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Kreis Bad Kreuznach

Bundestrainer des Oeffentlichen analysieren: Trauert oder jubelt die Fußball-Nation heute?

Kreis Bad Kreuznach. Manche denken ja jetzt schon wieder ans Finale. Doch beim Endspiel heute gegen Südkorea geht es erst einmal darum, die Vorrunde zu überstehen. Zu diesem Spiel und zum bisherigen Verlauf der Fußball-Weltmeisterschaft haben sich auch sechs berufene Bundestrainer des Oeffentlichen Anzeigers ihre Gedanken gemacht.

Dem goldenen Weltpokal so nah: Nathalie und Fabrice Herberger (beide aus Bad Münster am Stein-Ebernburg) erlebten in Sotchi mit, wie Deutschland sich gegen Schweden noch eine echte Chance auchs Achtelfinale erspielte. Foto: Herberger
Dem goldenen Weltpokal so nah: Nathalie und Fabrice Herberger (beide aus Bad Münster am Stein-Ebernburg) erlebten in Sotchi mit, wie Deutschland sich gegen Schweden noch eine echte Chance auchs Achtelfinale erspielte.
Foto: Herberger

Foto: stefan munzlinge

Marian Ristow: Ich gebe zu, auch mir hat am Samstagabend der Glaube gefehlt, dass wir das Ding noch drehen. Umso schöner, dass es geklappt hat. Die WM hat bisher aus deutscher Sicht hat vor allem zwei Dinge gezeigt. Erstens: Ruhm ist vergänglich. Spott und Häme trafen den Weltmeister, die Show in Brasilien vor vier Jahren hat nach der Schlappe gegen Mexiko niemanden mehr interessiert. Zweitens: Jogi Löw absolviert einen Tanz auf der Rasierklinge. Ist seine Ruhe die Unbeirrbarkeit eines großen Visionärs, dessen Masterplan den Sieg bringt, oder die entrückte Arroganz eines Mannes, der die Bodenhaftung verloren hat und nicht sieht, welchen Mist sein Liebling Mesut Özil de facto seit Monaten fabriziert? Löws Auftritte bei Pressekonferenzen, bei denen jeder Anflug von Kritik weggeschwäbelt wird, geben Rätsel auf. Selbst den Jubel nach dem 2:1-Siegtreffer von Toni Kroos nimmt man ihm nicht mehr ab. Dieser Mann hat genug von diesem Zirkus, so mein Eindruck – zu Recht. Wer heute gefeiert wird, kann schon morgen der Trottel der Nation sein. Und wir, die Journaille, tragen unseren Teil dazu bei. Meine Prognose: Falls wir im Achtelfinale gegen Brasilien kommen sollten, ist Schluss. Und für Löw nach dem Turnier ebenfalls.

Foto: Silke Bauer

Silke Bauer: Ich bin so emotional, dass mich selbst Werbespots zu Tränen rühren, doch wenn es um Sport geht, vor allem um Fußball, setzt eine Art Gefühlskälte bei mir ein: Die Nation weint wegen eines vergeigten Spiels gegen Mexiko, ich kaue ungerührt weiter Chips und plane bereits die Einkaufliste für den morgigen Tag. Die Wahrheit ist: Ich schaue mir die Spiele nur an, damit ich verstehe, worüber die Kollegen am nächsten Tag diskutieren. Umso überraschter war ich, als ich am Samstagabend feststellte, dass mir das Tor von Toni Kroos gegen die Schweden in der letzten Minute tatsächlich ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Für wenige Sekunden war alles glasklar: Ich verstand, was Millionen von Fans am Fußball finden. Das Gefühl der sportlichen Erleuchtung ist zwar längst wieder abgeflaut, hat aber immerhin eine positive Grundstimmung hinterlassen. Ich denke, dass Deutschland Südkorea 1:0 schlagen wird.

Foto: Silke Bauer

Harald Gebhardt: Ich bin optimistisch. Was soll jetzt noch schiefgehen? Unser Pechkontingent haben wir bei der WM mit den drei Halbzeiten gegen Mexiko und Schweden schon erschöpfend ausgeschöpft. Jetzt greifen wir an: Mit Mario Gomez (der ist den Asiaten beim Kopfball kopfhoch überlegen), Timo Werner, Marco Reuß und Thomas Müller setze ich voll auf Offensive. Mach’s noch einmal, Toni! Nach der fast schon überzeugenden 2:1-Last-Minute-Tortur gegen Schweden, tippe ich jetzt auf ein verdientes 1:0 (weil torhungrig sind wir ja nicht gerade) in der 90 + 4. Minute durch ein Eigentor der Südkoreaner. Das reicht für Jogis Duseltruppe. Und wenn nicht, gewinnen wir eben hinterher: Ich setze voll auf unser Losglück. Dann kann Gary Lineker seinem Spruch von den 22 Männern, die einem Ball nachrennen und am Ende gewinnen immer die Deutschen, eine neue Pointe geben. Wir kommen weiter – allein schon, weil der Ball rund ist und ins Eckige muss, ein Spiel 90 plus fünf Minuten dauert, nach dem Spiel vor dem Spiel ist und wir außerdem eine Turniermannschaft sind.

Foto: rainer gräff

Stefan Munzlinger: Halbfinale 2002: Deutschland schlägt WM-Mitgastgeber Südkorea mit 1:0. Und das auch erst mit einem Knaller aus Elfmetern, bei dem Ballack zunächst am Torwart scheiterte, den Ball mit Namen „Fevernova“ im Nachschuss dann aber doch noch versenkte. Die damaligen Südkoreaner waren, vor heimischer Anfeuerkulisse, bärenstark, zauberten, spielten schnelle Kombinationen. Und wer die 2018er Truppe am Samstag gegen Deutschland-Bezwinger Mexiko gesehen hat, weiß: Auch die kann Fußball. Und hat nichts zu verlieren, kann mit Minimalchance gar noch weiter kommen. Ob sie selbst dran glaubt? Keine Ahnung, aber fleißig, diszipliniert – Asiaten eben – ist das Team durchaus. Und wir? Waren in den Finals 1954, 1966, 1974, 1982, 1986, 1990, 2002, 2014 ... Klar fiebere ich mit Jogis Jungs, will, dass sie 3:0 gewinnen. Aber wenn sie rausfliegen, wäre es mit der ohnehin nicht ausufernden WM-Stimmung vorbei. Kein Drama. Dann nehmen wir halt neu Anlauf für die am 21. November 2022 beginnende 22. Fußball-WM in Katar. Wenn wir die Quali schaffen ...

Foto: silke bauer

Kurt Knaudt: Auch wenn mit dem Sieg gegen Schweden die erste schwere Last von meinen Schultern gefallen ist: Jetzt bloß Südkorea nicht unterschätzen, lautet das Gebot der Stunde. Da erwartet jetzt jeder automatisch einen (klaren) Sieg. Aber auch Mexiko hat sich gegen die quirligen, disziplinierten Asiaten schwergetan. Dennoch: Ich tippe 2:0. Und wenn wir erst mal die Vorrunde überstanden haben, ist alles möglich. Zumal auch vor vier Jahren in Brasilien auf dem Weg zum vierten WM-Stern längst nicht alles eitel Sonnenschein war. Da gab es ein mageres 2:2 im Vorrundenspiel gegen Ghana und ein mühsames 2:1 nach Verlängerung im Achtelfinale gegen Algerien. Aber so sehr ich mir den fünften Stern auch herbei sehne: Frankreich, Spanien, Brasilien, Kroatien und selbst England sind diesmal einfach stärker.

Foto: silke bauer

Doris Mucha tippt 3:1 für Deutschland. Zur WM gehört für mich seit 2010 das gemeinsame Anschauen der Deutschlandspiele mit Freunden und Familie. Damit es kulinarisch nicht langweilig wird, sollten in diesem Jahr typische Gerichte (oder was wir Deutsche dafür halten) aus der Küche des jeweiligen Gegners gereicht werden. So machten wir uns beim ersten Spiel genüsslich über Chili con Carne, Tacosalat und mexikanisches Bier her. Nach dem Sieg der Mexikaner wurde geunkt, dass die Wahl der Speisen und Getränke den Ausgang des Spiels beeinflusst haben könnte. Aus dem Scherz erwuchs der feste Entschluss: Ab jetzt wird nur noch gegrillt. Zunächst war ich enttäuscht, hatte ich mich doch schon sehr auf schwedisches Köttbullar gefreut. Mit Blick auf das Spiel gegen Südkorea bin ich jedoch froh, dass es Steaks und Wurst statt vergorenem Kohl – dem traditionellen südkoreanischen Kimchi – gibt.

Gässje fragt sich: Kopf oder Bauch: Wer tippt besser?

Ob es wirklich ein gutes Omen ist, dass diese Studie ausgerechnet aus Kaiserslautern kommt? Ein Professor und ein Doktorand haben in der Stadt des zum Drittligisten degenerierten viermaligen Deutschen Meisters an der dortigen Technischen Universität intensiv geforscht, um eine wahrhaft existenzielle Frage zu beantworten: Was ist das Geheimnis erfolgreicher Prognosen bei einer Fußball-WM?

 Konkret: Ist ein ehemaliger Welttorhüter wie Olli Kahn, der sich inzwischen als Experte im ZDF verdingt, automatisch auch ein begnadeter Tipper? Oder ist es besser, nur alle vier Jahre WM zu schauen und sich ansonsten gar nicht um Fußball zu kümmern? Am Ende läuft wieder alles auf die ewige Streitfrage hinaus: Kopf oder Bauch? Das Ergebnis lautet: beides. Es ist auf jeden Fall beruhigend, dass Sachverstand nicht nur nicht schadet, sondern hilfreich ist – was vielleicht auch ein gewisser Fernsehkommentator na- mens Bela Rethy beherzigen sollte. Expertentum allein aber reicht nicht. Am besten schnitten im Tipp-Versuchslabor nämlich jene Probanden ab, die nicht nur Ahnung vom Fußball haben, sondern zudem auch noch auf ihr Bauchgefühl gehört haben. Zu langes Nachdenken aber kann sogar schaden. Erkenntnisse, die bestätigen, was einem schon der gesunde Menschenverstand sagt – und die definitiv nicht nur beim Fußball, sondern auch im richtigen Leben gelten. kuk

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