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Bad Ems/Koblenz

Wer prügelte Bad Emser an der Wipsch tot? Prozess gegen 50-Jährigen wirft immer mehr Fragen auf

Eugen Lambrecht

In einer Wohnung an der Wipsch in Bad Ems wurde Wolfgang D. von Polizeibeamten tot aufgefunden. Der Tat beschuldigt wird ein Bekannter des Opfers. Aber ist der 50-Jährige wirklich der Täter?

In einer Wohnung an der Wipsch in Bad Ems wurde Wolfgang D. (Name geändert) von Polizeibeamten tot aufgefunden. Der Tat beschuldigt wird ein Bekannter des Opfers. Der Mieter der Wohnung hingegen war wohl nur Gastgeber und bei Eintreffen der Polizei nicht ansprechbar.  Foto: Tobias Lui
In einer Wohnung an der Wipsch in Bad Ems wurde Wolfgang D. (Name geändert) von Polizeibeamten tot aufgefunden. Der Tat beschuldigt wird ein Bekannter des Opfers. Der Mieter der Wohnung hingegen war wohl nur Gastgeber und bei Eintreffen der Polizei nicht ansprechbar.
Foto: Tobias Lui

Wolfgang D. (alle Namen von der Redaktion geändert) war depressiv und alkoholkrank – aber ein Mann mit dem Herz am rechten Fleck. Einer, der nie viel hatte, aber das bisschen, was ihm blieb, mit anderen teilte. Einer, der auf der Straße lebte, aber Geld spendete. Einer, der im Winter sein einziges Paar Handschuhe jemandem schenkte, dem es noch dreckiger ging als ihm selbst. So zumindest erzählt es eine Sozialarbeiterin vom Deutschen Roten Kreuz – und kämpft dabei mit den Tränen.

In den frühen Abendstunden des 12. Dezember vergangenen Jahres finden Polizisten Wolfgang D.s Leiche in einer Wohnung an der Wipsch in Bad Ems. Der leblose Körper lehnt im Badezimmer an einer Heizung, die Hose bis zu den Knien heruntergezogen, das Gesicht übersäht mit Platzwunden. Die Beamten ziehen eine Ärztin hinzu. Ihr ist schnell klar: Der Mann muss infolge äußerer Gewalteinwirkung verstorben sein.

Seit Mitte Juni muss sich Wladimir E. (50) vor dem Landgericht Koblenz verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft dem vorbestraften Trinker vor, D. an jenem Dezembertag während eines Saufgelages totgeprügelt zu haben. Laut Anklage schlug E. zuerst mit der Faust auf D.s Gesicht und traktierte ihn dann mit einer Jägermeisterflasche. Stunden später soll D. seinen Verletzungen erlegen sein. Doch nach zwei Prozesstagen erhärten sich die Zweifel an diesem Tathergang. Es drängt sich die Frage auf: Wird Wladimir E. zu Unrecht beschuldigt?

Ein Donnerstag im Juli, Sitzungssaal 128: Wladimir E. kauert schweigend neben seinem Anwalt. Nachdem er am ersten Prozesstag mit verschrobenen Äußerungen auf sich aufmerksam machte und den Prozess als Irrenanstalt bezeichnete, übt er sich diesmal in Zurückhaltung. Immer wieder nickt er, als würde er damit das bestätigen wollen, was er gerade hört. Ein Polizist erzählt, dass am 12. Dezember um 17.22 Uhr der gesetzliche Betreuer eines alkoholkranken Mannes bei der Polizeiinspektion Bad Ems anrief. Und dass der Mann behauptete, in einer Wohnung an der Wipsch liege ein Toter in der Badewanne.

Gegen 18 Uhr standen zwei Polizisten vor der besagten Wohnung. Wladimir E. öffnete ihnen die Tür, führte die Beamten zum Badezimmer, wo der Tote lag, setzte sich im Anschluss wieder ins Wohnzimmer und aß die Reste seines Döners vom Vorabend. „Er schien über die Leiche nicht erstaunt und zeigte kein Interesse“, sagt einer der Polizisten vor Gericht. Derweil hing der Mieter der Wohnung dem Beamten zufolge in der Ecke seines kaputten Sofas, schnarchend und nicht ansprechbar. Der Boden der Wohnung war gepflastert mit Kippenstummeln und Essensresten, Wände und Türrahmen waren mit Blutanhaftungen versehen. Die Polizisten nahmen die beiden Männer mit zur Dienststelle, ebenso zwei weitere, die bis kurz vorm Eintreffen der Beamten in der Wohnung gewesen sein sollen. Alle vier sind polizeilich bekannt, alle vier wurden vorerst als Beschuldigte geführt, alle vier waren zum Zeitpunkt ihrer Festsetzung alkoholisiert – der Nüchternste hatte 1,7 Promille. Ein Kriminalbeamter erklärt im Prozess, dass keiner von ihnen zu Angaben imstande war – außer einer, Vitali F. „Ich sagte ihm, dass die alle zum Haftrichter müssen“, erinnert sich der Polizist. „Da riss der die Hände nach oben und meinte nur: Nein, nein, Wladimir mit Flasche auf Kopf.“

So kam Wladimir E. in Untersuchungshaft – und die anderen drei Männer zurück in Freiheit. Ein Umstand, der E.s Anwalt René Kleyer fassungslos macht. Im Gespräch mit unserer Zeitung kritisiert der Jurist: „Man steckt meinen Mandanten ins Gefängnis, weil ein volltrunkener Mann ihn beschuldigt.“ Er ist überzeugt davon, dass sich das Geschehen anders als in der Anklage ereignete. Und dass nicht sein Mandant, sondern Vitali F. Schuld an Wolfgang D.s Tod trägt.

Ganz abwegig scheint seine Vermutung nicht. Eine Polizistin schilderte im Prozess ein Gespräch mit einer Frau, die überhaupt erst den Betreuer über den Toten informiert hatte. Die Frau habe der Polizistin von einem Telefonat mit Vitali F. berichtet. In diesem soll er ihr erzählt haben, dass er mit Wolfgang D. gestritten und ihm mit einer Jägermeisterflasche auf den Kopf geschlagen habe. Und: Sie solle ruhig bleiben, bloß niemanden anrufen. Die Polizistin führte einen Atemalkoholtest bei der Frau durch. Ergebnis: null Promille. Anwalt René Kleyer fragt sich, warum man offenbar einem Mann im Vollrausch eher glaubt, als einer nüchternen Frau.

Das letzte Lebenszeichen von Wolfgang D. stammt vom 12. Dezember um 0.28 Uhr. Auf Überwachungsvideos einer Bank ist zu sehen, wie er gemeinsam mit Wladimir E. 200 Euro von seinem Konto abhebt. Der Kontoauszug wird später bei Vitali F. gefunden. Der Prozess geht am 11. Juli weiter.

Von unserem Reporter Eugen Lambrecht

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