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Bad Ems

Emser Pastillchen für zwei Stimmbänder: Preisträgerin seziert das starke Geschlecht

Fast hätten sie einem leidtun können, die sogenannten Herren der Schöpfung. Oder wie die Kabarettistin höchstpersönlich es formulierte: "Die Männer begrüße ich natürlich ganz besonders herzlich – es ist schön, dass Sie heute Abend den Humor besitzen, mir unter die Augen zu treten." In der Tat: Ohne besagten Humor, ohne Sinn für satirische Spitzen und politisch natürlich völlig inakzeptable Übertreibung hätte der eine oder andere es für starken Tobak halten können, was da gut anderthalb Stunden lang abging. Tina Teubner, diesjährige Preisträgerin des Preises "Emser Pastillchen für zwei Stimmbänder", nimmt sich die Männer auf dem Seziertisch vor.

Foto: ulrike Bletzer

Von unserer Mitarbeiterin Ulrike Bletzer

Muntere Attacken

Scharfzüngig wie ausdauernd wird das vermeintlich starke Geschlecht in ihrem Programm "Männer brauchen Grenzen" analysiert, kritisiert und oft genug munter attackiert. Immer augenzwinkernd und letztendlich harmlos, versteht sich. Denn, so Tina Teubner wörtlich: "Ich liebe meinen Mann, sehr sogar. Ich hab’s nur nicht immer auf dem Schirm." Mit dem Programm "Aus dem Tagebuch meines Mannes" trat sie im April 2013 zum ersten Mal im CasaBlanca auf und überzeugte die "Pastillchen"-Jury, ihr einstimmig den "schönsten Kabarettpreis nördlich des Äquators" und, wie CasaBlanca-Intendant Josef Winkler ergänzte, "insbesondere zwischen Fachbach und Dausenau", zu verleihen. "Sie hat ihn sicherlich verdient", fügte Winkler mit gespielter Zerknirschung hinzu, "das muss ich als Mann einräumen".

Es war Musikkabarett vom Feinsten, was das Publikum im Badhaus geboten bekam. Präzise, hellsichtig, hintergründig. Mal subtil-feinsinnig, mal zum Brüllen komisch. In Sekundenbruchteilen wusste Tina Teubner, die sich als "begnadete Melancholikerin mit ausgeprägter Tendenz zu humorvollen Lösungen" bezeichnet, zwischen den Tonlagen "hauchzart" und "dick aufgetragen" zu changieren. Etwa als sie vom Weltschmerz ergriffen resümierte: "Das ist jetzt unser Leben ... Scheißwetter für August, oder?"

Der Baumarkt-Fetischist, dem die neue Bohrmaschine wichtiger als die eigene Frau ist; der Ökofreak, der im Grunde nur mit seiner Weltanschauung recht behalten will; der Sensible, der in Wahrheit nur beziehungsunfähig ist – es gab kaum eine Unterkategorie der Gattung Mann, die an diesem Abend nicht ihr Fett abbekam. Herzerfrischend weit weg von jeder "Political correctness", denn, wie Tina Teubner ihren Ansatz eingangs erklärte: "Um Struktur in dieses komplexe Thema zu bringen, habe ich die guten Eigenschaften den Frauen zugeschrieben und die schlechten den anderen. Das ist stark vereinfacht, ich weiß. Aber erstens soll es ja lustig sein, und zweitens sollen es auch die Männer verstehen können."

Ohne pädagogischen Impetus, ohne Willen, den Mann zum vollwertigen Menschen zu therapieren, geht es für die "alleinerziehende Ehefrau" Tina Teubner eben nicht. "Wenn ich ein mittelmäßiges Kleid im Schaufenster sehe, denke ich doch auch, da kann man was Nettes draus machen", sagt sie.

Pointen voller Boshaftigkeit

So reihte sich Pointe an Pointe, und so folgte Boshaftigkeit auf Seitenhieb – vorgetragen mit viel Charme und clownesker Verschmitztheit. Doch was wäre der Geschlechterkrieg ohne direktes Gegenüber? Diesen Part lieferte Teubners Bühnenpartner Ben Süverkrüp, der die Kabarettistin nicht nur kongenial am Klavier begleitete, sondern ihr auch als dankbares Veranschaulichungs- und Erziehungsobjekt diente. Köstlich, wie die beiden ein altes Ehepaar mimten, das um des schönen Scheins willen absolut synchron stets übereinstimmend dasselbe sagt, sich dann aber irgendeiner Nichtigkeit wegen doch noch in die Haare gerät und so lange hochschaukelt, bis es sich absolut synchron anschreit.

Gänzlich ging auch die männliche Sichtweise bei dieser Veranstaltung nicht unter. So demonstrierte Ben Süverkrüp in einem fulminanten Klaviersolo, einem ebenso halsbrecherischen wie souveränen Ritt durch weltberühmte Melodien, was wohl passiert wäre, wenn sich die großen Komponisten von einst in ihrem Schaffensprozess von den Frauen hätten stören lassen. "Ludwig, deine Mutter hat angerufen", "Wolfgang, du bringst heute Abend die Kinder ins Bett", parodierte Süverkrüp mit piepsiger Stimme. Auch bei Tina Teubner kam das eigene Geschlecht nicht ganz ungeschoren davon. "Wie bekommen wir es eigentlich hin, jede noch so skurrile Begegnung zur Liebe zu erklären?", fragte sie selbstkritisch. "Warum hauen wir nicht auf den Putz, sondern rammen stattdessen vorwurfsvoll mit dem Staubsauger ans Stuhlbein?"

Auch leisere Töne

Unverkennbar hat die Kölnerin auch leisere Töne im Repertoire – was nicht zuletzt in ihren selbst getexteten, mit präziser Intensität vorgetragenen und teils von Geigenspiel begleiteten Liedern zum Ausdruck kam. "Wenn ich gerade kein Problem habe, dann mache ich mir eben eins" heißt es beispielsweise in dem Chanson "Frauen" nachdenklich. Hatte Teubner ihre Zuhörer noch mit drastischen Worten in die Pause entlassen, so waren danach zumindest teilweise auch ernste Töne angesagt. In puncto Alter zum Beispiel: "Alle warten darauf, dass die Zukunft zur Tür hereinmarschiert kommt", verkündete die 48-Jährige zum Thema vertane Lebenschancen. "Das tut sie aber nicht – sie ist ja nicht blöd." Da war er wieder, der kabarettistische Schlenker, der kokette Dreh vom Ernsten ins Humoristische bis Klamaukhafte. Eine perfekte Mischung aus Tief- und Blödsinn.

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