40.000
Aus unserem Archiv
Kirn

Bartzen-Beichte entfacht Diskussion zu Tabuthema – Pfarrer in Klinik gut aufgehoben

Es ist ein komplexer Fall, der nicht nur in Kirn für viel Diskussionsstoff sorgt: Der katholische Pfarrer Heribert Barzen hatte sich mit einem 23-jährigen Flüchtling sexuell eingelassen, der am 9. Dezember 2016, also vor genau einem Jahr, Suizid beging. Strafrechtlich ist dem Geistlichen nichts vorzuwerfen.

Foto: Kovac – Fotolia

Mit seiner moralischen Schuld aber quälte er sich ein Jahr, bevor er – in Abstimmung mit Bischof Stephan Ackermann (Trier) und Dechant Günter Hardt (Bad Sobernheim) – den Weg in die Öffentlichkeit suchte: Nach seiner ebenso aufwühlenden wie glaubwürdigen Beichte im Gemeindebrief der Pfarreiengemeinschaft Kirn hat er sich – psychisch schwer angeschlagen – in eine psychiatrische Klinik zurückgezogen.

Das war eine absolut richtige Entscheidung: Denn sonst wäre er – in seiner Verfassung gefährlich – den Anfeindungen und negativen Reaktionen, die es neben den positiven Stimmen vor allem auf der Straße und im Internet gibt, schutzlos ausgeliefert.

In der Klinik fühle er sich gut aufgehoben, berichtet der Dechant. Er habe jetzt endlich den Kopf ein bisschen freier, um sich auf die Therapie und die Aufarbeitung des Geschehenen konzentrieren zu können, weiß Hardt, der weiter Kontakt zu dem 52-Jährigen hält.

Ökumenische Flüchtlingshilfe: „Missbrauch eines erwachsenen Schutzbefohlenen“

Die Reaktion der Ökumenischen Flüchtlingshilfe in Kirn kann Hardt nachvollziehen. Er empfindet es als fair, dass deren Sprecher Volker Dressel vorher das Gespräch mit ihm gesucht habe. Dessen Äußerungen – er spricht von „Missbrauch eines erwachsenen Schutzbefohlenen“ – sind eine Gratwanderung: Denn als evangelischer Pfarrer hat er eng mit Heribert Barzen zusammengearbeitet, mit dem ihn nach eigener Aussage „viele kostbare berufliche Erfahrungen“ verbinden.

Missbrauch: Dressel meint das nicht im strafrechtlichen, sondern im kirchlich-moralischen Sinne. Andere sehen das weniger streng. Sie verweisen darauf, dass es sich um zwei erwachsene Menschen handelt, die Sex miteinander hatten – und machen es sich damit zu einfach. Denn der Flüchtling hatte beim Pfarrer Halt und Schutz gesucht: Das ist ein besonderes Verhältnis. Heribert Barzen selbst hat ja erkannt, dass er das Vertrauen des schwer traumatisierten Syrers ausgenutzt – man könnte auch sagen missbraucht – hat. Wer aber will nach seinem schonungslos offenen Bekenntnis im Pfarrbrief und nach einem Jahr voller Seelen- und Gewissensnot noch den Stab über ihn brechen. Das wäre nicht nur im kirchlichen Sinne unbarmherzig und gnadenlos. Jetzt sind Vergebung und Verzeihen angebracht.

Der Initiative geht es darum, dass auch des jungen Flüchtlings als Opfer gedacht wird. Dessen Schicksal von den Erlebnissen in seinem Heimatland bis hin zu seinem Freitod ist extrem tragisch. Dressel kritisiert im Namen der Initiative, dass „diejenigen, die dem Opfer nahestanden, bisher mit keinem Wort erwähnt“ wurden. Das ist richtig. Die Aufarbeitung des Falls, ob öffentlich oder intern, wird aber auch dadurch erschwert, dass homosexuelle Kontakte in der muslimisch geprägten syrischen Gesellschaft ein absolutes Tabuthema sind – mehr noch als früher bei katholischen Pfarrern, über deren homosexuelle Neigungen die Kirche schon länger stillschweigend hinwegsieht. Es sei denn, die Beziehung ist so heikel wie bei Heribert Barzen. Am völlig aus der Zeit gefallenen Zölibat hält der Vatikan aber nach wie vor fest.

Etliche Reaktionen waren "deutlich unter der Gürtellinie"

Auch Günter Hardt hat nach den Solidaritätsbekundungen in den Gremien der Pfarreiengemeinschaft und seitens der Gemeinde in dieser Woche etliche Reaktionen erhalten, darunter auch einige deutlich unter der Gürtellinie: „Aber damit habe ich gerechnet. Ich bin ja nicht blauäugig“, sagt der Dechant. Wie immer äußern sich manche, „obwohl sie offensichtlich weder den Pfarrer noch den Fall näher kennen“.

Wie es mit Heribert Barzen weitergeht, soll nach Abschluss seiner Therapie entschieden werden. Der Trierer Bischof Stephan Ackermann hatte sein Angebot angenommen, auf die Pfarrstelle in Kirn zu verzichten. Sie wird jetzt vertretungsweise von Günter Hardt verwaltet. Auf die Frage, ob sie wieder besetzt wird, antwortet der Dechant mit einem klaren Nein. Im Bistum Trier gebe es zurzeit 20 vakante Pfarrstellen, darunter auch die im Guldenbachtal/Langenlonsheim.

Kirn
Meistgelesene Artikel
Anzeige
Anzeige
Online regional

Bettina TollkampBettina Tollkamp
Chefin v. Dienst
E-Mail

News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach
UMFRAGE
Markt am Samstag?

Das Mainzer Markt-Frühstück ist ein Kult-Event. Wäre das auch etwas für Bad Kreuznach?

Anzeige
Regionalwetter
Freitag

16°C - 26°C
Samstag

16°C - 29°C
Sonntag

17°C - 29°C
Montag

17°C - 30°C
epaper-startseite