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Bad Kreuznach

Babbelschnut mit spitzer Feder – Hombes werd heid 80

Er iss e Kreiznacher Gässje, mit Haut unn Hoor. E Babbelschnut, wie se im Buch steht, däde die Kreiznacher saan. Immer gerade heraus. Einer mit Ecken und Kanten – der polarisiert, aber auch viele Freunde, Anhänger und Fans hat. Menschen, die ihn verstehen. Denn das ist gar nicht so einfach, weil Rudolf Hornberger schwätzt, wie em's Maul gewachs iss. Mehr noch: Als „Hombes“ publiziert er sein Kreiznacher Platt in Lautschrift, nennt es Mundart, lästert über Gott und die Welt oder erzählt gedichtete Geschichten, auch Schdiggelcher genannt, aus seinem Leben.

Der Hombes auf dem heißen Stuhl - der Seniorrocker mit dem Herz für Mundart bewegt seit zwölf Jahren seine 550er Yamaha.
Der Hombes auf dem heißen Stuhl - der Seniorrocker mit dem Herz für Mundart bewegt seit zwölf Jahren seine 550er Yamaha.
Foto: Gustl Stumpf

Bad Kreuznach - Er iss e Kreiznacher Gässje, mit Haut unn Hoor. E Babbelschnut, wie se im Buch steht, däde die Kreiznacher saan. Immer gerade heraus. Einer mit Ecken und Kanten – der polarisiert, aber auch viele Freunde, Anhänger und Fans hat. Menschen, die ihn verstehen. Denn das ist gar nicht so einfach, weil Rudolf Hornberger schwätzt, wie em's Maul gewachs iss. Mehr noch: Als „Hombes“ publiziert er sein Kreiznacher Platt in Lautschrift, nennt es Mundart, lästert über Gott und die Welt oder erzählt gedichtete Geschichten, auch Schdiggelcher genannt, aus seinem Leben.

Heute, am 27. Juli 2011, feiert er seinen 80. Geburtstag. Im Sternzeichen des Löwen geboren, lädt Hornberger entsprechend launig wie vielsagend zur Raubtierfütterung ein und schwadroniert: „Das dort zur Schau gestellte Tier kann bedenkenlos besichtigt und gestreichelt werden. Der Altlöwe sieht schlecht, hört ums Ve’recke nit, und ach sonst macht er, was er will.“ Typisch Hombes-Humor, gespickt mit Selbstironie. Künstlerisch durchaus bemerkenswert.

Adrett gestriegelt: Typ James Dean
Um diese Geschichte zu schreiben, habe ich mich mit Rudolf Hornberger verabredet. Um 15 Uhr im Bistro am Salinenplatz. Dort sitzt er häufig, trinkt einen Kaffee und hält Reden. Die Leute kennen und schätzen ihn. Als er mir gerade von seiner sportlichen Vergangenheit als junger Bursche erzählen will, fällt ihm eine Frau vom Nebentisch aus ins Wort. „Ach, das iss ja de Hombes. Darf ich Dir einen ausgeben“, ruft sie. Sie darf. Hornberger bestellt eine Apfelsaftschorle und prostet der Dame zu. Danach erfahre ich, dass er mehrfacher Rheinlandmeister der Junioren war: im Weitsprung, mit der Sprintstaffel, im Speerwurf und im Kugelstoßen. Ganz der Vater also. Der hieß Karl, war sogar Deutscher Meister und sprang in den 20er-Jahren 7,33 Meter weit.

Zum Beweis zeigt „Hombes“ mir Fotos, die ihn im Leichtathletikdress zeigen. Und als jungen Mann. Adrett gekleidet und gestriegelt – Typ James Dean. Übrigens auch Jahrgang 1931. Seine Filme hat „Hombes“ alle gesehen und erinnert sich an die 50er-Jahre. Eine harte Zeit. „Ich hab’ geheiratet und musste Geld verdienen“, erklärt er, warum die Sportlerlaufbahn keine Fortsetzung fand. Nach dem Besuch des Internats in St. Goarshausen („Do iss e Bomb druff geflo, do war’s aus“) fängt er mit 16 auf der Sparkasse an. „Ich war froh, wie ich die Stell hat“, blickt Hornberger zurück. Kein Wunder: Das Geld war knapp.

Deshalb hielt sich auch die Kundschaft in Grenzen. „Es war jo nix do. Ke Kredit, ke Sparer. Einen Wechsel hatte me, awwer der war nur zum angucke“, lässt „de Hombes“ die Vergangenheit auf seine ureigene Weise Revue passieren. „Ich honn die Satzung gelernt. Unn die Kolesche honn an de Noh gesess’ unn die Briggeheiser gemolt. So war das.“

Damit kein falscher Eindruck entsteht – schwierige Zeiten eben. „Hier hott ke Haus mehr gestann“, unterstreicht Hornberger. Und: „Die Sparkass’ hott mich ernährt.“

48 Jahre dauerte die Zweckgemeinschaft. Bis zur Pensionierung. Nur seiner Frau Rosel hält „Hombes“ noch länger die Treue. Seit 57 Jahren sind die beiden verheiratet. „Das muss e Fraa ercht emmo aushalle kenne“, frotzelt er. Ich notiere und bemerke einen Mann neben uns am Tisch. Er zögert, wagt nicht, unser Gespräch zu unterbrechen, tut es aber unbewusst allein durch seine Gegenwart. „Jetzt nit“, blockt Hornberger zunächst ab. Der Mann bleibt hartnäckig. „Ein Geschenk,“ sagt er, drückt „Hombes“ ein Buch in die Hand und bittet um eine Widmung. „Hombes“ kritzelt etwas auf die Innenseite des Deckels. Als der Mann ihn dann in einer Mischung aus Neugier und Dankbarkeit anstrahlt, sagt er: „Du musch ganz langsam unn laut lese, dann kimsche aach dehinner.“

Der Altlöwe und Unruheständler
Unglaublich, wie Hornberger mit seiner Provinz-Popularität spielt. Eine Popularität, die er bis zu einem gewissen Grad auch durch seine Nebentätigkeit als Fotograf für unsere Zeitung erlangt hat. Seit Anfang der 60er-Jahre. Einer der ersten Termine führte ihn nach Bärenbach bei Kirn. Zu einem Fußballspiel. „Mojns um elf bin ich mit meinem Moppedche losgefahr“, schildert Hornberger. „Unn owwends um siwwe hatte die Zeitung es Bild. Zehn Mark honn ich kriet – unn für e Mark fuffzich honn ich Benzin vefahr.“ Bis Mitte der 90er-Jahre geht das so. „Samsdachs unn sunndachs bin ich für de Öffentliche dorum gezoo.“ Hombes-Deutsch. Daheim stapeln sich unterdessen die wertvollen Objektive. Geraten in Vergessenheit.

Jetzt greift der Unruheständler immer häufiger zur Feder. Zur spitzen Feder. Hintergründig glossiert er die Alltäglichkeiten des Lebens, verleiht ihnen augenzwinkernd einen teils absurden, teils treffenden Anstrich, rockt sozusagen die Mundart. Die Zeitungskolumne „Em Hombes in die Fiiß gelaaf“ wird zum Dauerbrenner. Acht Bücher veröffentlicht der junge Alte mit der poetischen Ader. Sich selbst charakterisiert er so: Das Schönste ist es, Mann und Kind zu sein. Von Gustav Mahler. Oder doch Theodor Fontane? Sei’s drum. „Irgendwie fühle ich mich kindlich“, sagt Hornberger. „Gar nicht wie 80.“

Jetzt kommen die Eigenschaften des Löwen zum Tragen. Stärke, Mut, Selbstbewusstsein. Und ein Hauch Gelassenheit. „Ich bin zufrieden mit dem, was ich habb“, beantwortet er die Frage nach seinem Geburtstagswunsch. Ehefrau Rosel ist nach wie vor an seiner Seite. Das bedeutet ihm viel. Ebenso wie seine Kinder, Sohnemann Matthias und Tochter Ute, sowie die fünf Enkelcher. „Do geht die Post ab“, weiß Hornberger schon, wer an seinem Jubeltag den Ton angibt. Trotzdem: Ein paar seiner Gedichte, die berühmten Schdiggelcher, und weitere Anekdötchen wird er sicherlich auch zum Besten geben. Der Mann mit den Ecken und Kanten. So wie an diesem Nachmittag im Bistro, seinem Lieblingslokal, gleich hier um die Ecke. Gustl Stumpf

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