigens eine Pfarrstelle geschaffen werden. Zeitweise wurden abends regelmäßig Andachten für Autofahrer gehalten. „Bis 2002 war diese Sonderdienststelle besetzt“, sagt Presbyter Andrzej Theobald. Danach wurde sie wegrationalisiert. Und die Reisenden sind wochentags unter sich.

    Waldlaubersheimer finden nämlich außer an Sonntagen kaum zum Gotteshaus. „Viele Einwohner wissen gar nicht, wie wertvoll dieser Ort ist“, bedauern Woehls. „Man kann hier wirklich abschalten und zur Ruhe kommen.“

    Silke Jungbluth-Sepp

    Bad Kreuznach
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