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Kaub

Kauber Bürger rätseln über gelbe Flecken: Behörden eingeschaltet

Kleine gelbe Flecken haften auf Autos und an Häusern geben den Bürgern in Kaub Rätsel auf. Ein Zusammenhang mit den Spritzungen der Weinberge per Hubschrauber wird vermutet.

Wo kommen die gelben Flecke her? Viele Kauber Bürger vermuten einen Zusammenhang mit den Hubschrauberspritzungen in den Weinbergen.
Wo kommen die gelben Flecke her? Viele Kauber Bürger vermuten einen Zusammenhang mit den Hubschrauberspritzungen in den Weinbergen.
Foto: Ulrike Bletzer

Von unserer Mitarbeiterin Ulrike Bletzer

"Halb Kaub hat die Windpocken", sagt Marion Renner und führt den Besucher durch die Straßen. In der Tat: Es sind mysteriöse, teils verblasste, teils leuchtend gelbe Tupfer und Flecken, die zäh wie Kaugummi vor allem an den Autos, aber auch an Wänden, Dachfenstern und anderen Flächen haften. Betroffen sind vor allem Blücherstraße, Marktplatz und Schulstraße – jener Bereich von Kaub also, der sich rings um die Weinlagen Blüchertal und Rauschelay zieht. "Auf die Idee, dass es etwas mit den Hubschrauberspritzungen zu tun haben könnte, sind wir erst nach der Spritzung am 7. Juli gekommen", erzählt Marion Renner, Anwohnerin der Blücherstraße. "Erst da ist uns der zeitliche Zusammenhang aufgefallen. Aufgetreten sind die Flecken aber schon nach der Spritzung am 26. Juni." Und auch beim letzten Spritztermin in diesem Jahr am 4. August tauchte das Phänomen, wenn auch in abgeschwächter Form, auf.

Kontrollbehörden eingeschaltet

Zwar hatte die Firma Stockmanns Ende Juli gegenüber unserer Zeitung erklärt, dass die verwendeten Mittel unschädlich seien (wir berichteten) – doch für Marion Renner und einige andere Anwohner war das erneute Auftauchen der gelben Flecken Anlass, sich Gedanken über mögliche gesundheitliche Folgen zu machen. Was, wenn die gelben Flecken von den gespritzten Pflanzenschutzmitteln stammen? Denn auch wenn diese Mittel offiziell zugelassen sind und auch wenn sie sich, einmal freigesetzt, in der Regel innerhalb kurzer Zeit wieder abbauen: Harmlos erscheint den Zulassungsberichten des Bundesamtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit zufolge keines von ihnen.

"Gesundheitsschädlich beim Einatmen", heißt es dort beispielsweise über das Pflanzenschutzmittel Funguran, das am 4. August in Kaub gegen die Pilzerkrankung Falscher Mehltau gespritzt wurde, "Verdacht auf Krebs erzeugende Wirkung" über das Mittel Folpan 80 WDG, das bei einer weiteren Spritzung am 22. Juli zum Einsatz kam. Nicht ohne Grund bestehen strenge Vorgaben für die Anwendung dieser Präparate – einschließlich der seit 2012 genehmigungspflichtigen und ausschließlich für Steillagen zulässigen Hubschrauberspritzungen. "Insbesondere dürfen Flächen, die von unbeteiligten Dritten genutzt werden, nicht vom Sprühnebel getroffen werden", ist unter anderem auf der Internetseite der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) als Kontrollbehörde nachzulesen.

Genau das aber sei passiert, vermutet Marion Renner und reicht Beschwerde bei der ADD ein. Die schickt am 14. Juli zwei Mitarbeiter ihrer Koblenzer Außenstelle zum Vor-Ort-Termin nach Kaub. "Im Rahmen der Kontrolltätigkeit der ADD wurde die Substanz an insgesamt 30 Stellen aufgenommen und zu einer Probe und zwei Rückstellmustern zusammengestellt, um Aufschluss darüber zu erhalten, ob eventuell Pflanzenschutzmittelwirkstoffe darin enthalten waren", teilt die ADD-Pressestelle auf Anfrage der RLZ mit.

Die Probe geht zur Analyse an die Landwirtschaftliche Forschungs- und Untersuchungsanstalt (Lufa) in Speyer. Knapp vier Wochen dauert es von diesem Zeitpunkt an, bis die ADD das Ergebnis mitteilt. Knapp vier Wochen des Wartens und der Besorgnis zumindest für einige der betroffenen Kauber Bürger – etwa, was den unmittelbar am Spritzgebiet entlangführenden Rheinsteig oder die Kindertagesstätte in der Schulstraße betrifft. Wobei die Standpunkte zum Teil voneinander abweichen. "Die Auflagen müssen ohne Einschränkung eingehalten werden", beharrt Marion Renner.

Bürger im Vorfeld informieren

Es lasse sich in der Praxis, zumal bei Wind, wohl kaum vermeiden, dass ein Teil des Sprühnebels außerhalb der Weinberge lande, meint dagegen ihr Nachbar Heiko Kretschmer: "Aber man muss die Bürger im Vorfeld besser über die Hubschrauberspritzungen informieren, damit sie Vorsorge treffen können – etwa indem sie sich zu dem betreffenden Zeitpunkt nicht im Freien aufhalten." Das vorgeschriebene Prozedere, dass die Spritzgemeinschaften der ADD ihre Termine 48 Stunden per E-Mail mitteilen, damit sie sie auf ihre Internetseite stellt, reicht seiner Ansicht nach nicht aus. "Hier in Kaub wohnen viele ältere Menschen, die nicht so mit dem Internet vertraut sind", gibt er zu bedenken: "Da muss man zu anderen Methoden wie Aushang oder Zetteleinwurf in den Briefkasten greifen." Wenig praktikabel, wendet Andreas Mollink, Mitarbeiter der Firma Stockmanns, die die Hubschraubereinsätze für die Spritzgemeinschaft Oberwesel organisiert, ein.

Werden die Weinberge während der Spritzungen gesperrt?, fragen sich die Skeptiker. "In anderen Orten, in denen die Spritzfläche größer ist, stellen wir Schilder auf", antwortet Andreas Mollink. "Aber in Kaub ist die Fläche so klein, dass der Hubschrauber in ein bis zwei Minuten durch ist. Außerdem sieht der Pilot, wenn sich jemand unten im Weinberg befindet, und spritzt dann nicht."

Was beruhigend klingt, aber offenbar nicht in jedem Fall zutrifft. Er habe am Nachmittag des 7. Juli gerade in seiner kleinen Weinberg-Parzelle gearbeitet, als er den Hubschrauber habe kommen hören, erinnert sich Thomas Werr: "Da habe ich mich schnell ins Auto gesetzt und bin 50 Meter höher gefahren." Von dort aus habe er beobachtet, wie der Wind den Sprühnebel in Richtung Tal trug, fügt er hinzu: "Das sah nicht so gelungen aus." Inge Konrad, Anwohnerin der Blücherstraße, hat den 7. Juli dagegen aus einem anderen Grund in Erinnerung. "An diesem Tag kam der Hubschrauber nicht wie üblich von der anderen Rheinseite, sondern von der Burg Gutenfels und ist dann im Tiefflug über die Häuser geflogen", erzählt sie. "Nicht auszudenken, wenn ein Hubschrauber in so einem Moment abstürzt."

Viele offene Fragen also. Und die Laboruntersuchung? "Zwischenzeitlich liegen der ADD die Untersuchungsergebnisse der Lufa Speyer vom 6. August vor", mailt die Pressestelle der ADD am 14. August. "Die Proben wurden auf circa 508 verschiedene Pflanzenschutzmittelwirkstoffe untersucht. Es konnte keiner dieser Wirkstoffe nachgewiesen werden."

Phänomen auch in Koblenz-Lay

Eine E-Mail identischen Inhalts erhält auch Christina Feinen, Mitarbeiterin des Koblenzer Umweltamts. Eine Anwohnerin der an einen Weinberg angrenzenden Straße "Am Hubertsborn" in Koblenz-Lay hatte sie angerufen, weil dort Ende Juni nach einer Hubschrauberspritzung ebenfalls gelbe Flecken aufgetaucht waren. "Die Dame sagte mir, das Phänomen sei vor zwei Jahren zum ersten Mal aufgetreten", berichtet Christina Feinen. "Wir haben das Ordnungsamt hingeschickt, um Fotos zu machen, und ich habe dann per E-Mail bei der ADD angefragt, ob die Sache im Zusammenhang mit den Hubschrauberspritzungen stehen könnte." Die ADD verweist auf das negative Untersuchungsergebnis der in Kaub genommenen Proben – mit dem Schluss, dass es sich logischerweise auch in Koblenz-Lay nicht um Ablagerungen von Pflanzenschutzmitteln handeln könne. Bleibt das ungelöste Rätsel: Was steckt hinter den mysteriösen gelben Flecken?

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