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Bad Kreuznach

Bouldern ist wie ein Tanz in der Vertikalen: Halle im Industriegebiet seit einem Jahr geöffnet

Cordula Kabasch

An der Wand ist alles weg. Stress im Beruf, Ärger im Privatleben – wer drei, vier Meter über dem Boden an einer Steilwand hängt, sich an farbigen Griffen festklammert und seinen Weg nach oben sucht, der kann an nichts anderes mehr denken als an die nächsten paar Zentimeter in Richtung Hallendecke. So jedenfalls schildert Margit Heieck, Inhaberin der Boulderhalle im Bad Kreuznacher Industriegebiet, den Reiz des ungesicherten Kletterns. „Das hat etwas Meditatives“, findet sie.

Alexandra Opp und Felix Heieck in ihrem Element: Die beiden geübten Boulderer erklimmen fast jede Steilwand in der Gravity-Halle in der Industriestraße in Bad Kreuznach. Fotos: Cordula Kabasch
Alexandra Opp und Felix Heieck in ihrem Element: Die beiden geübten Boulderer erklimmen fast jede Steilwand in der Gravity-Halle in der Industriestraße in Bad Kreuznach. Fotos: Cordula Kabasch
Foto: cob

Seit einem Jahr gibt es die Boulderhalle Gravity in der Industriestraße, und seitdem haben Hunderte Kinder, Jugendliche und Erwachsene ihren Weg dorthin gefunden. Bei Kindergeburtstagen ist die Halle ebenso angesagt wie bei Erwachsenen, die abends nach einem langen Arbeitsstag Entspannung suchen – und auch finden.

Trance-Musik läuft im Hintergrund. Es ist recht ruhig im Eingangsbereich, der beachtliche Ausmaße hat. Ab und an kommen Kunden, bezahlen an der Kasse, und verschwinden im Innern der Halle. Eine Gruppe junger Männer versucht während der Kletterpause, über eine nur wenige Zentimeter über dem Boden der Vorhalle gespannte Slackline zu balancieren. Doch sie geben bald auf, wollen lieber etwas entspannen und sinken müde auf die grünen Stühle. „Oh, meine Finger machen gerade ,zischsch' ...“, sagt einer der Jungen, der sich im Bistrobereich eine Flasche Wasser geholt hat. Zur Abkühlung wedelt er immer wieder mit den Händen.

In der von außen eher unscheinbaren Boulderhalle im Bad Kreuznacher Industriegebiet klettern zumeist junge Leute unter 50 Jahren, wobei die Inhaber Margit und Horst Heieck selbst eine Ausnahme bilden. Die Mittfünfziger eröffneten am 1. April 2017, haben damit ihren großen Traum erfüllt und ihr Hobby zum Beruf gemacht. Angefangen haben sie mit Seilklettern in den Bergen, ehe sie das Bouldern für sich entdeckten. Den passionierten Kletterern ist eine lockere Atmosphäre wichtig. Leistungsdruck ist ihnen ein Fremdwort, statt dessen sind alle, Inhaber wie Kunden, untereinander per Du und stolz darauf, sich mit Tipps zur Seite zu stehen.

„Gerade für Anfänger wie mich ist das toll“, sagt Nicole Bürkle (44), die zweimal pro Woche nach der Arbeit herkommt und das Bouldern auch als Therapie gegen ihre Höhenangst sieht. Beim ersten Mal haben sie Freunde überredet mitzukommen. Sie überwand sich. „Aber ich hatte echt weiche Knie“, sagt sie lachend, als sie an ihre erste Boulderroute in der Halle denkt. Dabei ist der Boden mit 30 Zentimeter dicken, grünen Matten ausgepolstert, und Unfälle kommen fast gar nicht vor, wie Margit Heieck betont. Die überhängenden Wände mit ihren schwarzen oder blauen Haltegriffen hat Nicole Bürkle als Anfängerin natürlich gemieden, denn das sind die schwersten Routen und nur geübten Kletterern zu empfehlen, so wie Alexandra Opp (37) aus Mandel und Felix Heieck (21) aus Rockenhausen, der als Sohn der Inhaber mit dem Bouldern groß geworden ist.

Inhaberin Margit Heieck (55) verleiht auch Boulderschuhe. Die meisten klettern aber barfuß.
Inhaberin Margit Heieck (55) verleiht auch Boulderschuhe. Die meisten klettern aber barfuß.
Foto: cob

„Das ist ein Tanz in der Vertikalen“, sagt Alexandra Opp, für die kaum eine Stelle in der Halle zu steil oder hoch ist, um sie zu erklettern. Seit 20 Jahren bouldert sie, einfach weil sie Freude an der Bewegung hat, wie sie sagt. Wenn sie in der grauen Wand hängt, die Füße auf unterschiedlich großen dicken Griffen, die Hände an weitere Halteboller gekrallt, dann ist es für sie wohl der Flow, der sie fasziniert – das beglückende Gefühl, ganz darin aufzugehen, sich einen Weg nach oben zu bahnen. Mühelos schaut das aus, als sei sie in ihrem angeborenen Element. Fast wie eine Spinnenfrau, die der Schwerkraft trotzt. Doch das erfordert ein Trainingslevel, bei dem die meisten Besucher in der Halle an diesem Tag nicht mithalten können. „Das ist schon ziemlich anstrengend“, sagt Christiane Karsch aus Bad Kreuznach dazu, die an diesem Abend als Betreuerin einiger Teenager einer Jugendhilfeeinrichtung hergekommen ist. „Aber es macht richtig Spaß!“ Die jungen Leute stimmen ihr zu und treten gegeneinander auf Zeit an, um zu sehen: Wer schafft die meisten Routen?

Das war auch eine Aufgabe beim Boulder-Cup, den Margit und Horst Heieck als Jahresfeier ausgerichtet haben. 35 Erwachsene und 15 Kinder haben neu eingesetzte Routen getestet und sind gegeneinander angetreten. „Das kam super an“, berichtet die Inhaberin. Für die Zukunft möchte sie einfach weitermachen wie bisher, möchte andere von dem begeistern, was sie am liebsten mag: den Tanz in der Vertikalen.

Von unserer Redakteurin Cordula Kabasch

Fast rund um die Uhr geöffnet

Die Gravity Boulderhalle in der Industriestraße 12 in Bad Kreuznach ist von montags bis samstags von 11 bis 23 Uhr geöffnet, sonn- und feiertags von 10 bis 23 Uhr. Der Eintritt kostet für Erwachsene 9 Euro (Tageskarte), für Jugendliche von 14 bis 17 Jahren 8 Euro und für Kinder von 4 bis 13 Jahren 6,50 Euro. Familien zahlen 22 Euro.

Jugendliche ab 14 Jahren dürfen mit Einverständniserklärung der Eltern ohne erwachsene Begleitperson bouldern. Wer Gastkinder mitnimmt zum Bouldern (etwa auf Kindergeburstagen), sollte eine Einverständniserklärung der Eltern vorlegen. cob

Bad Kreuznach
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