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Lahnstein

"Arisiert" oder erworben: Die Geschichte einer Lahnsteiner Chemiefabrik

Mit elegantem Schwung überquert die Brücke der B42 kurz hinter Oberlahnstein die Gleise der rechtsrheinischen Bahnstrecke. Hier, direkt am Rheinufer, erstreckt sich das weitläufige Fabrikgelände der Firma Zschimmer & Schwarz.

Von Armin H. Flesch

Das Stammwerk von den Zschimmer & Schwarz vor den Toren Braubachs beschäftigt rund 500 Mitarbeiter.
Das Stammwerk von den Zschimmer & Schwarz vor den Toren Braubachs beschäftigt rund 500 Mitarbeiter.
Foto: Tobias Lui

Die meisten Gebäude sind hell und freundlich verkleidet und strahlen in der Sonne. Schräg vis-à-vis liegt Schloss Stolzenfels, der Rhein fließt breit und behäbig vorbei und die biologische Kläranlage von Zschimmer & Schwarz sorgt dafür, dass die Firmenabwässer das schöne Bild nicht trüben.

Dafür sorgt auch der Umgang des mittelständischen Chemieunternehmens in Familienbesitz mit seiner eigenen Geschichte. Und die ist dem Unternehmen wichtig, auf der Homepage findet man den entsprechenden Reiter ganz oben: "1894 gründeten Otto Zschimmer und Max Schwarz in Chemnitz eine Chemikalien-, Farben- und Drogengroßhandlung. Das Unternehmen entwickelte sich rasch und erfreulich gut." Chemnitz, das sich später vorübergehend Karl-Marx-Stadt nannte, liegt in Sachsen und war zwischen 1945 und 1990 kein bevorzugter Standort für familiengeführte Unternehmen. So ist leicht vorstellbar, warum sich der Hauptsitz von Zschimmer & Schwarz nicht mehr dort, sondern in Lahnstein befindet. Wann die Firma in den Westen kam, erfährt der Interessierte ebenfalls auf deren Homepage: "1939 wurde in Lahnstein am Rhein eine Chemie- und Gerbstofffabrik erworben. Sie bildete nach dem Krieg die Basis zum Aufbau des Hauptsitzes der heutigen Firmengruppe." Unter welchen Bedingungen diese Fabrik jedoch erworben wurde, wie sie zuvor hieß und wem sie gehörte, darüber verrät uns www.zschimmer-schwarz.com leider nichts.

Unter www.familienunternehmer.eu findet man im Internet die Homepage des eingetragenen Vereins gleichen Namens, der sich so hehren Werten wie Freiheit, Eigentum, Wettbewerb und Verantwortung verpflichtet fühlt. Regionalvorsitzender für Rheinhessen ist Christian Rudolf Schwarz. Der 47-Jährige ist zugleich einer von 25 Kommanditisten der Zschimmer & Schwarz Holding GmbH & Co KG. Auch er möchte die Frage, wie sein Unternehmen an den Rhein kam, lieber nicht beantworten: "Wenden Sie sich mit Ihrer Anfrage an die Geschäftsleitung in Lahnstein."

Herbert Flesch
Herbert Flesch

Die Geschäftsleitung, namentlich Dietmar Clausen, einer der drei Geschäftsführer von Zschimmer & Schwarz, steht zu einem Interviewtermin ebenfalls nicht zur Verfügung. Die Erwähnung des ursprünglichen Namens der Lahnsteiner Fabrik, der "Flesch-Werke AG" mit Hauptsitz in Frankfurt am Main, werde auf der Homepage demnächst nachgeholt, der Kauf des Lahnsteiner Werks sei rechtmäßig verlaufen. Außerdem habe man 2014 eine Firmenchronik herausgegeben, in der alles korrekt dargestellt werde.

Einige Tage nach dem Telefonat mit Dietmar Clausen trifft ein Brief aus Lahnstein ein. Aus dem Umschlag kommen sechs fotokopierte Blätter mit dem Kapitel der Firmenchronik, das die Übernahme der Flesch-Werke beschreibt. Scheinbar ein völlig normaler Vorgang: "Die Gerbstoffwerke Carl Flesch jr. gerieten […] in wirtschaftliche Schwierigkeiten und verpfändeten 1926 ihre Aktien an ein Bankenkonsortium unter Führung der Dresdner Bank. Die Kredite konnten nicht zurückgezahlt werden, und so entschlossen sich die Banken im September 1937, die Aktien zu versteigern. Käufer war das Berliner Bankhaus Hardy & Co., das die Aktien allerdings wenige Monate später an einen Privatinvestor verkaufte."

Der Name des "Privatinvestors" wird jedoch ebenso wenig erwähnt wie der Umstand, dass tatsächlich zwei Herren die Flesch-Aktien für jeweils 100.000 Reichsmark übernahmen. Beim ersten handelte es sich um Carl Goetz, seit 1933 Vorstandssprecher der Dresdner Bank und ab 1936 ihr Aufsichtsratsvorsitzender. Die Dresdner Bank – Hausbank der SS und mit zwei Vorständen und einem Direktor im "Freundeskreis Reichsführer SS" vertreten – war mehr als jedes andere deutsche Geldinstitut in die Arisierung jüdischer Unternehmen verwickelt. In der Chronik von Zschimmer & Schwarz ist sie nur eine Bank, "die den Nationalsozialisten nahegestanden haben soll."

Otto Eberhard
Otto Eberhard

Im Fall der Flesch-Werke immerhin besonders nah, denn Privatinvestor Nummer zwei ist der thüringische NSDAP-Gauwirtschaftsberater Otto Eberhardt. Die sogenannten Gauwirtschaftsberater spielten bei der Arisierung eine zentrale Rolle, indem sie Firmendossiers anlegten, durch die Einschaltung von Justiz und Gestapo Druck auf jüdische Eigentümer ausübten, von kooperierenden Gläubigerbanken Kredite kündigen ließen und nach potenziellen Käufern Ausschau hielten.

Exakt nach diesem Drehbuch verläuft auch die Arisierung im Fall der Flesch-Werke AG, wie man in alten Akten des hessischen Hauptstaatsarchivs in Wiesbaden nachlesen kann: Parallel zur Kündigung des Bankkredits wird Hauptaktionär und Vorstandsvorsitzender Herbert Flesch wegen angeblicher Devisenvergehen denunziert und sitzt daraufhin für elf Monate in Gestapohaft. Sein Vater Carl Flesch, Aufsichtsratsvorsitzender der AG, wird derweil unter Druck gesetzt, seinen Sohn aus der Geschäftsleitung zu entlassen. Nachdem dies erfolgt ist, kommt Herbert Flesch 1935 aus der Haft frei, man gibt ihm seinen Reisepass zurück und zeigt ihn und einen seiner Chemiker erneut an, diesmal wegen angeblichen Landesverrats. Um einer weiteren Inhaftierung zu entgehen, verlässt Flesch über Nacht Deutschland. Kurz darauf stirbt sein Vater, und die Ariseure haben freie Bahn. Einen Tag nach Herbert Fleschs Zwangsausbürgerung im Jahr 1937 werden die Aktien zunächst an Hardy & Co, eine Tochter der Dresdner Bank, verkauft und wenig später an Goetz und Eberhardt weitergereicht. Kurz darauf bezieht Eberhardts Bruder Wilhelm in Koblenz-Oberwerth eine Villa und übernimmt die Leitung der Oberlahnsteiner Fabrik.

Die Kooperation von Carl Goetz und Otto Eberhardt ist kein Zufall, die beiden waren seit langem befreundet. Zusammen mit Fritz Sauckel, seit 1927 NSDAP-Gauleiter von Thüringen, saßen sie während des Ersten Weltkriegs im selben französischen Kriegsgefangenenlager. Nun sitzen sie an den Schaltstellen von Staat, Partei und Wirtschaft und bilden ein in Arisierungsangelegenheiten höchst erfolgreich agierendes Trio. Über Goetz und die Erben Eberhardts, der im Januar 1939 bei einem Verkehrsunfall gestorben ist, gelangen die Flesch-Werke in Oberlahnstein noch im selben Jahr in den Besitz von Zschimmer & Schwarz.

Am 2. September 1941 nimmt die Industrie- und Handelskammer Frankfurt auf der Karteikarte der Flesch-Werke AG den letzten Eintrag vor: "Obige Firma ist laut Eintragung in das Handelsregister des Amtsgerichts Niederlahnstein unterm 19.6.1941 wie folgt geändert worden: Zschimmer & Schwarz, Chemische Fabrik und Gerbstoffwerk Oberlahnstein A.G." Der Eintrag endet mit dem Satz: "Die Überführung in arischen Besitz ist bereits vor einigen Jahren erfolgt."

Fragt sich, warum ausgerechnet Zschimmer & Schwarz aus dem fernen Chemnitz die Fabrik kauft? Die Firmenhomepage liefert den ersten Hinweis, alles Weitere findet man in den Landes- und Staatsarchiven in Koblenz und Weimar: Zschimmer & Schwarz besitzt seinerzeit eine Fabrik im thüringischen Greiz-Dölau. Werksleiter dieses "Nationalsozialistischen Musterbetriebs" und Mitinhaber des Unternehmens ist Dr. Ing. Rudolf Friedrich Wilhelm Schwarz, NS-Parteigenosse seit 1933, Mitglied in vier Parteiorganisationen sowie ab 1936 Kreiswirtschaftsberater der NSDAP im Landkreis Greiz. Damit gehört er zum Stab Otto Eberhardts und ist unter anderem für die Erfassung all jener Unternehmen im Landkreis zuständig, die man gewinnbringend zu "entjuden" gedenkt. Seine Informationen reicht Rudolf Schwarz an Eberhardt weiter; in umgekehrter Richtung wechselt eine hübsche, frisch arisierte Fabrik am Rhein den Besitzer, die bestens ins Unternehmensprofil von Zschimmer & Schwarz passt. Dessen ungeachtet wird Dr. Rudolf Schwarz später, bei seiner Entnazifizierung, behaupten, durch seine Parteimitgliedschaft "keinerlei Vorteile gehabt" zu haben: "Meine, wenn auch geringe Tätigkeit als Kreiswirtschaftsberater hat mich nur noch von meiner beruflichen Arbeit abgehalten." Herbert Flesch, der zunächst nach Paris, später nach Barcelona geflohen war, überlebt den Krieg im kolumbianischen Barranquilla. Doch Verfolgung und Gestapohaft haben Spuren hinterlassen. Die Angst vor Antisemitismus in einem südamerikanischen Land, in dem viele Deutsche leben, sitzt so tief, dass er sich katholisch taufen lässt und jeden Hinweis auf seine jüdische Herkunft vermeidet.

Auch in Kolumbien ist Herbert Flesch ein erfolgreicher Unternehmer; praktisch aus dem Nichts baut der studierte Chemiker dort das größte Produktionsunternehmen des Landes für Farben und Lacke auf. Nach 1945 versucht er, die Rückgabe seiner Flesch-Werke-Aktien einzuklagen. Den Verlust ihres einzigen westdeutschen Werks wollen die neuen Eigentümer jedoch ebenso vermeiden wie die an der Arisierung beteiligten Banken und "Privatinvestoren" eine Entschädigungszahlung. In der Chronik von Zschimmer & Schwarz liest sich das so: "Der Rechtsanwalt von Z&S kontaktierte zu Beginn des Verfahrens alle früheren Eigentümer der Aktien. Daraufhin traten das Bankhaus Hardy & Co. sowie die Dresdner Bank dem Prozess als sogenannte Streithelfer bei und schlossen sich in vollem Umfang den Ausführungen von Z&S an." Die Kooperation der geübten "Streithelfer" zahlt sich aus: Herbert Flesch, der Deutschland 1935 fluchtartig hatte verlassen müssen, kennt die Verbindungen zwischen Carl Goetz, Otto Eberhardt und Rudolf Schwarz nicht. Er kann die Machenschaften der Dresdner Bank und aller an der Arisierung beteiligten Denunzianten, Nazifunktionäre und Bürokraten vor dem Landgericht Koblenz nicht beweisen und verliert das Verfahren.

Bis heute stützen sich das Unternehmen Zschimmer & Schwarz und sein Kommanditist Christian Rudolf Schwarz auf das Urteil von 1951 und die Behauptungen der an der Arisierung beteiligten Banken: Die Flesch-Werke waren seit den Zwanzigerjahren heruntergewirtschaftet, die Firmenleitung inkompetent und die Kreditkündigung ein ganz normaler Vorgang. Kann das stimmen? Im historischen Archiv der einstigen Dresdner Bank in Frankfurt am Main befindet sich jedenfalls ein Dokument, dass diese Behauptung höchst unglaubwürdig erscheinen lässt. In einer internen Auskunft der Dresdner Bank an die Zentrale in Berlin aus dem Jahr 1933 heißt es über die Flesch-Werke unter anderem: "Die Leitung der Firma gilt allgemein als sehr rührig und geschickt. Wir selbst unterhalten mit der Gesellschaft seit Jahren eine ausgedehnte Geschäftsverbindung und glauben, dass die Firma für die im Rahmen ihres Geschäftsumfangs beanspruchten Kredite als gut zu betrachten ist." Klingt das nach einem seit Jahren unsicheren Kreditnehmer, den man schnellstens zwangsversteigern sollte? Oder doch eher nach einem Unternehmen, das man arisieren und mit Gewinn weiterverkaufen könnte?

Herbert Flesch wird es nicht mehr gelingen, vor einem deutschen Gericht Recht zu bekommen. 1979 stirbt er 89-jährig in Barcelona. Sein Sohn Gerhard erlebte die Flucht aus Deutschland als Jugendlicher; ein regulärer Schulabschluss und ein Studium blieben ihm verwehrt. Er lebt 95-jährig noch immer in Kolumbien, finanziell unterstützt durch seine drei Söhne. Bis heute fällt es ihm schwer, über die Schrecken der Vergangenheit zu sprechen. Carl Goetz, den die Amerikaner von April 1946 bis Dezember 1947 inhaftiert hatten, gelangt nach Gründung der Bundesrepublik schnell zu altem Einfluss. 1952 wird er Aufsichtsratsvorsitzender der Rhein-Ruhr Bank AG, einem der Nachfolgeinstitute der nach dem Krieg zerschlagenen Dresdner Bank. Nach deren erneutem Zusammenschluss im Jahr 1957 ist Carl Goetz bis kurz vor seinem Tod ihr Aufsichtsratsvorsitzender, schließlich sogar Ehrenvorsitzender. Er wird mit dem Großen Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband, einem der höchsten Orden der Bundesrepublik, ausgezeichnet und stirbt hochgeehrt im Jahr 1965 in Essen.

Rudolf Schwarz, der einstige NSDAP-Kreiswirtschaftsberater, kehrt nach kurzer Kriegsgefangenschaft 1945 nicht mehr nach Greiz oder Chemnitz zurück, sondern geht direkt nach Oberlahnstein. Dort arbeitet er am Aufbau der Firma Zschimmer & Schwarz im Westen. Wegen seiner Nazi-Vergangenheit tritt er offiziell in die zweite Reihe zurück und fungiert zunächst als einfacher Angestellter. Sein Vater, Firmenchef Max Schwarz, NSDAP-Mitgliedsnummer 4291298, bekommt das Bundesverdienstkreuz und wird Ehrenbürger der Stadt Lahnstein. Die Straße, an der die ehemaligen Flesch-Werke liegen, trägt heute seinen Namen.

Bad Ems Lahnstein
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